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Aus: Ausgabe vom 17.02.2026, Seite 11 / Feuilleton
Berlinale

Ehrenwerte Leute

Berlinale. Familiäre Konstellationen im Wettbewerb
Von Holger Römers
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Egal ob im Kino, im Theater oder in der Nachbarschaft: Hochzeitsfeiern bedeuten immer einen Haufen Ärger (Szenenbild »Dao«)

Der einzige Daseinszweck sei »Reproduktion«, hören wir in »Rose« irgendwann aus dem Off. Doch in diesem Kommentar, der die historisch mehr oder minder verbürgte Handlung dieses österreichisch-deutschen Wettbewerbsbeitrages durchgängig begleitet, blitzt nicht nur an dieser Stelle Ironie auf. Dennoch ist unzweideutig, dass Markus Schleinzer die in seinem dritten Spielfilm geschilderte Transgression von Geschlechtergrenzen zelebrieren möchte. Das kann heutzutage niemanden mehr überraschen, aber es verdankt seinen Reiz den ambivalenten Bezügen, die vom unbestimmten Erzähler zwischen der Selbsterfindung der Titelfigur (gespielt von Sandra Hüller), die nach dem Dreißigjährigen Krieg zum Zweck eines Erbantritts die Identität eines Veteranen annimmt, sowie deren »gewaltigem Unternehmergeist« hergestellt werden. Dabei ergeben sich innerhalb der Figurenkonstellation vielschichtige Machtverschiebungen, sobald die neue Ehefrau und das Gesinde des vermeintlichen Hofherren von dessen Geheimnis erfahren. Allerdings scheidet der Offkommentar, während er das Schreiben der »eigenen Geschichte« sowie eine nahezu magische Macht von Worten beschwört, »Freiheit« und »Gemeinschaft« schließlich kontraststark in ein Schwarzweiß, das dem der expressionistisch angehauchten Bilder ähnelt.

Ob Wolfram Weimer das als »woke« erkannt haben will, sei dahingestellt. Dass der Kulturstaatsminister bei der Premiere von »Gelbe Briefe« ein Sitznachbar von Regisseur İlker Çatak war, traf sich jedenfalls gut. Denn der 42jährige deutsche Filmemacher reflektiert in seinem fünften Spielfilm, der bisher zu den interessantesten des Wettbewerbs gehört, ausgerechnet die Abhängigkeitsverhältnisse und Handlungsspielräume der Kunst gegenüber der Politik. Zu Beginn verweigert ein Star des Staatstheaters Ankara dem Gouverneur ein Gruppenfoto, woraufhin die Schauspielerin und der mit ihr verheiratete Dramatiker bald wegen diverser politischer Stellungnahmen ihre Jobs los sind. Dabei stellt die Inszenierung klar, dass Berlin und Hamburg als Drehorte gedient haben, was die in der Türkei angesiedelte Handlung mittelbar auch auf hiesige Verhältnisse bezieht – zumal Bilder realer Demos gegen den Gazakrieg eingestreut werden. Ein abschließender Blick in den Himmel wirft indes die Frage auf, ob das dezidiert politische Selbstverständnis des Dramatikers Himmelsstürmerei darstellt – oder bloß ein Wolken­kuckucksheim impliziert.

Um solche Fragen brauchen sich die Hauptfiguren von »Rosebush Pruning« nicht zu scheren, deren Mittelmäßigkeit und Oberflächlichkeit von einem der Protagonisten in regelmäßigen Offkommentaren sogar ausdrücklich zu Protokoll gegeben wird. Indem Karim Aïnouz in der Dekadenz einer schwerreichen US-amerikanischen Familie schwelgt, die sich in Spanien einem so grellen wie öden Müßiggang verschrieben hat, spekuliert er offenbar auf die spontane Antipathie des Publikums. Die wird hier, anders als in dem im Abspann genannten filmhistorischen Vorbild »Mit der Faust in der Tasche« (Marco Bellocchio, 1965), freilich nicht durch den politisierten Selbsthass verkompliziert und zugleich befeuert, der bei Bellocchio einst in der Abbildung des eigenen bürgerlichen Milieus mitschwang. Angesichts der hermetischen Abgehobenheit der hier auftretenden Leute – in deren Villa nicht einmal Dienstpersonal zu sehen ist – bleibt das Hoffen auf ihren Selbstzerstörungstrieb, zu dem der in Brasilien geborene Aïnouz kokett einlädt, denkbar vage begründet.

Dagegen lädt der bisher wohl beste Wettbewerbsbeitrag, »Dao«, auf zwei große Familienfeste: In Südfrankreich wird eine Hochzeit gefeiert, die von der leichthändigen, impressionistischen Montage mit einer Ahnenzeremonie verknüpft wird, die die Familie der Braut zuvor in ihrem Herkunftsdorf in Guinea-Bissau besucht hat. Dabei macht der Kontrast zwischen diesen denkbar lockeren, elliptischen Handlungssträngen sogleich den performativen Charakter bewusst, der wohl generell allen Interaktionen bei familiären Großereignissen anhaftet. Der naturalistische Eindruck bleibt derweil wegen der Ausschnitte aus informellen Castingvideos, die Alain Gomis in seinen fünften Spielfilm immer wieder einstreut, stets in Frage gestellt. Um so zauberhafter ist jedoch der quasidokumentarische Eindruck, der sich trotzdem – oder gerade deshalb? – aus der Beobachtung des improvisierten Geschehens auf beiden Feiern ergibt, zumal ein Großteil der Beteiligten mit dem französisch-senegalesischen Filmemacher offenbar verwandt ist. Das wunderbar ungezwungene Ergebnis wirkt in jedem Fall als Kaleidoskop sowohl postkolonialer Erfahrungen als auch filmischer Strategien.

»Dao«, Regie: Alain Gomis, Frankreich/Senegal/Guinea-Bissau 2026, 185 Min., Wettbewerb, 17., 18., 22.2.

»Gelbe Briefe«, Regie: İlker Çatak, BRD/Türkei/Frankreich 2026, 128 Min., Wettbewerb, 20., 22.2.

»Rose«, Regie: Markus Schleinzer, Österreich/BRD 2026, 93 Min., ­Wettbewerb, 18., 22.2.

»Rosebush Pruning«, Regie: Karim Aïnouz, Italien/BRD/UK u. a. 2026, 94 Min., Wettbewerb, 17., 22.2.

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