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Aus: Ausgabe vom 19.02.2026, Seite 6 / Ausland
Lateinamerika

Ecuador militarisiert Strafvollzug

2025 Hunderte Tote in einer einzigen Haftanstalt, zunehmende Gewalt auch jenseits der Gefängnisse
Von Volker Hermsdorf
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Hier ist niemand sicher: Eines der schlimmsten Gefängnisse Ecuadors ist die Haftanstalt in Guayaquil (5.12.2025)

Der Bananenunternehmer Daniel Noboa wurde im Oktober 2023 auch wegen des Versprechens zum Präsidenten Ecuadors gewählt, das Land aus der Gewaltspirale herauszuführen. Mit markigen Ankündigungen versprach der rechte Politiker, den Vormarsch der organisierten Kriminalität und die Gewalt in einem Land zu stoppen, das unter dem linken Staatsoberhaupt Rafael Correa (2007–2017) noch als friedlichstes in der Region galt. Zweieinhalb Jahre nach Noboas Amtsantritt verzeichnet Ecuador zum dritten Mal in Folge die höchste Mordrate in ganz Lateinamerika. Die Eskalation zeigt sich nicht nur auf den Straßen, sondern auch hinter Gefängnismauern. Wo Noboas Regierung mit neuen Haftanstalten Kon­trolle demonstrieren will, steigen die Todeszahlen erneut dramatisch an.

Schätzungen zufolge waren rund 71 Prozent der Bevölkerung Ecuadors im vergangenen Jahr direkt von Gewalt betroffen, die mit Drogenhandel und bewaffneten Banden zusammenhängt. Nach offiziellen Angaben wurden im Jahr 2025 insgesamt 9.216 gewaltsame Todesfälle registriert. Damit ist Ecuador inzwischen zu einem der weltweit gewalttätigsten Länder geworden – nur noch übertroffen von Staaten, die sich in aktiven Kriegen befinden. Und während die Regierung auf die Eskalation auf den Straßen mit Militarisierung reagiert, nimmt auch die Krise in den Gefängnissen dramatische Ausmaße an. Offizielle Daten, die Reuters laut einem Bericht von Montag auf Anfrage erhielt, belegen einen starken Anstieg der Todesfälle hinter Gittern. 2025 starben danach in ecuadorianischen Haftanstalten 1.220 Gefangene – fast viermal so viele wie im Jahr davor. Mindestens 206 Fälle wurden auf direkte Gewalt zurückgeführt, verglichen mit 46 im Jahr 2024. Auch die Zahl der als »natürlich« eingestuften Todesfälle durch Krankheiten, Suizide und andere Ursachen stieg um mehr als 250 Prozent.

Damit erreicht das Sterben in den Gefängnissen wieder ein Niveau, das seit den großen Aufständen der Jahre 2021 und 2022 nicht mehr beobachtet wurde. Damals wurden bei Kämpfen zwischen Banden Hunderte Inhaftierte getötet. Noboa hatte die Wiederherstellung der Kontrolle in den Haftanstalten zum Kernstück seiner Sicherheitsstrategie erklärt. Tatsächlich ging die Zahl offener Aufstände zurück – doch der Tod hinter Gittern blieb.

Besonders dramatisch ist die Lage in der Penitenciaría del Litoral in Guayaquil, dem größten und berüchtigtsten Gefängnis des Landes. Nach Angaben des Ständigen Komitees zur Verteidigung der Menschenrechte (CDH) starben 2025 in dieser Haftanstalt mindestens 592 Gefangene, die meisten an Tuberkulose und Unterernährung. In der Gerichtsmedizin treffen bis zu 30 Leichen pro Woche ein. Die Ursachen sind strukturell bedingt. Das Gefängnis ist für 4.519 Personen ausgelegt, tatsächlich sind dort zeitweise mehr als 7.000 Häftlinge eingesperrt. Insgesamt stieg die Zahl der Inhaftierten im vergangenen Jahr um 7,6 Prozent auf 35.454 an.

Angehörige berichten von Misshandlungen, zerstörten persönlichen Gegenständen und fehlender oder verschimmelter Nahrung. Menschenrechtsorganisationen sprechen von einem »fortschreitenden Gefängnismassaker« in einem »Klima der Entmenschlichung« und machen die Militarisierung der Haftanstalten dafür verantwortlich. »Die Todesfälle sind das Ergebnis der militärischen Besetzung, weil die Streitkräfte die Gefängnisverwaltung übernommen haben«, sagt CDH-Anwalt Fernando Bastias. Das Militär habe weder Ausbildung noch Interesse an medizinischer Versorgung oder Resozialisierung. Die Weltorganisation gegen Folter (OMCT) kritisiert ein »anhaltendes Muster struktureller Vernachlässigung«. In einer gemeinsamen Erklärung warnten 25 Organisationen, das Zulassen solcher Zustände komme außergerichtlichen Hinrichtungen gleich, und forderten die Aufhebung der Militarisierung.

Während Noboa weiter auf eine Politik der »harten Hand« setzt und ein neues Gefängnis für mehr als 15.000 Häftlinge plant, finden auf den Straßen Massaker statt und fordern immer mehr Opfer. Das einst so sichere Land wird heute zu einem Synonym für Gewalt – und die Gefängnisse werden zu Orten, an denen Noboa Kontrolle demonstrieren will, tatsächlich aber sein Scheitern beweist.

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