Betreuungslücke im Joballtag
Von Oliver Rast
Erwerbstätige sollen mehr ackern, fordern Kapitalverbände und liberal-konservative Fraktionen. Eltern in Deutschland trifft es besonders – denn eine ganztägige Kinderbetreuung fehlt vielerorts. Neue Daten des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zeigen, wie groß die Lücke zwischen Anspruch und Realität ist: 54 Prozent der erwerbstätigen oder arbeitssuchenden Eltern waren im Herbst 2025 mindestens einmal von verkürzten Betreuungszeiten oder kurzfristigen Schließungen von Kitas betroffen. Die Ausfälle trafen Familien häufig ohne Vorwarnung – und meist wegen Personalmangels.
Für die Betroffenen bedeutet das vor allem eines: ständige Unsicherheit. Fast ein Drittel der Eltern, die mit Ausfällen konfrontiert waren, musste kurzfristig die eigene Arbeitszeit reduzieren. In Partnerschaften übernehmen weiterhin überwiegend Frauen die zusätzliche Sorgearbeit.
Die Zahlen zeigen zwar einen leichten Rückgang im Vergleich zu Ende 2024, als noch 59 Prozent der Eltern von Ausfällen berichteten. Doch von einer stabilen Betreuungssituation kann keine Rede sein. WSI-Direktorin Bettina Kohlrausch kritisiert, dass die politische Debatte über angeblich zu hohe Teilzeitquoten an der Lebenswirklichkeit vorbeigehe. Beschäftigte sollten mehr arbeiten, während gleichzeitig die staatliche Infrastruktur nicht verlässlich funktioniere. Für viele Eltern sei das ein unauflösbarer Widerspruch.
Die Ausfallquoten unterscheiden sich deutlich zwischen Ost- und Westdeutschland. In Ostdeutschland berichteten 21 Prozent der Eltern von Schließungen, im Westen 39 Prozent. Auch verkürzte Öffnungszeiten traten im Osten seltener auf. Die Unterschiede spiegeln strukturelle Entwicklungen wider: Während der Osten traditionell stärker auf öffentliche Betreuung setzt, ist das System im Westen vielerorts stärker ausgelastet und personell angespannter.
Eltern kleiner Kinder bekommen die Folgen am härtesten zu spüren. Bei unter Dreijährigen meldeten 40 Prozent Schließungen, bei Drei- bis Sechsjährigen waren es 39 Prozent. Noch häufiger kam es zu verkürzten Öffnungszeiten: 49 Prozent der Eltern mit Kindern unter drei Jahren und 51 Prozent der Eltern von Drei- bis Sechsjährigen waren betroffen. Erst bei älteren Kindern sinken die Werte spürbar.
Auch die Dauer der Ausfälle variiert. Rund elf Prozent der Eltern mussten mit Schließungen an einem Tag zurechtkommen, 17 Prozent an zwei bis fünf Tagen. Jeweils knapp drei bis vier Prozent berichteten sogar von sechs oder mehr Tagen ohne Betreuung. Für viele Familien bedeutet das: improvisieren, Arbeitszeiten verschieben, Absprachen mit Vorgesetzten treffen – oder schlicht ausfallen lassen.
Wenn Betreuung ausfällt, springen meist die Eltern selbst ein. In heterosexuellen Partnerschaften übernehmen überwiegend Frauen die zusätzliche Sorgearbeit. 73 Prozent der Männer gaben an, dass ihre Partnerin eingesprungen sei. 39 Prozent der Frauen sagten das Gleiche über ihren Partner. Viele Familien greifen zusätzlich auf ihr privates Umfeld zurück: 42 Prozent der Betroffenen berichteten, Verwandte oder Freunde um Unterstützung gebeten zu haben.
Diese Muster verstärken bestehende Ungleichheiten. Die unzuverlässige Betreuung verschärft die ungleiche Verteilung von Sorgearbeit zwischen Männern und Frauen und wirkt sich direkt auf die Erwerbschancen von Müttern aus. Wer häufiger einspringen muss, kann weniger arbeiten – und bleibt im Zweifel in Teilzeit, selbst wenn der Wunsch nach mehr Stunden da wäre.
Für WSI-Direktorin Kohlrausch ist die Lage eindeutig: Die mangelnde Verlässlichkeit von Kitas und Ganztagsschulen sei längst ein zentraler Engpass für die Erwerbstätigkeit von Millionen Eltern. Gleichzeitig fehlten bundesweit Hunderttausende Betreuungsplätze. Investitionen in Personal und bessere Arbeitsbedingungen in der frühkindlichen Bildung seien daher dringend notwendig. Sie wären, so Kohlrausch, deutlich wirksamer als zusätzlicher Druck durch arbeitsrechtliche Deregulierungen wie die geplante Abschaffung der täglichen Arbeitszeithöchstgrenze.
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