Hapag-Lloyd vor Megadeal
Von Burkhard Ilschner
Deutschlands größte Containerreederei Hapag-Lloyd will weiter wachsen: Nachdem die Hamburger 2014 die chilenische Konkurrenz CSAV und drei Jahre später die arabische UASC »geschluckt« hatten, teilte der Konzern am vergangenen Sonntag börsenoffiziell mit, man befinde sich »in fortgeschrittenen Verhandlungen über einen möglichen Erwerb aller Anteile an dem israelischen Konkurrenten Zim Integrated Shipping Services Ltd. (ZIM)«. Zwar ist das bislang noch nicht verbindlich, unter anderem bedarf es »auf Grundlage besonderer Rechte« auch der Zustimmung des Staates Israel. Dennoch geht man derzeit in Schifffahrtskreisen davon aus, dass diese Fusion letztlich zustande kommen wird.
Die israelische ZIM steht, wie mehrfach berichtet, derzeit unter erheblichem Druck. Unter anderem wegen ihrer Beteiligung an Waffengeschäften ist sie immer wieder in den Schlagzeilen, etwa im Zusammenhang mit Proteststreiks von Hafenarbeitern. Laut der Zeitung Times of Israel soll der mit mehr als 3,5 Milliarden US-Dollar bezifferte Deal Hapag-Lloyd alle ZIM-Aktien einbringen, allerdings würden die Hamburger »etwas unkonventionell« nur ZIMs internationale Aktivitäten übernehmen, während die inländischen Geschäfte wegen besagter staatlicher Sonderrechte bei einem israelischen Finanzinvestor namens FIMI Opportunity Funds verbleiben würden. Wegen der »strategischen Bedeutung für die Versorgungssicherheit des Landes« verfüge der Staat über einen nicht näher bezifferten, aber kontrollierenden »Golden Share«. Die Finanzzeitung Calcalist berichtete jüngst, die ZIM-Verwaltung habe in Israel zu verbleiben, zudem sollten etliche Schiffe im israelischen Besitz bleiben, »um den Seeverkehr auch in Kriegszeiten« zu sichern.
Die ebenfalls israelische Finanzzeitung Globes hält auch einen Arbeitskampf noch für möglich, da die Gewerkschaften von dem bevorstehenden Abschluss »überrascht« worden seien. Nur geht es bei dem Protest weniger um Arbeiterrechte als vielmehr um nationale Belange: Wie die Frankfurter Börsen-Zeitung unlängst berichtete, habe der ZIM-Betriebsrat bereits im Herbst bei Bekanntwerden erster Fusionsgerüchte den Deal kategorisch abgelehnt. Denn seit der UASC-Übernahme besitzen eine katarische Investmentholding 12,3 Prozent und der saudische Staatsfonds PIF 10,2 Prozent der Hapag-Lloyd-Aktien. Nicht nur Gewerkschaftskreise halten das für ein erhebliches Risiko.
Klar, wenn der Deal zustande kommt, wird Hapag-Lloyds Position im globalen Ranking der Containerlinienschiffahrt gestärkt – aber nicht nennenswert verändert: Derzeit stehen die Hamburger hinter den Familienkonzernen MSC (Genf), Mærsk (Kopenhagen) und CMA CGM (Marseille) sowie der chinesischen Staatsreederei Cosco auf Platz fünf der Weltrangliste; addiert man die derzeitigen Flottenbestände und aktuellen Orderbücher nach Kapazität, so wird zwar ZIMs Potential das von Hapag-Lloyd ausbauen, aber auf absehbare Zeit wird die Aktiengesellschaft aus dem Norden der BRD dem Unternehmen seine Position nicht streitig machen können. Auf den Plätzen sechs bis neun folgen hinter Hapag-Lloyd die asiatischen Konkurrenten ONE (Singapur), Evergreen (Taipeh), HMM (Seoul) und Yang Ming (Keelung) – und keiner von diesen wird vorerst die Stärke von Hapag Lloyd plus der von ZIM erreichen können.
Die Reederei ZIM hat eine wechselvolle Geschichte: Nach schleppenden Anfängen nach 1945 hatte das Unternehmen in den 1970er Jahren einen internationalen Abschreibungsskandal am Hals, in den auch etliche Investoren und Banken der damaligen BRD verwickelt waren. Erst vor wenigen Jahren hatte die Reederei unter dem Einfluss des israelischen Milliardärs Idan Ofer mächtig zugelegt, hatte aber auch dank der erhöhten Frachtraten im Zuge der Entwicklung im Roten Meer exorbitant Geld verdient. Nachdem Ofer 2023/24 wesentliche Teile seiner Aktien profitabel abgestoßen hatte, störten einerseits in der jüngeren Vergangenheit interne Machtkämpfe des ZIM-Managements die Geschäfte, andererseits hatte sich Hapag-Lloyd seit 2025 mit dem Schweizer Weltmarktführer MSC einen Bieterwettkampf geliefert. Allerdings hatte letzterer kurz vor Weihnachten laut Lloyd›s List offiziell seinen Ausstieg bekundet.
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