Gegründet 1947 Dienstag, 24. Februar 2026, Nr. 46
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 24.02.2026, Seite 16 / Sport
Olympische Winterspiele

Fleißiges Medaillensammeln

Die Olympischen Winterspiele sind vorbei. Norwegen kann historische Leistungen und satte 41 Podiumsplazierungen vorweisen
Von Gabriel Kuhn
2026-02-21T131139Z_430664164_UP1EM2L0UZ9BB_RTRMADP_3_OLYMPICS-20
Norwegische Langläufer in Aktion

Irgendwann reicht es dann auch. Am Sonntag gingen die XXV. Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina d’Ampezzo zu Ende. Es gab mehrere zusätzliche Veranstaltungsorte, die Athleten waren auf ganz Norditalien verteilt. Einige beanstandeten, dass dadurch nie wirklich Olympiastimmung aufkam. Für das Fernsehpublikum ist das egal. Den Abbruch des Teamskispringens der Männer begründete Renndirektor Sandro Pertile mit den Worten: »Wir wissen alle, dass wir begrenzte TV-Zeit haben.«

Ein Sportpublikum braucht Drama. Der Höhepunkt dieser Spiele kam bereits an Tag drei, als sich Lindsey Vonn mit 41 Jahren, Knieprothese und gerissenem Kreuzband in der Damenabfahrt Gold holen wollte. Statt dessen stürzte sie nach 13 Sekunden und zog sich einen offenen Unterschenkelbruch zu. Die Welt hielt den Atem an.

Glücklicher verlief das Comeback der 35jährigen Federica Brignone. Die Gesamtweltcupsiegerin der Jahre 2020 und 2025 hatte sich im April vergangenen Jahres einen Waden- und Schienbeinbruch sowie einen Kreuzbandriss zugezogen. Ihr Antreten bei den Spielen stand lange in Frage. Sie bestritt nur zwei Weltcuprennen vor dem Showdown in Cortina, doch dort gewann sie Gold im Super-G und im Riesenslalom. Ebenso erfolgreich war das Comeback einer weiteren 35jährigen Lokalmatadorin: Die Eisschnelläuferin Francesca Lollobrigida, Großnichte der berühmten Gina, holte Gold über 3.000 und 5.000 Meter, in diesem Fall nach Babypause.

Für die Italiener lief es überhaupt prächtig. Mit 30 Medaillen holten sie so viele wie nie zuvor. Norwegen mit 41 Medaillen blieb freilich unerreicht. Seit 2014 dominiert das Land mit 5,6 Millionen Einwohnern den Wintersport. Norwegische Athleten gewannen Medaillen im nordischen Skisport, im alpinen Skisport und im Eisschnellauf. Langlaufsuperstar Johannes Høsflot Klæbo alleine verbuchte sechs Goldmedaillen, so viele wie noch kein anderer Athlet bei ein- und denselben Spielen. Mit insgesamt 18mal Gold verbuchte Norwegen auch einen Rekord für die meisten Erstplazierungen.

Einseitiger als bei den Norwegern sind die Erfolge der Niederlande, mit 20 Medaillen weit oben in der Nationenwertung. Alle kommen von einer einzigen Sportart, nämlich dem Eisschnellauf, inklusive seiner Turbovariante Shorttrack. Eine Premiere gab es für Brasilien. Lucas Pinheiro Braathen bescherte dem Land mit seinem Sieg im Riesenslalom die erste Medaille bei Winterspielen überhaupt. (Womöglich von Vorteil für Braathen: Er wurde in Oslo geboren und wuchs in Norwegen auf.)

Auch die USA sammelten fleißig Medaillen. Besonders prestigeträchtig sind die Siege in den Eishockeyturnieren bei Damen und Herren am letzten Wochenende, jeweils gegen Kanada, jeweils in Overtime. US-Sportler, die bescheidene Kritik an den politischen Verhältnissen in den USA übten, mussten den Hass der MAGA-Internetcommunity über sich ergehen lassen. Freestyleskier Hunter Hess meinte zu Beginn der Spiele, er würde die USA »mit gemischten Gefühlen« repräsentieren. Das reichte für einen Shitstorm. Sein Kollege Gus Kenworthy, der für Großbritannien startete, hatte wenigstens »Fuck ICE« in den Schnee gepinkelt.

Für das deutsche Team zahlte es sich aus, dass mit Hilfe von 110 Millionen Euro eine neue Bob- und Rodelbahn in die Landschaft gestanzt wurde. Dort holte Deutschland 19 Medaillen. Besonders beeindruckend ist die Ausbeute im Bob. Hier landeten acht von zwölf Medaillen in deutschen Händen. Die Innovationen der DDR-Bobbauer zahlen sich bis heute aus.

Zu den weiteren deutschen Medaillenträgern. Der Skispringer Philipp Raimund timte seinen ersten großen Erfolg perfekt. Im Weltcup noch nie siegreich, holte sich der 25jährige Oberstdorfer Gold auf der Normalschanze. Emma Aicher etablierte sich mit zwei Silbermedaillen (eine davon zusammen mit Kira Weidle-Winkelmann in der Teamkombination) als neuer Alpin-Star. Schlechter lief es für Lena Dürr, die als Zweite des ersten Laufes im entscheidenden Durchgang des Slaloms am ersten Tor einfädelte. Offenbar eine deutsche Spezialität, denn Markus Wasmeier unterlief 1988 in Calgary das gleiche Missgeschick; er war damals als Favorit in den Super-G gegangen. Bronze für Deutschland holten in Mailand und Cortina die Biathlon-Mixed-Staffel, die Langläuferinnen Laura Gimmler und Coletta Rydzek im Teamsprint, die Baden-Württembergerin Daniela Maier im Skicross und das Eiskunstlaufduo Minerva Hase und Nikita Wolodin im Paarlauf.

Ohne Medaille blieben zum ersten Mal seit 28 Jahren die Nordischen Kombinierer. Aber die Frauen durften nicht mitmachen. Nathalie Armbruster wäre allemal für Edelmetall gut gewesen. Vielleicht in vier Jahren in den französischen Alpen. Dort werden sich die Athleten wieder verteilen, die ganze Region soll Veranstaltungsort werden.

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.