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Aus: Ausgabe vom 07.02.2026, Seite 11 / Feuilleton
Der Mensch muss trinken

Gut gegen alles: Wermut

Von Marc Hieronimus
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Vorsicht, kickt fies: Absinth mit bösen Kräutern

Packt den Bauern Schwermut, wehrt er sich mit Wermut. Gemeint ist der Schnaps, also zum Beispiel Cinzano oder Martini, wobei Martini auch ein Cocktail ist, der aus Gin und Wermut, also z. B. Martini, besteht. Da kommt man schon nüchtern durcheinander. Und es geht noch weiter. Der Wermutschnaps ist nach dem Wermutkraut benannt, lateinisch Artemisia absinthium, daher der Name Absinth – auch ein Schnaps, aber ein anderer. Welcher große Franzose des 19. und frühen 20. Jahrhunderts hat nicht davon getrunken? Vermutlich im Absinthrausch hat Verlaine auf seinen Liebhaber Rimbaud geschossen. Manet, Degas, Toulouse-Lautrec, Gauguin und noch Picasso haben Absinthtrinker gemalt. Baudelaire bekämpfte seine Franzosenkrankheit, indem er große Mengen davon genoss – angesichts der schwachen therapeutischen Wirkung eine wahre Syphilisarbeit.

Um das Absinthverbot rankt sich das Gerücht, die Behörden hätten die Bewusstseinserweiterung oder, weniger spannend, die Vergiftungserscheinungen durch den darin enthaltenen Inhaltsstoff Thujon gefürchtet. Wahrscheinlicher ging es um die Folgen des sich verbreitenden Alkoholismus und nicht zuletzt um die wirtschaftlichen Sorgen der Winzer, die ihren Wein nicht so billig anbieten konnten wie die Brennereien ihre »grüne Fee«. Heute ist das kulturhistorisch so bedeutende Getränk längst wieder erlaubt. Der Wermutstropfen: Absinth schmeckt überhaupt nicht bitter, sondern widerlich nach Anis, und ist damit praktisch dasselbe wie Ouzo, Rakı und Pastis, nur in Grün.

Ganz anders das schon in Ägypten zu Heilzwecken verwendete Wermutkraut. Das ist gut für und gegen alles, aber insbesondere jedem empfohlen, wie Nikolaus Frauenlob zu Gutenbergs Zeiten schrieb: »Wer ain krancken magen hat ader wurm jm pauch«, »wer sich vor gifft hüetten well« oder auch, »wer ainen raÿnen amplick haben wil«. Das im Reformhaus erhältliche Kraut einfach mit kochendem Wasser begießen, kurz ziehen lassen und verzehren. Mmmh … Die Kinder aber hassen es: Wermut ist, man ahnt es, sehr und ausschließlich bitter.

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