Das Leben nach dem Tod
Von Ronald Kohl
Auf dem Grünstreifen neben den Eisenbahngleisen steht ein gelber VW-Transporter, ein T4, vom Volksmund oft liebevoll Bulli genannt. Das Fahrzeug ist lustig bemalt. Zwischen Luftballons und Blumen erkennt man den Schriftzug »Clowns an Bord!«. Fast scheint es dazu zu passen, dass das Fahrzeug kopfsteht. Doch der Clown darin ist tot.
Am 20. März 2008, dem Donnerstag vor Ostern, kollidierte der Regionalexpress von Wiener Neustadt nach Graz an einem unbeschrankten Bahnübergang mit einem »Clownbus«. Der Zug, so hieß es damals in den Nachrichten, fuhr mit einer Geschwindigkeit von 120 Kilometern pro Stunde. Die beiden Kinder des 38 Jahre alten Clowns Helmut »Heli« Eberhart wurden bei dem Zusammenprall aus dem Fahrzeug geschleudert. Trotz intensiver ärztlicher Bemühungen verstarben sie wenige Tage später.
Der Filmtitel »Vier minus drei« klingt nicht nur mathematisch, er ist auch so gemeint. Übernommen wurde er von der Romanvorlage, dem Bestseller der Schriftstellerin Barbara Pachl-Eberhart, Mutter der beiden Kinder und Helis Witwe.
Auf dem Filmplakat erkennen wir Barbara (Valerie Pachner), die beim Gehen zuversichtlich in die Ferne blickt. Wenige Meter hinter ihr folgt eine Zirkustruppe, ein Mann auf Stelzen und Frauen in bunten Kleidern. Wer genauer hinsieht, bemerkt, dass die ausgelassene Prozession an Gräbern vorbeizieht: Helis Beerdigung.
Für das Verständnis des Films ist es unerheblich, ob die Zeremonie tatsächlich so stattgefunden hat, und erst recht ist es ohne Belang, ob die bedingungslose Lebensbejahung und die strahlende Freude der Trauergesellschaft eventuell nur Show sind; sowieso ist es ja mit der Echtheit so eine Sache, meistens halb und halb, freilich mit Verschiebungen. Auch Trauer und Scherz halten sich in »Vier minus drei« so ziemlich die Waage (Ehrensache für ein Drama um einen toten Clown).
Die herausragende Stärke der Verfilmung von Adrian Goiginger (Regie) und Senad Halilbašić (Drehbuch) besteht für mich darin, den Zuschauer konsequent im Zweifel zu belassen. Unsere Skepsis wird immer wieder bestätigt. Soll es wirklich möglich sein, nach einem derartigen Schicksalsschlag jemals wieder ein normales, glückliches Leben zu führen?
Ein rettender Strohhalm kann die Arbeit sein. Vor dem großen Unglück hat Barbara, sowohl im Film als auch in der Realität, als »Rote Nasen Clowndoctor« in einem Spital gearbeitet. Sie brachte schwerstkranke Kinder und Demenzpatienten zum Lachen.
Im Film werden die Demenzkranken allerdings ausgespart. Außerdem wird Barbara ihren Job, ausgerechnet, als sie ihn am meisten braucht, los, weil sie sich im Internet bei allen Freunden für deren Hilfe und Anteilnahme bedankt hat. Das kam im ganzen Land gut an, eben nur nicht bei der Klinikleitung. Denn wer seine gesamte Familie verloren hat, darf sich unmöglich danach wieder eine rote Pappnase aufsetzen und vor Patienten herumalbern.
Auch wenn der Rauswurf, der so in der Wirklichkeit nicht stattfand, Barbara den ohnehin wackeligen Boden unter den Füßen wegzieht, ist es doch eine Entscheidung der Filmemacher, die Applaus verdient. Kranke Kinder zum Lachen zu bringen, ist gewiss erfüllend, aber nur für Erwerbskomödianten, nicht für jemanden, der sich als Künstler versteht.
Heli ist der große Clown im Film, die tragische Figur. In Rückblenden und durch fiktives Videomaterial werden wir zum staunenden Publikum seiner hoffnungslosen Genialität. Seine sture Verbissenheit, weiter an seiner Nummer zu tüfteln, lässt sich einerseits als Ehrgeiz begreifen, andererseits aber auch als Flucht vor der Hausarbeit, was bei berufstätigen Frauen gar nicht gut ankommt. Pappnase hin oder her, da ist dann Schluss mit lustig.
Das Unglück der Familie Pachl-Eberhart ist mit der Verfilmung im Grunde ein drittes Mal erzählt worden. Denn auch der Roman ist nicht das »Original«. Die Autorin hat sich bei einigen Gelegenheiten ausführlich darüber geäußert, dass die eigentliche Arbeit an dem Buch erst nach der Niederschrift begann, als der Lektor, den sie bis heute wirklich hoch verehrt, mit seinen Anmerkungen die »Postproduktion« in die Hände nahm. Durchsetzen konnte sie sich immerhin mit dem »mathematischen« Titel. Denn das Leben ist so. Es präsentiert uns eine Rechnung, und wir müssen sie akzeptieren. Manchmal müssen wir noch einmal nachrechnen, mitunter auch öfter. Hauptsache, wir geben nicht auf. – »Aufgeben tut man nur einen Brief!« sagt der Rote-Nasen-Clown.
»Vier minus drei«, Regie: Adrian Goiginger, Österreich/Deutschland 2026, 121 Min., Panorama, 20., 21., 22.2.
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