Hans und Hänschen
Von Felix Bartels
Niemand ist friedlich. Was immer man tut, erwägt oder unterlässt, irgendwem wird es schon auf die Nerven fallen. Wer nicht beleidigt, indem er handelt, beleidigt, indem er ist. Menschen, ließe sich sagen, sind nicht gemacht füreinander. Tragisch aber: Ohne einander können sie auch nicht. Im Selbstbild wieder kann das Selbst sich selbst erkennen oder einfach fortsetzen. Der fortgeschrittene Giftzwerg ist daran kenntlich, dass er bei allem Gekeile stets betont, wie lieb er doch eigentlich sei. Wie er wäre, wenn nichts wäre. Der friedlichste Mensch der Welt, solange er außer der Welt ist.
Die Frage, wie Verhalten und Haltung zusammenhängen, ist ein paar Minuten jünger als die Menschheit. Von Beginn an so ziemlich mit an Bord. Sind Menschen einfach, wie sie sind? Können sie sich ändern? Auch im höheren Alter noch? Wie oft finden sich die frühest-fruchtbaren Handreichungen bei Aristoteles. Dessen Lehrer Platon war überzeugt, dass Handeln eine Frage der Erkenntnis sei. Niemand handle schlecht, weil er schlecht ist, er habe bloß das Richtige nicht erkannt. Aristoteles leitet charakterliche Dispositionen aus Verhalten ab. Wer anhaltend auf eine bestimmte Weise handle, dessen Charakter forme sich entsprechend.
In der modernen Forschung gibt es längst einen empirisch unterfütterten Konsens, dass Persönlichkeit sich zwar biologisch in einem gewissen Rahmen ausformt, bewusstes Handeln oder Therapie allerdings großen Einfluss haben. Evident aber scheint, dass die Fähigkeit zur Adaption im Alter abnimmt. Doch verhält es sich wirklich so mit Hans und Hänschen, wie der gemeine Menschenverstand glaubt?
Dieser Frage hat sich eine Forschungsgruppe der Universität Heidelberg angenommen. Lässt sozio-emotionales Verhalten sich durch gezielte Intervention aktiv verändern? Mit »sozio-emotional« bezeichnet man Eigenschaften, die den Umgang mit eigenen Gefühlen betreffen wie auch den mit anderen Menschen. Wesentliches Element hierbei ist die Fähigkeit, eigene Emotionen wahrzunehmen und die sozialen Beziehungen, in denen man sich befindet, identifizieren, reflektieren und regulieren zu können. Die meisten Zugriffe arbeiten mit der Annahme, dass langfristige Veränderungen einer Persönlichkeit durch allmähliche Veränderungen im Verhalten und der Selbstwahrnehmung passieren. In etwa so also, wie von Aristoteles, der auf empirische Forschung noch nicht zugreifen konnte, in der »Nikomachischen Ethik« skizziert. Studien konzentrieren sich dabei häufig auf junge Erwachsene, was insofern plausibel ist, als während dieser biographischen Phase die meisten und tiefsten Veränderungen passieren. Metaanalysen haben gleichwohl gezeigt, dass sich eine Persönlichkeit das gesamte Erwachsenenlebens hindurch entwickeln kann.
Da die Alltagserfahrung dem widerspricht, stellt sich die Frage, ob Persönlichkeitsmerkmale im fortgeschrittenen Alter schwerer zu ändern sind. Die Heidelberger Forschungsgruppe um Gabriela Küchler hat dafür die Effekte eines sozio-emotionalen Interventionsprogramms bei jungen Erwachsenen sowie bei älteren Erwachsenen im Alter zwischen 60 und 80 Jahren untersucht. An dem achtwöchigen Präsenztraining nahmen insgesamt 165 Probanden teil. In wöchentlichen Sitzungen trainierte man, besser mit Stress und schwierigen sozialen Situationen umzugehen. Das Design der Studie umschreiben die Forscher als »multi-methodisch«.
Vor, während und im Anschluss an das Training sowie ein Jahr nach dem Ende des Programms wurden die Wirkungen auf Persönlichkeitsbereiche vermittels Fragebögen und eines indirekten, computerbasierten Tests erfasst. Die Fragen waren bezogen auf die emotionale Stabilität der Probanden und auf ihre Extraversion (eine der fünf Dimensionen im OCEAN-Modell, die Affinität für soziale Kontakte und soziale Kontakte als seelische Ressource ausdrückt).
Das Ergebnis der Untersuchung war durchaus überraschend. Der Alltagserfahrung zum Trotz ließ die Adaptation von älteren Menschen im sozialen und emotionalen Bereich sich von der jüngerer Menschen kaum unterscheiden, soweit es die Durchschnittswerte betrifft. Für die Forschungsgruppe ein »auffälliges und unerwartetes Ergebnis, da es für ältere Menschen schwieriger scheint, Neues zu lernen, eine neue Sprache etwa oder ein Musikinstrument«, so Seniorautorin Cornelia Wrzus im naturwissenschaftlichen Fachjournal Nature.
Bei der Interpretation der Daten weisen die Forscher auf altersrelevante Differenzen hin. Zum Beispiel haben ältere Teilnehmer sich intensiver mit dem Trainingsmaterial beschäftigt und zeigten sich insgesamt engagierter. »Unsere Studienergebnisse widersprechen in gewisser Weise dem Sprichwort ›Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr‹«, heißt es im Bericht. »Wichtig ist, dass die Effekte über alle Altersgruppen hinweg konsistent waren und explorative Analysen ein höheres Engagement älterer Erwachsener während der gesamten Intervention zeigten.«
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vom 24.02.2026