Gigantische Rechenzentren in Indien
Von Thomas Berger
Am 12. Februar machte die Meldung die Runde: Agnikul Cosmos – ein im südindischen Chennai ansässiges, auf Raketen und deren Trägersysteme spezialisiertes Unternehmen – hat sich mit dem Partner Neev-Cloud zusammengetan, um noch vor Jahresende ein weltallbasiertes KI-Datenzentrum in eine erdnahe Umlaufbahn zu bringen. Die Anlage soll vor allem über Gebieten zum Einsatz kommen, heißt es, wo solche Anlagen am Boden zu installieren aus diversen Gründen schwierig ist. Dennoch steigt auch an solchen weltweit der Bedarf. Indien, ohnehin seit Jahrzehnten im IT-Sektor eine wichtige Größe und ebenso beim aktuellen Topthema künstliche Intelligenz ganz vorn mit dabei, richtet nun in Neu-Delhi ab Montag für fünf Tage den AI Impact Summit 2026 aus. In diesem Zusammenhang überschlugen sich zuletzt die Nachrichten mit neuen Projekten und Investitionsankündigungen auf indischem Boden, die sich auf rund 100 Milliarden US-Dollar summieren.
So meldete jüngst die Hindustan Times, die Regionalregierung im bevölkerungsreichsten Unionsstaat Uttar Pradesh (UP) habe ein staatliches Förderprogramm mit dem Titel »Uttar Pradesh AI Mission« aufgelegt, finanziell untersetzt mit 2,25 Milliarden Rupien (rund 22,5 Millionen Euro). Zusätzlich will man AI-Labore an allen 49 Industrial Training Institutes (ITI) in UP einrichten. Die Ausgaben für den gesamten IT-Sektor sollen im nächsten Haushalt 2026/27 um stolze 76 Prozent steigen. Erklärtes Ziel ist vor allem, neue Jobangebote für die akademische Jugend zu schaffen, die trotz exzellenter Ausbildung oft ohne Job ist.
Noch immer ist Indien, demnächst 1,5 Milliarden Einwohner zählend, ein Schwellenland. Während manche ländlichen Regionen von der Entwicklung abgehängt scheinen, schreiten wissenschaftlich-technischer Fortschritt und industrielle Nutzung neuer Technologien andernorts in beeindruckendem Tempo voran. Im ostindischen Odisha, traditionell eher für Bergbau bekannt, will das einheimische Startup Sarvam AI umgerechnet zwei Milliarden Euro in ein Technologiezentrum stecken, in dem vor allem an KI-optimierter Infrastruktur gearbeitet werden soll, wie die Nachrichtenagentur ANI vermerkte. 5.000 Jobs für hochqualifizierte Fachkräfte sind dort geplant. Es werde sich um den größten nationalen AI-Hub handeln – in Konkurrenz zu den massiven ausländischen Investitionen, die parallel anstehen.
So verkündete der US-Techriese Google im Oktober, bis 2030 etwa 15 Milliarden US-Dollar in einen »gigawattgroßen AI-Hub in Visakhapatnam« zu investieren. Beim Rechenzentrum in der Hafenstadt des Unionsstaates Andhra Pradesh soll es sich nach Fertigstellung um die größte Anlage außerhalb der USA handeln. Gerade nordamerikanische Großkonzerne haben die fünftgrößte Volkswirtschaft im Visier – Open AI (Erfinder von Chat-GPT) hat seinen Fuß schon in der Tür, auch Konkurrent Perplexity hat im Juli 2025 seine Kooperation mit dem indischen Telekom-Riesen Airtel verkündet. Premier Narendra Modi empfing im Oktober Dario Amodei, CEO des US-Startups Anthropic, persönlich.
Indische Firmenchefs wollen da nicht abseits stehen. Reliance, der Mischkonzern von Multimilliardär Mukesh Ambani, hat bereits ein riesiges AI-Zentrum in Modis Heimatstaat Gujarat und will nun in Andhra Pradesh, von vielen ein bevorzugter Landstrich, einen Zwilling bauen. Bereits 153 solcher Datenzentren mit zusammen 1,7 Gigawatt Leistung gab es laut Channel News Asia zuletzt landesweit. Indien sei »auf dem Weg zu einer Top-AI-Destination«, zitierte die Economic Times Pascal Bourguet, einen der führenden Manager von Lenovo, bei einer Konferenz am Donnerstag. Er setzte damit den Grundton für den nun beginnenden AI-Gipfel. Dessen Titel »People, Planet and Progress« mag zynisch wirken. Denn was oft ausgeblendet wird: Die gigantischen Rechenzentren erfordern neben beträchtlichem Flächenverbrauch riesige Mengen an Kühlwasser – in einem Land, in dem an vielen Orten immer schlimmere Wasserknappheit herrscht, wie Tech Wire Asia in einem kritischen Beitrag erinnerte. Das stört aber auch die Modi-Regierung, die den Investoren viele Steuervorteile gewährt, offenbar nicht.
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