Israels Armee als Vorbild
Von Philip Tassev
In seinem Werk »Wilhelm Meisters Wanderjahre« lässt Goethe den Wanderer feststellen: »Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir, wer du bist; weiß ich, womit du dich beschäftigst, so weiß ich, was aus dir werden kann.« Auf die Bundeswehr angewandt, wirft dieses Sprichwort kein gutes Licht auf die deutsche Armee. Nachdem am 13. Februar bereits ein Abkommen mit Kiew geschlossen wurde, damit ukrainische Ausbilder ihre Fronterfahrung an die deutschen Truppen weitergeben, hat die Bundeswehrführung am vergangenen Freitag auch eine Kooperationsvereinbarung mit Israels Armee, den sogenannten Israel Defence Forces (IDF), unterzeichnet.
Dafür war der Heeresinspekteur der Bundeswehr, Christian Freuding, vergangene Woche nach Israel gereist. Den Kooperationsvertrag unterschrieb er am 20. Februar in Jerusalem, gemeinsam mit dem Kommandeur der israelischen Bodentruppen, Nadav Lotan. Vorgesehen seien gemeinsame Initiativen beim Wissenstransfer in Ausbildung und Doktrin sowie bei der Personal- und Fähigkeitsentwicklung. Die Bundeswehr will Freuding zufolge auch von Israels Erfahrungen mit Frauen in Kampfeinheiten lernen. Der hoch militarisierte Staat ist eines der wenigen Länder weltweit mit einer Wehrpflicht für Frauen – und damit in den Augen des deutschen Generals offenbar ein Vorbild.
Das Abkommen stelle »einen zentralen Pfeiler in den strategischen Beziehungen zwischen den Bodentruppen der IDF und der Bundeswehr dar«, teilte die Pressestelle von Israels Militär nach der Zeremonie am Freitag mit. Die beiden unterzeichnenden Kommandeure seien sich einig, »dass die Bewältigung ähnlicher Herausforderungen einen zentralen Pfeiler in den strategischen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland darstellt und die Grundlage für den gemeinsamen Arbeitsplan für die Zukunft bildet«. Worin allerdings die Ähnlichkeit in den »Herausforderungen« bestehen soll, denen sich die BRD und Israel angeblich stellen müssen, wird nicht näher erläutert. Klar ist: Die Bundeswehr arbeitet derzeit an einer Neuausrichtung ihrer Strukturen und Einsatzdoktrinen, weg von der Interventionstruppe der vergangenen Jahrzehnte, hin zu einer Armee, die großangelegte Bodenoperationen gegen einen ebenbürtigen Gegner – Russland natürlich – durchführen kann.
Ob dafür wirklich die israelischen Streitkräfte der geeignete Partner sind, wie es etwa die Times of Israel behauptet, darf angesichts der Schwierigkeiten, die die israelischen Truppen bei der Niederschlagung des jüngsten palästinensischen Aufstandes hatten, bezweifelt werden. Was zweifellos feststeht, ist der hohe technologische Stand von Israels Rüstungsindustrie. Um davon zu profitieren, hatte BRD-Innenminister Alexander Dobrindt im Januar ein »Cyberabkommen« mit dem israelischen Premier Benjamin Netanjahu geschlossen. Beide Politiker hatten bei dieser Gelegenheit bereits die Vertiefung der strategischen und militärischen Zusammenarbeit ihrer Staaten angekündigt. Zudem beschafft die Bundeswehr aus israelischer Produktion das Raketenabwehrsystem »Arrow 3« für mehr als fünf Milliarden Euro – der größte Waffendeal in Israels Geschichte. So erscheinen Freudings Besuch in Jerusalem und der nun vereinbarte Vertrag zwischen deutschem und israelischem Heer wie die logische Konsequenz einer schon lange bestehenden Komplizenschaft.
Zuletzt schließt sich damit ein verhängnisvoller Kreis: Vor 78 Jahren zogen zionistische Banden – die Vorläufer der heutigen Armee Israels – aus, um mit alten Naziwaffen und Herrenmenschenmethoden Palästina von den eingesessenen Arabern zu »säubern«. Nun wird dieses vom zionistischen Staat bewahrte und weiterentwickelte Wissen wieder an den Nachfolger der Wehrmacht zurückgegeben.
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