Netanjahu grätscht dazwischen
Von Knut Mellenthin
Der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu arbeitet weiter an seinem Nimbus, der einzige westliche Politiker zu sein, der es mit Donald Trump aufnehmen kann. Ob es einen Sieger seines dreistündigen Treffens mit dem US-Präsidenten am Mittwoch gegeben hat, lässt sich aber in diesem Moment noch nicht eindeutig und mit Gewissheit beantworten.
Die Übereinstimmung mit den »indirekten Gesprächen« zwischen Washington und Teheran im vorigen Jahr ist jedenfalls offensichtlich und frappierend: Netanjahu quengelte, bevor die Pseudoverhandlungen überhaupt begonnen hatten, und ließ sich wutschnaubend scheinbar nur mühsam von einem sofortigen militärischen Alleingang zurückhalten. Am Ende bekam er doch seinen Willen und durfte am 13. Juni die längst vorbereiteten Luftangriffe auf vielfältige Ziele im Iran starten: genau einen Tag nachdem ein von Trump schon im März angekündigtes 60-Tage-Ultimatum, gerechnet ab dem ersten Treffen am 12. April, verstrichen war. Einen Tag lang, am 22. Juni, schlossen sich auch die US-Streitkräfte der israelischen Militäroperation an: Nur sie verfügten über superschwere Bomben und Raketensprengköpfe, um die Zentren der iranischen Atomindustrie so nachhaltig zu beschädigen, dass die Urananreicherung bis heute nicht fortgesetzt werden konnte.
Am 6. Februar wurden die »indirekten Gespräche« erstmals seit dem Zwölftagekrieg im Juni 2025 wiederaufgenommen, am schon vertrauten Ort in Maskat, der Hauptstadt des arabischen Fürstentums Oman. Der Außenminister der Islamischen Republik, Abbas Araghtschi, der schon damals dabei war, sprach von einem »guten Start«, ohne diese Einschätzung mit irgendeiner sachlichen Information zu erhärten.
Falls Araghtschi die Taktik verfolgt, bei Netanjahu Misstrauen gegen Trump zu provozieren, wäre er offensichtlich auf dem richtigen Weg. Eigentlich hätte Israels Regierungschef seinen nächsten Besuch in Washington erst am 18. Februar absolvieren wollen. Aber die Andeutungen beider Seiten, dass USA und Iran die neu gestarteten »indirekten Gespräche« schon Anfang kommender Woche fortsetzen könnten, verstärkten bei Netanjahu den Eindruck, dass Eile geboten war. Bevor er am Dienstag vom Ben-Gurion-Airport zum Treffen mit Trump startete, erläuterte er den anwesenden Journalisten seine Absicht nicht gerade unbescheiden: »Ich will dem Präsidenten unsere Vision für die Grundsätze der Verhandlungen vorstellen.« Sein »Herangehen« an diese Frage widerspiegele »die wichtigsten Grundsätze nicht nur für Israel, sondern für jeden, der nach Frieden und Sicherheit im Nahen Osten strebt«.
Netanjahus Anliegen war, wie aus seinen eigenen Äußerungen und aus Interpretationen von Mitarbeitern, die ihn lange kennen, zu schlussfolgern ist, den US-Präsidenten zu bedrängen, mit der iranischen Seite nicht nur über deren Atomprogramm zu sprechen, sondern ihr auch weitgehende Beschränkungen ihrer ballistischen Raketen und Zurückhaltung bei der Unterstützung ihrer Verbündeten in der Region abzuverlangen. Forderungen zu diesen Themen stellt Trump aber ohnehin. Eher ist zu vermuten, dass Netanjahu den US-Präsidenten erneut wie im vorigen Jahr zu einem Ultimatum bringen will, das die Dauer der neuen »indirekten Gespräche« von vornherein zeitlich eng begrenzt.
Der US-Präsident drückte seine Gegenposition, zumindest für die Öffentlichkeit, betont zurückhaltend und entgegenkommend aus: Netanjahu sei gar nicht gegen Verhandlungen, sondern wolle ebenfalls einen »guten Deal« mit Teheran erreichen. Aber die Voraussetzungen seien jetzt erfolgversprechender als im Vorjahr. Damals habe die iranische Führung seine Androhungen nicht ernst genommen und »ihr Blatt überreizt«. In der Diskussion am Mittwoch »wurde nichts Definitives erreicht, außer dass ich darauf beharrt habe, die Verhandlungen mit Iran fortzusetzen, um zu sehen, ob ein Deal zustande gebracht werden kann oder nicht«. Gleichzeitig ließ Trump offen, ob er das in der Region versammelte US-Drohpotential durch die Entsendung einer zweiten Flugzeugträgergruppe noch weiter verstärken wird.
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