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Aus: Ausgabe vom 18.02.2026, Seite 16 / Sport
Schnee

Arbeitersport

Von Jürgen Roth
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Wer haut wen? Deutschlands Jonas Müller rangelt hart mit J. T. Miller vom Team USA (Mailand, 15.2.2026)

Leon Draisaitl sagt in der mit Slomos, historischen Erläuterungen und erhellenden Nahaufnahmen gespickten ARD-Dokumentation »Powerplay – Das beste Eishockeyteam für Olympia« alles: »Im Fußball geht die Hälfte der Spiele null zu null aus. Ich habe ganz, ganz selten ein langweiliges Eishockeyspiel gesehen. Ich glaube, dass Eishockey der schwierigste Sport ist.«

»Eishockei« (Xaver Unsinn) ist das Großartigste, was der Leistungssport zu bieten hat. Es ist »fast etwas Heiliges« (Moritz Müller von den Kölner Haien). Es ist »der schnellste Sport der Welt«, und dank der Teilnahme sämtlicher NHL-Cracks und einer verkleinerten Eisfläche verfolgen wir gerade »das beste Turnier ever« (Draisaitl).

Als ich mit dem Lerd am Sonnabend in einer selbstgewählten Olympiapause Fußballbundesligakonferenz glotzte, wurde mir einmal mehr vor Augen geführt, wie stumpf und öde Fußball ist. Im Eishockey sind in einem schier überirdischen Maße geistige Wachheit, Koordinationsfähigkeiten, Gleit-, Sprint- und Kurventechniken, Ausdauer und Zweikampfhärte gefordert. Im Match zwischen Schweden und Finnland wurde ein Schwed’ so heftig bandengecheckt, dass er in die finnische Bank hineinflog, und das war regelkonform.

Das Wühlen und Raufen und Abräumen dienen der Zermürbung des Gegners. »Es wird heute ordentlich scheppern an der Plexiglasscheibe«, freute sich der sehr gute Kommentator Tom Scheunemann auf die Partie Deutschland – Lettland und rekommandierte, »durchaus mal das eine oder andere Gefecht anzuzetteln«. Die Schlägerei, den Faustfight, setzt man als taktisches Mittel ein, um den Spielfluss zu unterbrechen und die Zuschauer zu animieren.

Äußerst trefflich merkte Konstantin Klostermann bei Deutschland gegen Dänemark zur deutschen Abwehr an: »Das ist eine richtige Arbeiterreihe.« (Ein andermal meinte er: »Beide haben den Blick auf dem Puck und sehen sich selbst nicht« – ebenfalls schön.) Eishockey ist eine Feier der physischen Welt, der Wahrheit des Wirklichen, dargeboten in einem atemberaubenden Tempo. Wie gerne hockte man mit einer Horde alkoholisch aufgepeitschter Holzfäller in einem kanadischen Pub und priese die Substitution des Hegelschen durch den tänzerischen Draisaitlschen Dreischritt.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Franz Schoierer (18. Februar 2026 um 10:46 Uhr)
    »Im Match zwischen Schweden und Finnland wurde ein Schwed’ so heftig bandengecheckt, dass er in die finnische Bank hineinflog, und das war regelkonform. Das Wühlen und Raufen und Abräumen dienen der Zermürbung des Gegners. ›Es wird heute ordentlich scheppern an der Plexiglasscheibe‹, freute sich der sehr gute Kommentator Tom Scheunemann auf die Partie Deutschland – Lettland und rekommandierte, ›durchaus mal das eine oder andere Gefecht anzuzetteln‹. Die Schlägerei, den Faustfight, setzt man als taktisches Mittel ein, um den Spielfluss zu unterbrechen und die Zuschauer zu animieren.« Die »Tugenden« und die Kriegstüchtigkeit, die Jürgen Roth hier feiert, werden im kommenden Krieg gebraucht, wenn es nicht nur gegen den Schwed’ geht, sondern auch gegen den Russ’. Bei »Eishockey ist eine Feier der physischen Welt, der Wahrheit des Wirklichen, dargeboten in einem atemberaubenden Tempo« fühlt man sich unwillkürlich an Ernst Jüngers Bücher »Der Kampf als inneres Erlebnis« oder »In Stahlgewittern« erinnert. »Wahrheit des Wirklichen« könnte man auch als Apologie des Kapitalismus deuten.
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Christoph Heuke (19. Februar 2026 um 17:38 Uhr)
      Ich habe auch schon Besseres von Jürgen Roth gelesen. Vielleicht war es diesmal das eine Bier zu viel. Ach ja, Arbeitersport: Draisaitl jr. ist nicht gerade prekär aufgewachsen. Und sein aktueller 8-Jahres-Arbeitsvertrag soll um die 100 Millionen US-Dollar wert sein. Unter uns Marxisten gibt es ja keine Einigkeit darüber, ob er damit zur Arbeiterklasse zählt oder nicht.

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