Metaphorisches Kokain
Von Ronald Kohl
Als die britische Popikone Charli xcx vor Jahren von einem Journalisten gefragt wurde, ob sie sich nicht mal ein bisschen Privatleben zulegen wolle, antwortete sie, dass sie das schon einmal versucht habe. »Mein erster Freund war Regisseur, und er hat dann meine Musikvideos gedreht.«
Auch in »The Moment« gibt es einen Filmemacher, der das Leben der fiktionalisierten Charli xcx (Charli xcx) verändert, nicht unbedingt zum Besseren.
Johannes Godwin (Alexander Skarsgård) ist ein lächerlicher Wichtigtuer. Eigentlich besteht seine Aufgabe darin, einen Dokumentarfilm über Charlis bevorstehende Tournee zu drehen, doch schon bei den Proben zum Auftaktkonzert erscheint er mit seinem Team und macht ungefragt Vorschläge. Ihm schwebt eine Performance vor, die alle Generationen anspricht, nicht nur die »Brats«, also selbstbewusste Partygirls, die gerne Bullshit heraushauen und die nichts umhaut. Der Regisseur im Film will eine Geschichte erzählen, keinen Drogenexzess beschreiben.
»Sie singt über Kokain?« fragt er Charlis engste Mitarbeiterin. Die bestätigt das. »Ist das ernst gemeint oder metaphorisch?« – »Was ist das, metaphorisches Kokain?«
Ansonsten spielen Drogen im Film keine Rolle, schließlich soll die Musikindustrie parodiert werden, nicht attackiert.
Das Skript ist nicht nur intelligent und witzig, es ist auch clever, so clever, wie man sein muss, wenn man als Künstler am Abend in den Spiegel gucken können will und auf den Kontostand, ohne dass einem übel wird.
Die echte Charli xcx hat es darin zu Perfektion gebracht. Über eines ihrer erfolgreichsten Alben sagte sie mal: »Es gibt Lieder auf ›Crash‹, die ich mir niemals anhören würde.« Und über ihren späteren Riesenhit »I Love It« (Kompositionszeit 20 Minuten) dachte sie zunächst, es wäre »der schlimmste Song aller Zeiten«. Trotzdem klappte jeden Abend das mit dem Spiegel. Die echte Charli wollte und brauchte eben bestimmte Erfolge, um unabhängig zu werden, keine »Sklavin der Charts« mehr zu sein.
In diesem Punkt ist »The Moment« aufrichtig. Nur geht die Film-Charli den Weg des geringsten Widerstands: Sie taucht ab, lässt ihre Crew Hals über Kopf im Stich, als die mit dem Regisseur aneinandergerät, und gönnt sich ein paar Wochen Wellness vom Feinsten auf Ibiza, und wir sind wie immer per Handkamera dabei. Womit wir beim Kern des Konzepts wären: Jedes Mal, wenn wir denken, so ist es also, ein Star zu sein – fühlt sich doch nicht so toll an –, nimmt sich die Heldin eine Auszeit. Entspricht das auch der Wirklichkeit?
Es heißt, die echte Charli xcx habe zwei Jahre lang ihren schwerkranken Daddy nicht besuchen können, weil sie weit weg und rund um die Uhr beschäftigt war. Musik, insbesondere erfolgreiche Musik, ist ihr Leben, war es schon immer. Als Agent kannte ihr Vater den Laden und hat seiner damals 14 Jahre alten Tochter das erste Album finanziert, durchweg eigene Kompositionen.
Im Film bleibt das Kreative außen vor, sieht man einmal von dem nervigen Regisseur ab. Seine Ideen sind nicht nur rückwärtsgerichtet, sie sind auch gefährlich. Er hat vor, Charli an Drahtseilen hoch über der Bühne schweben zu lassen. Und er setzt sich damit durch. Man kann nicht behaupten, dass die Panik, die sie dabei schiebt, gut für den Gesang wäre. Doch das zählt nicht. Wichtig ist nur eines:
»Wie halten wir dieses Brat-Ding am Laufen?« fragt die Chefin der Plattenfirma. Gemeint ist der Brat-Sommer, der große Hype, den es 2024 tatsächlich gegeben hat, der Moment eben. Verlängert wird er im Film durch die Einführung einer grünen Kreditkarte für besondere Fans (zigtausend Stück).
Für das originale Bratgrün wurden damals 500 verschiedene Grüntöne auf ihre Tauglichkeit getestet. Die Siegerfarbe lebt weiter. Wir können sie nicht nur im Film sehen, sondern mittlerweile auch in der wirklichen Kreditwerbung im Internet, wo die Blase langlebiger zu sein scheint als in »The Moment«. Beinahe möchte man meinen, hier macht sich die Realität über die Parodie lustig.
»The Moment«, Regie: Aidan Zamiri, USA 2026, 103 Min., Panorama, 14., 15., 16., 17.2.
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