Drohnen
Von Jürgen Roth
Seit Tag zwei von Olympia steht auf meinem Themenzettel: »Drohnen«. Sie sirren, sie pfeifen, sie produzieren ein hysterisches Kreischen, sie sirenen wie Kinderkreissägen oder klingen bestenfalls nach ferngesteuerten Spielzeugautos.
Sie gingen mir sofort auf den Zeiger, die kleinen Dinger, die über diversen Sportstätten in die Luft geschickt werden und megatolle Bilder ohne jeden ästhetischen Mehrwert liefern. Drohnen? Haben wir mittlerweile auch auf Lager. Benutzen wir. Warum? Weil wir’s können, ihr Wichte an den Schirmen!
Das lässt sich mit Günther Anders mühelos deuten. Der Technikfetischismus durchkreuzt und zerdeppert absichtsvoll die ruhige oder gespannte Betrachtung. Innovation ist hier ein permanenter Störfaktor, der die Wahrnehmung kujoniert, ja bekriegt. Das trägt eben sadistische Züge: Wir bringen euch auf die Palme, denn wir möchten euch auf die Palme bringen – gebieterisches Gebaren, Ausweis von Macht.
Am Mittwoch saß ich beim Rekreationsbier in der Kneipe und las die Bild. Fuck! dachte ich. Schreiben die, was ich längst hatte schreiben wollen! »Das nervigste Geräusch von Olympia – […] Ein Surren liegt über den Rennen, egal ob Big Air, Abfahrt oder Rennrodeln. Statt Winterruhe habe ich auf einmal Vuvuzelas aus dem Fußball im Ohr. Leise zwar, aber da.«
Bis dahin hatte kein einziger TV-Kommentator die vorzüglichen Drohnen erwähnt. Am selben Tag muss im Sendezentrum in Mainz, nachdem der diensthabende Boss die Bild durchgesehen hatte, eine große Redaktionskonferenz (Konferenzen – eine analoge Belästigung und Unsinnigkeit) einberufen worden sein, und am Donnerstag stellten die Medienstricher an den Mikrofonen ihren Un- und Untertanengeist aufs prachtvollste unter Beweis. Auf einmal hieß es in jeder Schalte von drohnenbewehrten Wettkampforten: »Schön hier mit der Drohne durch den Eiskanal geflogen!« – »Drohne verfolgt sie durch den Tofana-Schuss.« – »Verfolgt von dieser Drohne, die uns die ganzen Spiele so schöne Bilder beschert.« Et cetera.
Leute, schmeißt die Medientheorien weg! Es ist platt, es ist plan, es ist Opportunismus.
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