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Aus: Ausgabe vom 24.02.2026, Seite 4 / Inland
Systemtreue Linke

Abspaltung à la Staatsräson

Junge Exmitglieder der DFG-VK beklagen »Antisemitismus« und »Putin-Propaganda«. »Schwurbelfreies« Aktionsnetzwerk gegründet
Von Paul Neumann
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Flagge der DFG-VK auf einem Demozug gegen die Wehrpflicht (Osnabrück, 5.12.2025)

Das »Jugendnetzwerk« der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) hat seinen Bruch mit dem Mutterverein erklärt und sich als proisraelisches »Antimilitaristisches Aktionsnetzwerk« (A2N) neu gegründet.

Begleitet wurde der Bruch von einer bundesweiten »Adbusting«-Aktion in Berlin, Stuttgart, Leipzig und Dresden. In mehr als 40 Werbevitrinen an Bushaltestellen plazierten die Friedensgesellschaft-Deserteure Plakate im bekannten Stil der ehemaligen Mutterorganisation. »Antisemitismus? Für die DFG-VK kein Problem!« heißt es darauf mit Verweis auf die Website des neuen »Aktionsnetzwerks«.

Laut den Indymedia-Beiträgen des »Aktionsnetzwerks« vom Sonnabend sei der zentrale Auslöser für den Austritt die Absetzung des Berliner Landesvorstands im August 2025. Diese erfolgte infolge einer Kundgebung, die im Februar 2025 gemeinsam mit dem »Jugendnetzwerk« organisiert wurde. Die Veranstaltung richtete sich gegen vermeintlichen »Antisemitismus« und »Israelhass« innerhalb der Friedensbewegung. Anlass der Veranstaltung war die Beteiligung der DFG-VK am Bündnis »Gerechter Frieden«, das laut Landesvorstand die »Verantwortung der Hamas« an »der Situation in Gaza«, wie der Landesvorstand den Genozid bezeichnet, ausgeblendet hätte, heißt es in einem Interview mit der Jüdischen Allgemeinen im September. Der Bundesverband hatte daraufhin verbandsschädigendes Verhalten moniert und den Vorstand ausgeschlossen.

»Damit reicht es uns«, schreiben die Mitglieder des neu gegründeten Netzwerks in ihrem Interviewbeitrag am Sonnabend. »Emanzipatorische Friedensarbeit« sei innerhalb der DFG-VK nicht möglich. Man wolle sich gegen Militarisierung engagieren, »ohne dabei Antisemitismus, Rassismus oder Sexismus ertragen zu müssen«. In den Interviews schildern mehrere Aktive interne Debatten, die von Abwehr, persönlichen Angriffen und Machtkämpfen geprägt gewesen seien. Auf Kongressen sei es zu Beschimpfungen gekommen.

So berichten die Autorinnen und Autoren von sexistischen Strukturen in einer von »alten Männern dominierten Organisation«. »Antisemitische« Narrative seien spätestens seit den Debatten nach dem Beginn des Völkermords in Gaza wiederholt unwidersprochen geblieben. Als Beispiel nennt der Exjugendverband den Bundeskongress 2024, auf dem der israelische »Pager-Angriff« gegen vermeintliche Hisbollah-Anhänger im September 2024, bei dem mehr als 3.000 Menschen verletzt und zwölf Zivilisten getötet wurden, als Terrorangriff bezeichnet wurde. Von einer Organisation, die sich an angeblich »antisemitischen Demos« beteilige und mit »Putin-Sympathisanten« kooperiere, wolle man sich klar distanzieren.

Die Friedensgesellschaft weist die Vorwürfe zurück und verweist gegenüber junge Welt auf mehrere vergangene Aufrufe, in denen sie sich klar gegen Antisemitismus und Zusammenarbeit mit antisemitischen Akteuren positionierte.

Der traditionsreiche Verband habe seit Jahren mit Überalterung zu kämpfen, behauptet das Aktionsnetzwerk. Nach Angaben des »Jugendnetzwerks« liege das Durchschnittsalter bei über 65 Jahren. Gerade das »Jugendnetzwerk« hat in den vergangenen Jahren mit medienwirksamen Aktionen Aufmerksamkeit für die DFG-VK erzeugt: Proteste gegen den Veteranentag, »Adbustings« gegen die Bundeswehr, ein »Retten statt Rüsten«-Banner auf der Zugspitze – und Kundgebungen mit jeder Menge »Bring them Home«-Plakaten für die Rückkehr der israelischen Kriegsgefangenen aus Gaza. Nun wollen die Jugendaktivisten diese Aktionsformate im neuen, unabhängigen Netzwerk fortsetzen. Geplant sind eine bundesweite Zeitschrift, Vernetzungstreffen und eine »schwurbelfreie Kriegsdienstberatung«.

Ob die Abspaltung des Jugendnetzwerks darüber hinaus zu einer Austrittswelle von jungen Mitgliedern der DFG-VK führen wird, bezweifelt Michael Schulze von Glaßer, politischer Geschäftsführer der DFG-VK, gegenüber junge Welt. Das »Jugendnetzwerk« sei »zuletzt auf Berlin fokussiert, klein und wenig offen für neue junge Mitglieder«, das zeige sich auch daran, dass ihm »aktuell keine Austritte junger Menschen bekannt« seien. Ganz im Gegenteil verzeichne der Verband derzeit einen Zustrom an jungen Menschen, die aufgrund der »Unterstützung der Schulstreikbündnisse gegen die Wehrpflicht« und der »Kriegsdienstverweigerungsberatungen« auf die Friedensgesellschaft aufmerksam werden, berichtet Schulze. »Andere junge Mitglieder arbeiten zudem seit einigen Wochen daran, eine neue, offene Jugendstruktur aufzubauen. Von daher blicken wir in dieser Sache optimistisch in die Zukunft.«

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