Universelle Emanzipation
Von Matthias Rude
Der 14. Februar gilt heute als »Douglass Day«. Bei dem nach dem berühmten Abolitionisten des 19. Jahrhunderts benannten Tag handelt es sich allerdings nicht um ein historisch verbürgtes Geburtsdatum. Wie Millionen anderer Sklaven wusste Frederick Douglass nicht, wann er geboren worden war. Er konnte sein Alter nur ungefähr bestimmen, nachdem er 1835 gehört hatte, wie sein Sklavenhalter ihn auf »etwa siebzehn Jahre« schätzte. Als Geburtsjahr gilt daher 1818. Aus der Kindheitserinnerung, dass seine Mutter ihn einmal »Little Valentine« genannt hatte, leitete Douglass als seinen Geburtstag den Valentinstag ab.
Geboren auf einer Plantage in Maryland, musste er mit zehn Jahren nach Baltimore gehen, um bei einem Verwandten des Plantagenverwalters als Haussklave zu arbeiten. Dessen Frau lehrte ihn eine kurze Zeit lang lesen und schreiben, bis dies von ihrem Mann untersagt wurde. Douglass lernte aber auf eigene Faust weiter. Später berichtete er: »Je mehr ich las, desto mehr kam ich dahin, meine Versklaver zu verabscheuen und zu hassen.«
Bändigen und gebändigt werden
Für die Entmenschlichung, die mit der Sklaverei einhergeht, fand Douglass klare Worte. Es gehe darum, den Sklaven vom Denken abzuhalten – »man muss ihn so weit bringen, dass er die Sklaverei für richtig hält; und so weit kann man ihn nur bringen, wenn er aufhört, ein Mensch zu sein«. Entsprechend wurden Sklaven »wie Tiere« behandelt, etwa was die Ernährung angeht: Maisbrei wurde »in große Kübel oder Holztröge getan und dann auf den Fußboden gestellt. Dann wurden die Kinder gerufen, so wie man die Schweine ruft, und wie die Schweine kamen sie und verschlangen den Brei« – oft mit bloßen Händen.
Rechtlich galten Sklaven als »chattel property«, als bewegliches Eigentum. Der Begriff »chattel« geht wie »cattle« und »capital« auf dieselbe Wurzel zurück – ein sprachlicher Hinweis darauf, wie sehr Menschen in den Rang von Objekten herabgedrückt wurden. Wie die Schätzung des Besitzes seines Sklavenhalters ablief, beschrieb Douglass folgendermaßen: »Männer und Frauen, alte und junge Sklaven, Ehepaare und Unverheiratete wurden mit den Pferden, Schafen und Schweinen zusammen in einer Reihe aufgestellt. Pferde und Männer, Vieh und Frauen, Ferkel und Kinder hielten in der Rangfolge der Lebewesen alle denselben Platz und wurden derselben genauen Untersuchung unterworfen.« Nach der Schätzung erfolgte die Teilung – nach Verwertungskriterien: »Unser Lebensschicksal sollte jetzt entschieden werden. Wir hatten bei jener Entscheidung keine Stimme, genauso wenig wie die Tiere, unter die wir gereiht waren.«
Es wurden Methoden und Strafen angewandt, die aus der Tierhaltung stammten, etwa das Brandmarken oder das Abschneiden der Ohren. Die »nicht böswillige« Tötung eines Sklaven wurde nicht geahndet. Wie Tiere, so wurden auch Sklaven gezielt »gezüchtet« – die Reproduktion der versklavten Bevölkerung war integraler Bestandteil der ökonomischen Kalkulation. Das Prinzip, dass der rechtliche Status der Nachkommen dem der Mutter folgte, machte die Geburt jedes Kindes einer versklavten Frau zum wirtschaftlichen Zugewinn. Diese Gesetzeslage legitimierte und förderte die systematische Kontrolle über die Fortpflanzung der Versklavten – durch erzwungene »Züchtung« und direkten sexuellen Missbrauch durch die Besitzer.
Weil er sich solchen Verhältnissen nicht fügen wollte, wurde der aufrührerische junge Sklave zu einem berüchtigten »negro breaker« namens Edward Covey geschickt. Dort sollte er »wie ein junges, wildes Arbeitstier für das Joch einer bitteren und lebenslänglichen Knechtschaft abgerichtet werden«. Covey galt als frommer Mann und war Vorsteher der methodistischen Kirche. Douglass bemerkte dazu bitter, in den Südstaaten habe die Religion als ideologischer Deckmantel für die brutalsten Formen der Ausbeutung gedient. Es gebe kaum ein größeres Unglück, als »Sklave eines frommen Herrn« zu sein. Die Kirchen und die Sklavenhalter standen Seite an Seite, die Prediger segneten ein System, das auf der Verwertung menschlicher Körper beruhte: »Der Händler gibt sein blutbeflecktes Gold, um den Prediger zu unterstützen, und der Prediger bedeckt als Gegenleistung dessen teuflisches Geschäft mit dem Mantel des Christentums. Hier haben wir Religion und Räuberei als Bundesgenossen – Teufel in Engelsgewändern und die Hölle als Paradies.«
Der »Sklavenbrecher« erfüllte seinen Auftrag: »Schon in der ersten Woche versetzte mir Mr. Covey schwere Peitschenhiebe, schlug mich so stark auf den Rücken, dass das Blut in Strömen floss.« Die Folge: »Meine natürliche Spannkraft war vernichtet, mein Verstand matt, meine Freude am Lesen verschwunden, das fröhliche Leuchten in meinen Augen erloschen; die dunkle Nacht der Sklaverei breitete sich in mir aus; und siehe da: Ein Mensch verwandelte sich in ein Tier.« Als Feldsklave hatte Douglass nun zum ersten Mal in seinem Leben mit Ochsen zu tun. Er sollte sie zähmen und zu Arbeitstieren abrichten – und erkannte, dass die Lage der Tiere seiner eigenen entsprach: »Sie waren Eigentum eines Menschen, und ich war es auch. Sie sollten gebändigt werden, und ich sollte die Ochsen bändigen. Covey sollte mich bändigen, und ich sollte die Ochsen bändigen. Bändigen und gebändigt werden, das ist das Leben.«
Ein Stern weist nach Norden
Im Jahr 1838 wurde Douglass in Baltimore an ein Schiffsbauunternehmen vermietet und als Kalfaterer eingesetzt, also zum Abdichten der Nähte zwischen den hölzernen Planken. Rückblickend schrieb er, er habe nicht länger einsehen wollen, warum er seinem Herrn den Lohn seiner Schufterei in den Rachen werfen sollte: »Man hätte mich auch indirekt berauben können; aber das hier geschah zu unverhüllt und zu schamlos, als dass ich es hätte ertragen können.«
Schon lange reifte in ihm der Entschluss zur Flucht – ein erster Versuch scheiterte. Am 3. September 1838 gelang es ihm schließlich, sich zu befreien und sich bis nach New York durchzuschlagen. Der Bundesstaat hatte die Sklaverei 1827 abgeschafft. Das Jahr seiner Flucht fiel mit der offiziellen Abschaffung der Sklaverei im britischen Empire zusammen. In den USA sollte sie noch weitere 25 Jahre fortbestehen, doch der Umstand, dass die damals führende Weltmacht ihre Sklaven freigesetzt hatte, verweist darauf, dass das System bereits unter Druck stand. 1810 machte Baumwolle rund ein Fünftel der US-Exporte aus, 1859 bereits fast zwei Drittel – ein deutlicher Hinweis darauf, wie eng der US-amerikanische Kapitalismus mit der Plantagenökonomie verflochten war. Doch die Sklavenwirtschaft der Südstaaten geriet zunehmend in Widerspruch zur industriellen Entwicklung, die im Norden auf Lohnarbeit beruhte.
Für Douglass war der Norden ein Synonym für Freiheit. »Unter dem Flimmerlicht des Nordsterns, hinter felsigen Hügeln und schneebedeckten Bergen verborgen« – so beschrieb er die Hoffnung auf eine »zweifelhafte, halb erfrorene Freiheit«. Entsprechend nannte er die Zeitung, die er ab 1847 herausgab, The North Star. Ihr Motto lautete: »Right is of no sex – Truth is of no colour.« Die Freude über die Freiheit wich jedoch rasch der Ernüchterung. Als jemand, »der Brot braucht, aber kein Geld hat, sich welches zu kaufen«, erfuhr Douglass auch im »freien« Norden die Zwänge des kapitalistischen Systems – »inmitten des Überflusses und doch schrecklichen Hunger leidend, inmitten von Häusern und doch ohne Zuhause«. Die folgenden Jahre verbrachte er als Gelegenheitsarbeiter in New Bedford, Massachusetts. 1841 trat er erstmals auf einer abolitionistischen Versammlung als Redner auf. Sein Talent wurde sofort erkannt. In den nächsten Jahren bereiste er die nördlichen Bundesstaaten und Großbritannien, wurde zu einem der wichtigsten Sprecher der Bewegung – und schließlich zum bekanntesten afroamerikanischen Intellektuellen des 19. Jahrhunderts.
Ankläger und Aktivist
Douglass’ erste Autobiographie »Narrative of the Life of Frederick Douglass, an American Slave« wurde 1845 von der New England Anti-Slavery Society veröffentlicht. Die 5.000 Exemplare der ersten Auflage waren innerhalb von vier Monaten vergriffen. Beim Beginn des Bürgerkriegs 1861 waren bereits 30.000 Exemplare im Umlauf. Auch in Europa wurde das Buch zum Verkaufserfolg. Im 20. Jahrhundert geriet das Werk zunächst in Vergessenheit und wurde erst 1960 neu aufgelegt. Die elf Kapitel zeigen die Entwicklung von einem passiven Ich, dem die Sklaverei »geschieht«, über Douglass’ Erkenntnis, wie er aktiv den Weg aus der Sklaverei finden kann, hin zur Loslösung von der Sklaverei, gipfelnd in der gelungenen Flucht und der ersten Rede vor einer Versammlung von Abolitionisten.
Im Gegensatz zu den meisten anderen Autoren von »slave narratives« verfasste Douglass noch weitere Lebensbeschreibungen. Unter dem Titel »My Bondage and My Freedom« erschien 1855 in New York eine zweite, weitaus umfangreichere Autobiographie. Anhand dieses Buches lässt sich nachvollziehen, wie sich »ein absichtlich in Ignoranz gehaltener Sklave zu einem scharfsinnigen Gesellschaftskritiker entwickelt«, wie der Amerikanist Karl-Heinz Wirzberger im Nachwort einer 1965 in der DDR erschienenen Übersetzung anmerkte.
Die Jahre zwischen 1845 und 1855 hatten für die Afroamerikaner eine Verschlechterung ihrer Lage gebracht: 1850 war das Jahr, in dem das »Fugitive Slave Law« anordnete, alle entflohenen Sklaven wieder in die Gewalt ihrer Besitzer zu bringen. Der Ton gegenüber seinem Land wird in Douglass’ zweiter Autobiographie entsprechend schärfer. Die Bewertung des Christentums allerdings ist differenzierter – auch bekennt sich der Autor durchgängig zu einer persönlichen Religiosität. In vielen Punkten vertrat Douglass 1855 aber eine kritischere und emanzipiertere Position als zehn Jahre zuvor. Das Leben als »freier« Afroamerikaner hatte ihn zu einem Kritiker nicht nur der Sklaverei, sondern der gesamten USA werden lassen.
Bei aller Kritik hielt er aber immer an den Prinzipien der US-amerikanischen Republik fest. Er baute auf die »unveräußerlichen Menschenrechte« und die Verfassung, strebte Eingliederung an, nicht Segregation oder Emigration – und sah die afroamerikanischen Bürger sogar als diejenigen Amerikaner, die aufgrund ihrer besonderen Situation aufgerufen seien, Mahner und Künder der amerikanischen Werte zu sein. Als die unterschiedlichen Entwicklungen im Norden und im Süden 1861 zum Sezessionskrieg führten, lautete Douglass’ Position: »Kein Krieg, es sei denn, um die Sklaverei abzuschaffen; kein Frieden, der nicht demselben Ziel dient; Freiheit für alle, Ketten für niemanden.« Er beteiligte sich an der Rekrutierung von Soldaten für die Nordstaaten – 20.000 Schwarze kämpften auf der Seite des Nordens, auch seine eigenen Söhne.
Repräsentant und Regierungsberater
Nach dem Bürgerkrieg wurden durch Verfassungszusätze formal die Voraussetzungen für volle Gleichberechtigung geschaffen. Dieser Fortschritt blieb jedoch weitgehend auf dem Papier. Die Südstaaten etablierten über die »Black Codes« genannten Gesetze neue Formen der Repression – de facto ein Versuch, die Sklaverei unter anderem Namen fortzusetzen. Schließlich entstand ein Apartheidregime, das Schwarze erneut marginalisierte. Während der sogenannten Rekonstruktionsperiode, in der die Rechte der ehemaligen Sklaven institutionell abgesichert werden sollten, versuchte Douglass, in einer Reihe von Ämtern und Funktionen Einfluss zu erlangen und seine Anliegen voranzubringen. Von 1877 bis 1881 amtierte er als Justiz- und Polizeibeamter für den District of Columbia, 1889 wurde er zum diplomatischen Vertreter der Vereinigten Staaten in Haiti ernannt.
»Life and Times of Frederick Douglass« (1881) ist seine dritte Autobiographie. Eine erweiterte Fassung, die zum melancholischen Abschiedsbericht eines Mannes geriet, der den Erfolg jahrzehntelanger politischer Arbeit in Frage gestellt sah, erschien 1892 unter demselben Titel. Der Identitätskonflikt, der den Sohn einer schwarzen Sklavin und eines weißen Vaters – wahrscheinlich der Besitzer der Plantage, auf der seine Mutter hatte arbeiten müssen – sein ganzes Leben lang begleitete, trat jetzt deutlich hervor. Douglass schwankte zwischen dem Zugehörigkeitsgefühl zum schwarzen und dem Wunsch nach Anerkennung durch das weiße Amerika. Je nach politischer Lage, was Fort- und Rückschritte in Sachen Sklaverei und Bürgerrechte angeht, und je nach eigenen beruflichen Erfolgen änderte sich seine Haltung gegenüber den USA – seine Äußerungen reichen von schärfster Kritik auch an den höchsten Persönlichkeiten des Staates bis hin zur Lobpreisung »unserer großartigen Republik«.
Mit zunehmender Anerkennung formierte sich bei ihm mehr und mehr ein staatsloyales Selbstverständnis, er sah sich nicht mehr primär als Oppositioneller, sondern als Teil des republikanischen Projekts. Diese Identifikation mit dem bestehenden Staat schlug sich auch in seiner politischen Haltung nieder. Douglass befürwortete die Expansion der USA, sprach von der Überlegenheit der amerikanischen Zivilisation, übernahm koloniale Denkfiguren. Die Vereinigten Staaten erschienen ihm nun als Träger von »Freiheit und Gleichheit«, deren historische Mission im Kern verwirklicht sei. Dieser Patriotismus ging so weit, dass er für die Politik der 1870er Jahre, die im Süden erneute Unfreiheit für Millionen ehemaliger Sklaven brachte, oft keine scharfen und verurteilenden, sondern sogar beschwichtigende Worte fand. Außerdem zeigt sich eine Tendenz zur Beschönigung und zum verklärten Rückblick. Mit der Enthüllung einer Marmorbüste, die die Stadt Rochester zu Ehren ihres Bürgers Douglass aufstellen ließ, wurde die Versöhnung Douglass’ mit seinem Geburtsland auch symbolisch vollzogen.
Diese Entwicklung kulminierte in Douglass’ Aussprache mit seinem ehemaligen Besitzer Thomas Auld 1877. Der Anblick des ehemaligen Herrn, der inzwischen »auf seinem Bett lag, alt und zitternd, dem Sonnenuntergang seines Lebens entgegensehend«, schien geeignet, »alles Schlechte vergessen zu machen und nur die Erinnerung des Guten zu bewahren«. Wo Douglass früher die Plantagenordnung als barbarisch entlarvt hatte, sprach er nun von gemeinsamen Lebensumständen, die beide »auf denselben Strom des Schicksals geworfen« hätten. Während er in seinen frühen Schriften nur Verachtung für den Luxus im »Great House« seiner Besitzer gekannt hatte, besaß er jetzt selbst ein Haus mit 21 Zimmern vor den Toren Washingtons. Er beriet den Präsidenten und verkehrte mit den Eliten des Landes. Die scharfe Kritik am Staat, die seine frühen Schriften geprägt hatte, war mit seiner Rolle als staatlicher Repräsentant kaum noch vereinbar.
Teil der Elite
Lange galt die Abschaffung der Sklaverei als Ergebnis eines moralischen Fortschritts der westlichen Welt. Diese Erzählung reproduziert jedoch vor allem die Selbstlegitimation bürgerlicher Gesellschaften. Sie erklärt die Abschaffung der Sklaverei nicht aus den historischen Macht- und Klassenverhältnissen. Tatsächlich fiel der Abolitionismus mit einem ökonomischen Strukturwandel zusammen, in dem Sklavenarbeit für den entstehenden Industriekapitalismus an Bedeutung verlor und entbehrlich wurde. Die Delegitimierung der Sklaverei stabilisierte zugleich die Ideologie der »freien« Lohnarbeit als legitime Form moderner Ausbeutung. Der Erfolg der Antisklavereibewegung erklärt sich daher weniger aus moralischer Überlegenheit als aus ihrer historischen Funktion innerhalb der Neuformierung des Kapitalismus. Die Stimme des entflohenen Sklaven mit ihrer Kritik an der extremsten Form von Unfreiheit wurde gehört, weil sie mit den grundsätzlichen Interessen der aufstrebenden Kapitalistenklasse im Norden der USA vereinbar war.
Hier zeigt sich die Grenze von Douglass’ Denken und Handeln. Sein sozialer Aufstieg innerhalb der bestehenden Ordnung führte zur Integration, und je mehr er Teil der Elite wurde, desto stärker verlor er den Blick für die fortbestehenden Klassenverhältnisse innerhalb der schwarzen Bevölkerung. Er unterschied nun ausdrücklich zwischen »bürgerlicher Gleichheit« und »sozialer Gleichheit« und distanzierte sich von Forderungen nach letzterer. Unbeirrt hielt er an der Republikanischen Partei fest, auch nachdem diese ihre historische progressive Rolle nicht mehr erfüllte und zunehmend konservativer wurde. Der Bestsellerautor Colum McCann, der Douglass in seinem Roman »TransAtlantic« (2013) portraitiert hat, meinte deshalb einmal, er habe Douglass zunächst verehrt, dann verachtet – aber schließlich ins Herz geschlossen. Dem Historiker David W. Blight zufolge, dessen Douglass-Biographie »Prophet of Freedom« (2018) mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, bestand Douglass’ zentrales politisches Dilemma darin, radikale Kritik mit politischem Pragmatismus verbinden zu müssen – ein Spannungsverhältnis, das ihn zunehmend von der Rolle des Anklägers in die des staatlichen Vermittlers drängte.
Eine Gesamtschau der Autobiographien zeigt den Lebensweg eines Mannes, der das Schicksal einer gespaltenen Identität nicht überwinden konnte. Der entflohene Sklave suchte zunächst den Anschluss an die weiße Gesellschaft des Nordens, wurde von deren Realität enttäuscht und erreichte später nationale Anerkennung – ohne je eine stabile Balance zwischen »Afro« und »American« zu finden. Der Einsatz für die Afroamerikaner scheiterte an den Machtverhältnissen und entfremdete ihn den Weißen; durch den persönlichen Aufstieg innerhalb dieser Ordnung entfremdete er sich wiederum von den Schwarzen. Die Biographien lassen sich auch als Protokolle des Versuchs lesen, individuelle Emanzipation an die Stelle sozialer Umwälzung zu setzen. So war Douglass weniger ein Kritiker der kapitalistischen Ordnung als ihr radikalster Moralist: Er forderte die vollständige Einlösung der bürgerlichen Versprechen, nicht die Überwindung der bürgerlichen Gesellschaft. Insofern ist er ein Vertreter des klassischen politischen Liberalismus des 19. Jahrhunderts.
Freiheit für alle
»Freiheit für alle, Ketten für niemanden« – diese Losung Frederick Douglass’ wird in der Regel als Formel der menschlichen Emanzipation gelesen. Er selbst meinte damit neben dem Erkämpfen von Bürgerrechten für Schwarze vor allem Frauenrechte. Schon 1848 sprach er auf der Seneca Falls Convention, der Gründungsveranstaltung der organisierten US-amerikanischen Frauenrechtsbewegung. »So wie die Frau die erste Sklavin war, wird sie auch die letzte sein«, schrieb er 1852. Im Sinne der von ihm geforderten »universellen Emanzipation« engagierte er sich buchstäblich bis zum letzten Tag seines Lebens: Noch wenige Stunden vor seinem Tod am 20. Februar 1895 hielt er bei einer Veranstaltung von Suffragetten eine Rede.
In einer Ausgabe des North Star aus dem Juli 1848 findet sich eine interessante Bemerkung von Douglass: »Eine Diskussion über die Rechte der Tiere würde von vielen, die als die ›Weisen‹ und ›Guten‹ unseres Landes bezeichnet werden, mit mehr Wohlwollen betrachtet werden als eine Diskussion über die Rechte der Frau.« Diese Aussage erinnert an eine satirische Reaktion auf das 1792 in England erschienene Werk »A Vindication of the Rights of Woman« von Mary Wollstonecraft, das die moderne Frauenrechtsbewegung begründete. Als Persiflage darauf veröffentlichte Thomas Taylor noch im selben Jahr anonym den Essay »A Vindication of the Rights of Brutes«.
Die Analogie ist nicht zufällig. Die Abwertung des »Tierischen« fungiert als ideologischer Code: Wer zum Tier erklärt wird, kann rechtmäßig ausgebeutet werden. Bereits Charles Darwin hielt in einem seiner Notizbücher fest: »Tiere, die wir zu unseren Sklaven gemacht haben, betrachten wir nicht als gleichwertig. Wünschen sich nicht die Sklavenhalter, den Schwarzen zu einer anderen Art zu machen?« Wie das domestizierte Tier gehört der versklavte Mensch vollständig – mit seinem Körper, seiner Arbeitskraft, seinen Nachkommen – seinem Besitzer. Der Sklave verkauft seine Arbeitskraft nicht an den Sklavenhalter, »sowenig wie der Ochse seine Leistungen an den Bauern verkauft«, stellte Karl Marx fest – der übrigens das »Zellengefängnissystem« der zu seiner Zeit entstehenden industriellen Tierhaltung abstoßend fand: »Disgusting!« notierte er dazu in einem Studienheft.
»Zukünftige Generationen könnten ebenso intolerant gegenüber Grausamkeit an Tieren werden, wie wir es gegenüber Grausamkeit an Menschen sind«, schreibt der New Yorker in seiner Besprechung von Blights Douglass-Biographie »Prophet of Freedom«. Schon im 18. Jahrhundert wandte sich Benjamin Lay, der als erster radikaler Abolitionist in die Geschichte eingegangen ist, mit derselben Vehemenz gegen die Ausbeutung von Tieren wie gegen die Sklaverei. Von Barbados wurde er auf Betreiben der Plantagenbesitzer ausgewiesen. 1737 veröffentlichte er in Pennsylvania das von Benjamin Franklin verlegte Traktat »All Slave-Keepers That Keep the Innocent in Bondage, Apostates«. Mit den »Unschuldigen, die in Ketten gehalten« werden, meinte Lay Menschen und Tiere gleichermaßen: Er verweigerte Erzeugnisse und Dienstleistungen aus Sklavenarbeit, verschmähte aber auch tierische Nahrung und Kleidung und lehnte das Reisen per Pferd ab – heute würde man ihn als Veganer bezeichnen.
Douglass’ Blick auf Arbeitstiere war von Identifikation und Solidarität geprägt. Insofern lassen sich seine Berichte auch als grundsätzliche Kritik an einer Gesellschaft lesen, die fühlende Lebewesen zu Produktionsmitteln macht. Er selbst zog diese radikale Konsequenz nicht – sein universalistischer Anspruch verharrte nicht nur innerhalb der Schranken der bürgerlichen Gesellschaft, sondern blieb darüber hinaus anthropozentrisch begrenzt. Doch ein System, das Milliarden fühlender Wesen industriell verwertet, reproduziert im Kern jene Logik der Verdinglichung, aus der auch Sklaverei, Rassismus und Sexismus hervorgegangen sind. Douglass liefert nicht die Antwort, wohl aber das Material für eine weitergehende Kritik – insofern liegt noch viel theoretische Sprengkraft in seinem Werk. Denn »universelle Emanzipation« kann nicht nur die Ausdehnung von Rechten auf neue Gruppen bedeuten, sie erfordert auch die grundsätzliche Infragestellung jener Eigentumsverhältnisse, die fühlende Lebewesen zu Objekten degradieren.
Matthias Rude schrieb an dieser Stelle zuletzt am 18. November 2025 über Erich Frieds Israel-Kritik: »Geworden wie sie«
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