Vom Abriss zum Aufriss
Von Marc Püschel
Das nennt man einen wahren Fan. Stolz berichtete Marx in einem Brief an Engels vom 10. Mai 1870, dass sein Freund Kugelmann ihm zum Geburtstag zwei Stück Tapete aus dem ehemaligen Arbeitszimmer von Gottfried Wilhelm Leibniz geschenkt habe. Die abgerissenen Tapeten, auf denen mythologische Szenen »im schlechten Louis XIV Geschmack« abgebildet waren, habe er gerahmt und in seinem Arbeitszimmer aufgehängt. »You know my admiration for L.«, fügte Marx, von dem bekannt ist, dass er Leibniz früh und intensiv exzerpierte, hinzu.
Nicht weniger begeistert von dem Universalgelehrten des Barockzeitalters war auch Hans Heinz Holz. Der marxistische Philosoph verortete ihn in einer Umbruchszeit, in der auch eine neue Wissenschaftsgesinnung aufkam. Als Leibniz geboren wurde, brachen sich gerade die Erkenntnisse Galileis über Mechanik und Astronomie Bahn, der menschliche Blutkreislauf war entdeckt worden und neue Technologien vom Mikroskop bis hin zu Neuerungen im Bergbau setzten sich durch. Alle diese Entdeckungen und Entwicklungen spiegelten sich auch in der Philosophie der Frühen Neuzeit, vor allem bei Hobbes, Descartes, Spinoza und Leibniz, wider.
Unter dem Motto »Reflexion der Widersprüche. Philosophie der Frühen Neuzeit« will die Gesellschaft für dialektische Philosophie (GfdP) auf ihrer diesjährigen Hans-Heinz-Holz-Tagung den gesellschaftlichen und materiellen Widersprüchen nachspüren, die im 17. Jahrhundert durch den technischen und wissenschaftlichen Fortschritt hervorgerufen wurden.
Einen Problemaufriss zu der Philosophie des Hannoveraner Denkers wagen Lena Kreymann mit ihrem Referat zu »Substanz, Struktur und die Entstehung der Welt bei Leibniz« und der Wiener Sprachwissenschaftler sowie GfdP-Vorsitzende Hannes Fellner mit seinem Beitrag über »Leibniz und China«. Der italienische Philosoph Luca Basso widmet sich mit »Marx als Leser von Leibniz« der Rezeptionsgeschichte. Ergänzend sprechen Rodolfo Garau über »Frühneuzeitliche Philosophie und Wissenschaft in der Frankfurter Schule« und Gregorio Demarchi über »Descartes’ manieristischer Ordnungsversuch: von den Gesetzen der Natur zur Mikro-Souveränität des Ichs«.
Die Konferenz findet am Sonnabend, dem 28. Februar, ab 10 Uhr im Hedwig-Dohm-Haus in der Ziegelstraße 5, einer hübsch an der Spree gelegenen Liegenschaft der Humboldt-Universität Berlin, statt. Nur echt mit 52 Zuhörern.
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