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Aus: Ausgabe vom 24.02.2026, Seite 15 / Natur & Wissenschaft
Wissenschaftspolitik

Sorgloser Staat

Keine Förderung für wissenschaftliches »Decoupling«: In Deutschland wird darum gerungen, sich von der US-Medizindatenbank Pub-Med unabhängig zu machen
Von Marc Püschel
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Wer kontrolliert die gespeicherten Informationen? Datencenter in Houston, Texas

Entflechtung scheint das Wort der geopolitischen Stunde. Die zunehmenden Rivalitäten zwischen den Mächten führen auch auf Gebieten, bei denen man es bislang nicht erwartet hätte, zu Problemen. Die englischsprachige Metadatenbank Pub-Med umfasst »mehr als 39 Millionen Zitate aus der biomedizinischen Literatur« der nationalen US-Bibliothek der Medizin, wie es auf der Homepage heißt, und bietet darüber hinaus kostenfreien Zugang zu anderen Datenbanken und die Volltextsammlung »Pub-Med Central«. Angesichts der diplomatischen Spannungen einerseits und der wissenschaftsfeindlichen Politik Donald Trumps anderer­seits könnte der Zugriff auf diese Informationen von Deutschland aus in Zukunft nicht mehr gewährleistet sein. Nicht nur werden den für Pub-Med zuständigen National Institutes of Health (NIH) von der US-Regierung die Mittel gekürzt, es könnten auch immer mehr Daten aus Forschungsbereichen, denen die US-Rechte feindlich gegenübersteht – etwa zu Impfstoffen – gelöscht werden. »Die Destabilisierung des bislang so gut funktionierenden amerikanischen Wissenschaftssystems macht riesige Probleme, auch für uns Forschende in Deutschland«, warnte Nils Blüthgen von der Charité in Berlin gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt (10/2025). Es habe bereits Tage gegeben, an denen kein Zugriff auf Pub-Med mehr möglich war.

Die »ZB Med – Informationszentrum Lebenswissenschaften« schlug bereits vergangenes Jahr Alarm und will mit der eigens entwickelten Open Life Science Publication Database (OLS Pub) entsprechende Datensätze selbst sichern. Die wichtigste Fachbibliothek für Medizin in Deutschland versucht gegenwärtig, das Projekt mit einer Fundraisingaktion auf die Beine zu stellen. »Ohne eine Absicherung von Pub-Med als der meistgenutzten Datenbank für die Medizin und Lebenswissenschaften könnten wir von heute auf morgen einen Stillstand besonders der medizinischen Forschung weltweit riskieren«, so Miriam Albers von der ZB Med in einem Aufruf vom 9. Februar 2026. Insgesamt würden zwei Millionen Euro benötigt, um die technische Infrastruktur und die redaktionelle Betreuung einer eigenständigen Datenbank zu gewährleisten.

Die Bundesregierung geht bislang sehr sorglos mit dem Problem der transatlantischen Verflechtung um. Am 10. Dezember 2025 stellten die Grünen im Bundestag eine Anfrage, in der um es die Abhängigkeit der medizinischen Forschung in Deutschland von US-Infrastruktur ging. Die Bundesregierung redet das Problem in ihrer Antwort klein. Es bestünde zwischen ihr und den US-Behörden kein Austausch in dieser Frage und es seien auch bislang »keine signifikanten Ausfälle oder Einschränkungen zu verzeichnen«. Für die ZB Med ist das eine Fehleinschätzung, welche die strukturellen Risiken ignoriere. Auf ihrem Blog (23.1.2026) weist die Fachbibliothek darauf hin, dass die NIH bereits Forschenden aus Ländern wie China oder Russland den Zugang zu Datenbanken sperrt. Dies zeige, dass geopolitische Erwägungen schon Einfluss auf die Verfügbarkeit von Informationen haben. Die ZB Med weist außerdem darauf hin, dass seit Januar 2025 mehr als 8.000 Webseiten von US-Behörden offline genommen oder ihre Inhalte teils gelöscht wurden.

In ihrer Antwort vom Dezember 2025 verweist die Regierung zwar darauf, dass es Finanzmittel in Höhe von 30 Millionen Euro gibt, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) vergeben werden und der Sicherung wichtiger Datenbestände dienen. Das Projekt OLS Pub werde im Rahmen dieser Fördermaßnahme begutachtet. Doch bereits im Januar 2026 wurde der Antrag auf Unterstützung abgelehnt, so die ZB Med. Nun sollen es Spenden richten.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (23. Februar 2026 um 21:43 Uhr)
    Ich bedauere jede, die ihre Daten in der »Cloud« hat, nicht nur die große Wissenschaft. Wieviele Windows- und Smart-Home-NutzerInnen haben ihre Daten in der Cloud? Nebenbei: Die synchronisiert nur, backuppen musst du selber!

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