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Aus: Ausgabe vom 18.02.2026, Seite 11 / Feuilleton
Berlinale

Katze aus dem Sack

Berlinale. Auf gute Zusammenarbeit: Jason Osders und William Lafi Youmans’ politische Dokumentation »Who Killed Alex Odeh?«
Von Ronald Kohl
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Aktivist des American-Arab Anti-Discrimination Committee Alex Odeh, Frau und Kind

Alexander Odeh wurde 1944 im Westjordanland geboren. Er wanderte 1972 in die USA aus. Als exponierter Aktivist des American-Arab Anti-Discrimination Committee (ADC) fiel er im Oktober 1985 in Kalifornien einem Bombenattentat zum Opfer. Der damalige Vorsitzende der in den USA ansässigen Jewish Defense League (JDL), Irv Rubin, äußerte sich kurze Zeit später vor laufender Kamera zu dem Mord: »Ich weine Herrn Odeh keine Träne nach. Er bekam, was er verdiente.«

Der Titel »Who Killed Alex Odeh?« legt nahe, dass der Fall jetzt, 40 Jahre später, noch immer nicht abgeschlossen ist. Dabei sind die Täter bekannt; sie waren es schon damals. Das FBI, dazu äußert sich einer der Ermittler im Film, ließ sie auf Weisung von höherer Stelle ziehen.

Die beiden Regisseure Jason Osder und William Lafi Youmans verknüpfen die bekannten Fakten des Anschlags mit der Gegenwart. Über ihre dokumentarische Aufarbeitung heißt es im Programmheft der Berlinale: »Sie legt die Wurzeln einer gefährlichen politischen Bewegung frei, die bis heute fortbesteht.« – Hier lediglich von Fortbestand zu sprechen, ist irreführend: Die Ideologie dieser Bewegung ist in Israel mittlerweile dominierend. Ein wenig irritierend mag es auch erscheinen, dass der Film den Eindruck vermittelt, die Radikalisierung wäre von den USA ausgehend erfolgt, doch ist das sicher unbeabsichtigt; es ergibt sich aus der personellen Konstellation.

Zentrale Figur im Geflecht jener »Wurzeln« der gefährlichen Bewegung war der Gründer der JDL, Meir Kahane. 1932 in Brooklyn geboren, versuchte er als rechter Zionist mit der von ihm 1971 in Israel ins Leben gerufenen Kach-Partei, alle Bemühungen um eine Zweistaatenlösung zu torpedieren.

In einem Interview während des Sundance-Filmfestivals erklärte Regisseur Osder unlängst, dass in den 80er Jahren außer Meir Kahane es niemand in Israel wagte, öffentlich über die Palästinenser zu sagen: »Wir müssen sie loswerden.« Und er fügt hinzu: »Das ist heutzutage der Mainstream in der israelischen Politik.« Man habe nun »die Katze aus dem Sack gelassen«.

Bevor Osder in das Projekt des Films einstieg, war er mit dem Fall der Ermordung Alexander Odehs, die vor allem ein regionales Ereignis war, so gut wie gar nicht vertraut. Mit »Let the Fire Burn« hatte Osder über eine andere Begebenheit einen Film gedreht, bei der es hinterher ebenfalls etliche Fragen zur Arbeit der Polizei gab und bei der auch eine Bombenexplosion im Mittelpunkt stand. So wurde sein späterer Koregisseur, der die Idee hatte, über Odeh eine Dokumentation zu drehen, auf Osder aufmerksam.

Das Gespann ist für den »US-amerikanischen« Teil des Films zuständig, für die Gespräche mit der Witwe und der Tochter Odehs, sowie für einen Abriss der ausgebremsten Ermittlungen des FBI und einer kurzen Geschichte der Jewish Defense League.

Für den »israelischen« Teil haben sie den Journalisten David Sheen ins Boot geholt, der sich seit geraumer Zeit intensiv mit der extremen Rechten in seinem Land beschäftigt. Undercover besucht Sheen im Film einen der Attentäter, der heute unbehelligt in Israel lebt, und dröselt die Fäden vor Ort weitflächig auf.

Über die Rolle Benjamin Netanjahus bei der Strafvereitelung hat Sheen bereits 2019 einen Vortrag gehalten, den man sich auf Youtube ansehen kann (»Suspected Assassins of Alex Odeh«). Hier berichtet Sheen von bemerkenswerten Aussagen des Premierministers (erste Amtszeit) vom Januar 1998. Während einer Pressekonferenz in Washington auf den Fall Odeh hin angesprochen, sagte Netanjahu: »Wir haben den Mörder doch überstellt.«

Gemeint hat er Robert Manning, der jedoch, so Sheen, wegen seiner Beteiligung an einem völlig anderen Verbrechen, einem Auftragsmord, ausgeliefert worden war. Außerdem sagte Netanjahu bei der Gelegenheit: »Ich versichere Ihnen, dass unsere Polizei uneingeschränkt mit den Mördern zusammenarbeitet.« Sheen hält das keineswegs für einen Freudschen Versprecher, und er kann auch sehr plausibel erklären, warum. Deshalb empfehle ich nicht nur, sich den Film anzusehen, sondern auch Sheens Vortrag.

Und übrigens, es könnte sich auszahlen: Auf der Homepage des FBI werden noch immer bis zu 1.000.000 US-Dollar für Hinweise, die zur Ergreifung und Verurteilung der Täter im Fall Alexander Odeh führen, in Aussicht gestellt. Das sind rund 3.000.000 Neue israelische Schekel.

»Who killed Alex Odeh?«, Regie: Jason Osder, William Lafi Youmans, USA 2026, 82 Min., Berlinale Special, 18., 20., 21.2.

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