Madrid und Havanna – ambivalente Beziehung
Von Kurt Terstegen
Bei einem Treffen in der vergangenen Woche sagte der spanische Außenminister José Manuel Albares seinem kubanischen Kollegen Bruno Rodríguez humanitäre Unterstützung zu. Madrid reiht sich damit ein in eine wachsende Reihe von Regierungen, von Santiago de Chile über Mexiko-Stadt bis nach Moskau, die Hilfe leisten. Die Erinnerungen an die kolonialen Verbrechen unter Spaniens Krone sind in Kuba zwar wach, doch aktuell zählt vor allem die Hoffnung auf eine engere wirtschaftliche Kooperation. In Zeiten wachsender Aggressionen von Washington ist die nötiger denn je.
In den Unabhängigkeitskriegen errang Kuba unter der Führung von José Martí 1898 die formelle Unabhängigkeit von Spanien. Doch die Verbindungen rissen nicht ab: Allein zwischen 1902 und 1928 wanderten mehr als eine Million Spanier nach Kuba aus. Selbst nach der Revolution von 1959 bestanden die diplomatischen Beziehungen fort – trotz Francos Antikommunismus. Mit der Demokratisierung Spaniens normalisierten sich die Kontakte schrittweise: Der spanische Präsident Adolfo Suárez besuchte 1978 als erster westlicher Regierungschef Havanna. Unter dem Sozialdemokraten Felipe González, der für eine NATO-freundliche Außenpolitik stand, litten die bilateralen Beziehungen wieder. Erst mit dem Besuch des spanischen Königs Juan Carlos in Havanna im Jahr 1999 erlebten sie eine neuerliche Verbesserung. In der Folge setzte sich Madrid in den 2000er Jahren lauter als jede andere Regierung für die Aufhebung der Sanktionen gegen Kuba ein.
Seitdem ist eine deutliche Zunahme der Kooperation zu beobachten. Während 2002 kubanische Exporte nach Spanien nur einen Gesamtwert von rund 144 Millionen US-Dollar ausmachten, lagen sie 20 Jahre später bei rund 347 Millionen US-Dollar. Im Jahr 2024 war Spanien der wichtigste Markt für kubanische Ausfuhren. Mit einem Anteil von 40 Prozent wurde es zum größten Abnehmer kubanischer Produkte. Gleichzeitig spielt der spanische Markt auch bei den Importen Havannas eine gewichtige Rolle. 16 Prozent aller eingeführten Waren stammten 2022 aus Spanien – womit das Land direkt hinter China rangiert.
Während Spanien besonders Maschinen und elektronisches Equipment liefert, exportiert Havanna in erster Linie Genussmittel wie Tabak und Rum. Seit den Lockerungen der Sanktionen durch die Obama-Administration investierte Spanien auch in den Tourismussektor des sozialistischen Karibikstaats. Mit der Verfassungsänderung im Jahr 2019 wurden von kubanischer Seite Investitionen für ausländisches Kapital erleichtert, im Rahmen der Souveränität.
Ein Beispiel für den Ausbau der bilateralen Kooperation im Tourismus ist die Expansion der Meliá-Hotelkette in Kuba. Von Havanna bis nach Santiago de Cuba betreibt das spanische Unternehmen heute neun Standorte auf der Insel. Die erneuten Verschärfungen der US-Sanktionen während der beiden Amtszeiten Donald Trumps haben den kubanischen Finanzsektor allerdings hart getroffen. Spanische Hotelketten sahen sich zeitweise gezwungen, Häuser zu schließen oder Gäste auf andere Einrichtungen umzubuchen.
Auch die Treibstoffversorgung für spanische Flugzeuge entwickelt sich zunehmend zur Herausforderung und führte bereits vor Trumps De-facto-Ölembargo zu Zwischenstopps in anderen Karibikstaaten. Angesichts der prekären Lage fordern spanische Kapitalisten nun Entschädigungen in Millionenhöhe und drohen unverhohlen mit dem vollständigen Rückzug aus Kuba. Eine Rückzahlung der aufgelaufenen Schulden scheint unter den gegenwärtigen Bedingungen jedoch undenkbar. Die anhaltenden Stromausfälle und fehlende Transportmöglichkeiten haben auf der Insel längst zu einer wirtschaftlichen Ausnahmesituation geführt.
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