Das Ende von »El Mencho«
Von Volker Hermsdorf
Mexikos mächtiger Drogenboss Nemesio Oseguera Cervantes, genannt »El Mencho«, ist bei einem Militäreinsatz getötet worden. Offiziellen Angaben zufolge erlag er seinen Verletzungen am Sonntag, als er nach einer Festnahme nach Mexiko-Stadt geflogen wurde. Präsidentin Claudia Sheinbaum feierte den größten Schlag gegen die organisierte Kriminalität seit der Festnahme von Joaquín »El Chapo« Guzmán vor einem Jahrzehnt als »Erfolg für die Sicherheit Mexikos«. Die Operation in der 130 Kilometer südlich von Guadalajara gelegenen Gemeinde Tapalpa wird von ihrer Regierung als »mexikanischer Zugriff« dargestellt. Tatsächlich spielte Washington jedoch eine entscheidende Rolle. Eine neu geschaffene und vom US-Militär geführte »Joint Interagency Task Force – Counter Cartel« lieferte nach Angaben von US-Beamten die Informationen zur Zielerfassung.
Der getötete Drogenboss Oseguera führte seit mehr als zehn Jahren das Kartell Jalisco Nueva Generación (CJNG), das sich von einer regionalen Gruppierung zu einer der schlagkräftigsten global agierenden kriminellen Organisationen Mexikos entwickelte. In über 21 Bundesstaaten präsent, global vernetzt, ausgestattet mit gepanzerten Fahrzeugen, Raketenwerfern und Drohnen, kontrolliert das Kartell zentrale Schmuggelrouten für Kokain, Methamphetamin und Fentanyl in die USA und ist auch in Europa aktiv. Bereits 2025 hatte die Regierung von Donald Trump mehrere mexikanische Kartelle offiziell als ausländische Terrororganisationen eingestuft – darunter auch das CJNG. Auf Oseguera setzte Washington ein Kopfgeld von 15 Millionen Dollar aus.
Seit die USA ihren sogenannten »Krieg gegen die Drogen« auch jenseits der eigenen Grenzen militärisch und unter Missachtung des Völkerrechts führen, geriet Mexikos Regierung immer stärker unter Druck. Der Angriff von US-Militärs auf Caracas und die Verschleppung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro hatte Trump schließlich auch mit der Bekämpfung »transnationaler Bedrohungen« begründet. Washington drohte danach auch Mexiko mit »einseitigen Maßnahmen«, sollte die dortige Regierung nicht entschlossener gegen Kartelle vorgehen. Nach dem Schlag gegen das CJNG würdigte das Weiße Haus den Einsatz umgehend. Sprecherin Karoline Leavitt lobte die »exzellente Zusammenarbeit« beider Länder und die Geheimdiensthilfe der USA. Für Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum ist der Vorgang jedoch innen- wie außenpolitisch heikel. Einerseits demonstriert er ihre Handlungsfähigkeit im Kampf gegen organisierte Kriminalität. Andererseits unterstreicht er die wachsende Abhängigkeit von US-Geheimdienstressourcen.
Die unmittelbaren Folgen nach dem Tod Osegueras waren dramatisch. In über 20 Bundesstaaten errichteten Kartellmitglieder Straßensperren, setzten Fahrzeuge in Brand, attackierten Infrastruktur. Der öffentliche Nahverkehr wurde ausgesetzt, Flüge gestrichen, Schulen geschlossen. Selbst in Touristenhochburgen wie Puerto Vallarta kam das öffentliche Leben vorübergehend zum Erliegen. Beobachter warnen vor einem Machtvakuum innerhalb des CJNG – mit der Gefahr eines brutalen Kriegs um die Nachfolge. Unter »El Mencho« hatten sich lokale Gruppen bereits auch mit militärischer Bewaffnung aufgerüstet – inklusive Raketenwerfern und panzerbrechender Munition.
Örtliche Medien verweisen auf ein Paradox: Während Washington Kartelle zu Terrororganisationen erklärt und militärische Schläge auf dem Territorium des Nachbarlandes androht, stammen nach Angaben des mexikanischen Verteidigungsministeriums bis zu 78 Prozent der beschlagnahmten Waffen aus den USA – legal erworben in Grenzstaaten wie Texas oder Arizona und illegal nach Mexiko geschmuggelt. Besonders brisant ist der Einsatz von Munition des Kalibers 50 aus der staatlichen »Lake City Army Ammunition Plant«, die eigentlich die US-Armee beliefert, berichtete Telesur. Mit diesen Geschossen wurden Hubschrauber attackiert und Polizeieinheiten angegriffen. Mexiko hatte versucht, US-Waffenhersteller auf Milliardenentschädigung zu verklagen, doch der Oberste US-Gerichtshof wies die Klage 2025 ab. Damit bleibt die Waffenpipeline aus dem Norden intakt, während im Süden weiter Zivilisten und Polizisten sterben.
Der als spektakulärer Erfolg verkaufte Tod von »El Mencho« ändert daran ebenso wenig wie an den sozialen, ökonomischen und politischen Grundlagen des Drogenhandels – und erst recht nichts an der asymmetrischen Machtbeziehung zwischen Mexiko und den USA. Solange der »Krieg gegen Drogen« militärisch eskaliert, ohne den Waffenfluss aus dem und die Nachfrage im Norden wirksam zu begrenzen, wird jede Eliminierung eines Kartellchefs am Ende nur eines erreichen: die Einsetzung des nächsten.
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