Warum ausgerechnet in dieser Gedenkstätte?
Interview: Marc Bebenroth
Unter den von den Nazis betriebenen Konzentrationslagern kommt Buchenwald eine eigene Rolle für das heutige Gedenken zu. Zum einen wegen der Selbstbefreiung der Häftlinge, zum anderen durch den Schwur der Überlebenden mit dem Ziel der »endgültigen Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln«. Weshalb fordern Sie von den Verantwortlichen gerade dieser Gedenkstätte eine »offene Thematisierung des Völkermords in Gaza«?
Man muss von allen Gedenkorten eine klare Haltung gegen Faschismus fordern. Buchenwald ist ein sehr besonderer Ort, gerade weil sich am 11. April 1945 die Insassen selbstorganisiert befreit haben. Es ist so wichtig, gerade dort eine antifaschistische Praxis einzufordern, weil die damaligen Gefangenen Antifaschisten waren.
Das bestehende Trageverbot für Kufijas und andere Symbole der Palästinenser ist eine besonders schlimme Form der Repression – während der israelische Genozid an den Palästinensern weiter andauert. Menschen, die eine Kufija als Solidaritätszeichen trugen, wurde der Zugang verwehrt. Forderungen nach einem Waffenstillstand und Frieden wurden kriminalisiert oder zensiert.
Die von dem Verein »Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost« unterstützte Kampagne »Kufiyas in Buchenwald« hat beim Gedenkstättenleiter keine Begeisterung ausgelöst. Am Sonntag schrieb Jens-Christian Wagner auf der Plattform X: »ALLE Versuche, die NS-Verbrechen im KZ Buchenwald zu relativieren, müssen entschieden zurückgewiesen werden.« Was hat Ihr Anliegen mit den Verbrechen der deutschen Faschisten, mit der Schoah zu tun?
Meine Vorfahren wurden in NS-Lagern ermordet. Aber ich lehne dieses zionistische Narrativ ab, wonach wir ständig eine Opferposition einnehmen müssen. Indem wir uns solidarisieren, zeigen wir Verantwortung. Meine Vorfahren kämpften gegen die Nazis und schon vor vier Generationen gegen den Zionismus. Sie waren im Jiddischen Arbeiterbund organisiert. Sie waren in der Kommunistischen Partei in Belgien organisiert. Sie waren aus ihrer Unterdrückung heraus Teil des antifaschistischen Kampfes in Europa. Sie hatten damals verstanden, dass ihre Befreiung mit der Befreiung der ganzen Menschheit einhergeht. Und so kämpfen heute Palästinenserinnen und Palästinenser in ihrem Land sowie in der Diaspora für Befreiung und Gerechtigkeit.
Derweil macht sich Deutschland fortwährend am Völkermord an den Palästinensern militärisch, finanziell, diplomatisch und auch ideologisch mitschuldig. Das ist die Doktrin der Staatsräson. Die Gedenkstätte Buchenwald ist ein Ankerpunkt, an dem das sichtbar wird. Gerade die Kufija ist ein Symbol für palästinensische Identität. Mit dem Verbot dieses Symbols wird der Versuch unternommen, die Solidarität mit den Palästinensern unsichtbar zu machen, sie im öffentlichen Raum auszulöschen.
Sie werfen den Verantwortlichen vor, israelische Propaganda zu verbreiten und ideologische Munition zu liefern für diesen Genozid. Wie kommen Sie darauf?
Sie wollen versuchen, das Gedenken an die Naziverbrechen unpolitisch zu machen, was unmöglich ist – durch ihre repressive Praxis mit Hausverboten sowie durch ihre ganz klare Vorstellung davon, wer reden darf, was gesagt werden darf, was man tragen darf. Als wäre die einzig mögliche Art, dort zu gedenken, eine, die in bedingungsloser Unterstützung zum genozidalen Staat Israel steht – obwohl dort Faschisten und Kriegsverbrecher an der Regierung sind.
Angenommen, Sie können Ihre Forderungen vollständig durchsetzen: Wie wäre damit den Palästinensern in Gaza und im Westjordanland geholfen?
Es wäre ein wichtiger Erfolg für den Kampf darum, dem Schwur von Buchenwald zu folgen und solidarisch zu gedenken. Wenn ich meinen Vorfahren gerecht werden will, muss ich mich heute verpflichten, an der Seite der unterdrückten Palästinenserinnen und Palästinenser zu stehen. Zum einen soll Buchenwald niemals ein Ort sein, an dem Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt werden oder Geschichte verklärt wird. Zweitens müssen wir dafür sorgen, dass Palästina als Thema so lange wie nur möglich auf dem Tisch bleibt. Auch in dieser Gedenkstätte. Wir kämpfen weiter, bis der Genozid endet und Palästina frei ist.
Julie M. ist Mitglied der Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost e. V. Die Jüdische Stimme organisiert die Kampagne »Kufiyas in Buchenwald« mit
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Mehr aus: Inland
-
Bewegt sich was in den Tarifverhandlungen?
vom 25.02.2026 -
Nur noch Gast
vom 25.02.2026 -
Spagat zwischen Rom und Wirklichkeit
vom 25.02.2026 -
Kliniksterben als Programm
vom 25.02.2026 -
Streikposten am Elbtunnel
vom 25.02.2026