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Aus: Ausgabe vom 25.02.2026, Seite 3 / Inland
Warnstreik in Hessen

Bewegt sich was in den Tarifverhandlungen?

Hessenweit sind Verkehrsarbeiter in den Streik getreten. Die Stimmung war gut, berichtet Thomas Heimbürger
Interview: Gitta Düperthal
Warnstreik im ÖPNV in Hessen(1).jpg
Die Gewerkschafter zeigen Flagge im VGF-Betriebshof Gutleut (Frankfurt am Main, 24.2.2026)

Am Dienstag ab Betriebsbeginn um drei Uhr morgens fuhren alle neun U-Bahn- und zehn Straßenbahnlinien der städtischen Verkehrsgesellschaft Frankfurt am Main, VGF, nicht mehr. Warum werden Sie am Wochenende weiter streiken?

Wir verlangen eine einheitliche Regelung für die Tarife im öffentlichen Nahverkehr in den Bundesländern und hatten im November dem Arbeitgeber Forderungen übergeben. Gegenstand der Verhandlungen sind überall Arbeitsbedingungen, Entlastungen bei der Wochenarbeitszeit und bei Schichtdiensten, höhere Zuschläge für Arbeit in der Nacht und am Wochenende. Der ÖPNV in der BRD ist nicht gerade auf Rosen gebettet. Wegen Personalmangels musste auch die VGF den Fahrplan bereits ausdünnen. Ziel ist, mit besseren Bedingungen Arbeitsplätze in den öffentlichen Verkehrsbetrieben abzusichern. Mit dem kommunalen Arbeitgeberverband Hessen verhandeln wir Folgendes: Bei einer Zusatzqualifikation erhalte ich zwar mehr Geld, zugleich aber wird die Stufenregelung nach Betriebszugehörigkeit wieder auf Null zurückgestellt. Am Ende kann das bedeuten, dass man, höher qualifiziert, bis zu 70 Euro weniger im Monat hat. Das darf aber nicht sein.

In der ersten Stufe liegen nach Tarifvertrag Nahverkehr, dem TV-N Hessen, die Gehälter für Straßen- und U-Bahnfahrer je nach Entgeltgruppe zwischen rund 3.120 und 3.470 Euro brutto im Monat.

Mit zunehmender Berufserfahrung steigen die Gehälter zwar, aber angesichts der hohen Mieten in Frankfurt ist es trotzdem zuwenig.

Was fordern Sie also?

Wer Straßenbahn, U-Bahn oder Bus fährt, arbeitet in Schichten. Zuschläge für Nachtarbeit gibt es, nicht aber für Schichtarbeit. Wir müssen genau diese unangenehmen Zeiten ab drei Uhr nachts – am Wochenende oder Feiertag – aushalten. Wir erwarten insgesamt angemessen erhöhte Zuschläge. Seit der Tarifrunde 2024 fordern wir bessere Bedingungen für Mechanikerinnen und Mechaniker, die wegen Klimawandel und Mobilitätswende mit neuen Antriebssystemen von Wasserstoff- und Elektrobussen umgehen können müssen.

Und bewegt sich was?

Nein. Wir haben schon drei Verhandlungsrunden hinter uns. Dann aber negierten die Arbeitgeber nach der zweiten Runde plötzlich alles, was wir besprochen hatten, und legten uns ein Papier mit ihren Forderungen vor: Sie wollen die vereinbarte Zulage zur Mitarbeitergewinnung und das aufgestockte Krankengeld kürzen. Deshalb haben wir jetzt den Arbeitskampf begonnen.

Für U- und Straßenbahnen ist in der Stadt die VGF zuständig; für Busse sind es Traffiq und weitere Betreiber. S-Bahnen und Regionalzüge organisiert der Rhein-Main-Verkehrsverbund, Betreiber ist die Deutsche Bahn. Fahrer von U-Bahnen wurden auf Bussen eingesetzt, mussten sich dann bei Fahrgästen nach Haltestellen erkundigen. Weiß die eine Hand noch, was die andere tut?

Alle haben unterschiedliche Tarifverträge. Wer U-Bahn fährt, muss nicht mehr plötzlich auf einen Bus umsteigen. Allerdings werden wegen Personalmangels Leute aus Hamburger oder Berliner Betrieben angefordert, die entsprechend kaum Ortskenntnisse haben.

Wie ist die Beteiligung am Streik?

Die Stimmung ist gut, die Posten im Streiklokal standen. Bis Dienstag morgen waren 250 Leute da. Beschäftigte anderer Schichten kamen später, auch um sich in die Liste fürs Streikgeld einzutragen. Wir schaffen es mit technischen Kräften aus Werkstätten und Fahrdiensten, den Verkehr in Frankfurt zum Stillstand zu bringen. In der Verwaltung ist der gewerkschaftliche Organisationsgrad niedrig. Traurig, wenn sich nur bis zu 50 Prozent am Streik beteiligen!

Wie kommt es dazu?

Wir sind nur ein Spiegelbild der Gesellschaft. In unserem Bildungssystem kommt das Wort Gewerkschaft kaum mehr vor, wird nicht erklärt.

Streiks treffen kurzfristig nicht die Gegenseite, sondern zunächst die Fahrgäste. Wie gehen Sie damit um?

Wahrgenommen wird nur, wenn wir mal nicht fahren. Verhandlungen werden wegen leerer kommunaler Kassen schwieriger. Wegen der demographischen Entwicklung gibt es Personalmangel. Wir müssen für gute Arbeitsbedingungen sorgen, damit der ÖPNV auch künftig funktioniert.

Thomas Heimbürger ist Straßenbahnfahrer, Betriebsratsvorsitzender der Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) und organisiert bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi

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