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Aus: Ausgabe vom 13.02.2026, Seite 4 / Inland
Sicherheitskonferenz

Den Wahnsinn stoppen

München: Bündnis mobilisiert zu Friedenskonferenz und Protesten gegen »Sicherheitskonferenz«
Von Fabian Linder, München
Münchner Sicherheitskonferenz.jpg
»Anti-Siko«-Demonstranten vor dem Bayerischen Hof (München, 11.2.2026)

Vor dem Hintergrund der weltweit wachsenden Kriegsgefahr und der sich immer schneller drehenden Aufrüstungsspirale ruft das Aktionsbündnis gegen die sogenannte Sicherheitskonferenz in München in diesem Jahr erneut zu Protesten auf, die sich über das gesamte Wochenende erstrecken sollen. »Stoppen wir den Rüstungswahnsinn!« heißt es im Aufruf. Auch die Veranstalter der »Sicherheitskonferenz« stellen sich auf Proteste ein: Bereits jetzt fallen das Polizeiaufgebot in der Münchner Innenstadt und die Absperrungen auf, die den Tagungsort im Luxushotel Bayerischer Hof abschirmen sollen.

Die enorme Aufrüstung gehe einher mit der alltäglich geschürten Kriegsangst, mit Alarmismus sowie Falschbehauptungen statt Fakten, heißt es in dem Aufruf des Bündnisses, das am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in München über die geplanten Proteste informierte. Zum Alarmismus gehörten auch die regelmäßig aus sogenannten Sicherheitskreisen lancierten Behauptungen zur Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit eines russischen Angriffs auf das NATO-Gebiet. Das Bündnis verweist demgegenüber auf Studien, die immer wieder eine deutliche militärische Überlegenheit der NATO-Staaten gegenüber Russland ausweisen, die bereits jetzt, also bevor die umfangreichen Aufrüstungsprogramme voll zum Tragen kommen, gegeben ist.

Bei der »Sicherheitskonferenz« gehe es um eine aggressive Kriegspolitik zur Durchsetzung westlicher Interessen, hieß es am Donnerstag. Die in München versammelten Politiker, Militärs und Vertreter der Rüstungsindustrie seien auf die Jugend angewiesen, erklärte eine Sprecherin der Initiative »Nein zur Wehrpflicht«. Die aktuell versendeten Fragebögen seien ein erster Schritt hin zur Wehrpflicht. Für den 5. März ist daher erneut ein Schulstreik gegen die Wehrpflicht geplant. Bei der Demonstration am Sonnabend gibt es einen großen Jugendblock.

Im Mittelpunkt der Proteste stehen auch die Angriffe der prowestlichen islamistischen Regierung in Damaskus auf die Kurden in Nordostsyrien. Auch der syrische Außenminister wird an der »Sicherheitskonferenz« teilnehmen. Damit der »keine ruhige Nacht« hat, ruft der Zusammenschluss »Riseup 4 Rojava« zu einer Demonstration am Freitag abend auf.

Am Freitag beginnt auch die 24. Internationale Münchner Friedenskonferenz, die als inhaltlicher Gegenpol entschieden andere Akzente setze, erklärte Maria Feckl, die die Konferenz leitet. Bei der Friedenskonferenz fänden die Stimmen Gehör, die bei der Sicherheitskonferenz keine Rolle spielen. So diskutieren zum Auftakt unter anderem Kriegsdienstverweigerer aus der Ukraine, Russland und Israel über das Thema Kriegsdienstverweigerung, während am Sonnabend Sanktionen und Boykotte als Mittel von Politik und Zivilgesellschaft erörtert werden.

Wie in den vergangenen Jahren auch wird es neben dem Demonstrationszug am Sonnabend eine Menschenkette vom Karlsplatz zum Marienplatz geben, um mit beiden Aktionen den Tagungsort »einzukreisen«. Sowohl bei der Auftakt- als auch bei der Abschlusskundgebung am Marienplatz werden Redner aus der Friedensbewegung sprechen. Teilnehmen werden unter anderem kurdische und palästinensische Aktivistinnen sowie die BSW-Politikerin Dagdelen.

Aus aktuellem Anlass wies das Aktionsbündnis am Donnerstag die Unterstellungen seitens des ukrainischen Militärgeheimdienstes zurück, wonach die Proteste am Sonnabend von »russischen Geheimdiensten« instrumentalisiert seien. Diese Behauptung entbehre »jeder faktischen Grundlage«, wie es in einer Stellungnahme bei der Pressekonferenz hieß. Legitime Kritik an militärischen Eskalationen müsse möglich bleiben. Kriegsgegnerschaft grundsätzlich als Problem darzustellen, verenge den demokratischen Spielraum. Neben der Demonstration gegen die NATO-Konferenz sind mit Stand vom Donnerstag noch rund 20 weitere Demonstrationen am Konferenzwochenende in München geplant.

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  • Leserbrief von Manfred Pohlmann (13. Februar 2026 um 10:52 Uhr)
    Zombie Jamboree in München. Der unvergessene Harry Belafonte sang 1962, ein Jahr nach der Ermordung Lumumbas im Beisein belgischer Offiziere und Beamten, das Lied vom »Zombie-Jamboree« auf einem Friedhof in NY: »Nun schlagen sie im Kongo Kriegstrommeln / Und der Rhythmus hallt in den Bongos wider / Es liegt also an uns, an dir und mir-Dieser Katastrophe ein Ende zu setzen / Wir müssen an ihr gutes Herz appellieren / Damit jeder seinen Beitrag leistet / Denn wenn dieser Atomkrieg beginnt / werden sie nicht einmal mehr die Möglichkeit haben, sich zu beteiligen«. Der Refrain: »Und wir werden singen / Rücken an Rücken, Bauch an Bauch / Scheiß drauf, wir sind eh schon tot / Rücken an Rücken, Bauch an Bauch / Beim Zombie-Jamboree / Hört ihr mich reden?« (1962) Wenn Kunst sich mit Realität verbindet, kommt doch des Öfteren etwas sehr Kluges heraus. Die Angst vor dem großen Krieg scheint nicht das Motiv der internationalen Rüstungs- und Kriegsclique der Gäste im Münchner Hof zu sein. Im Vordergrund steht noch immer, die Angst vor dem Russen und dann die vor dem Chinesen beim gemeinen Volk zu schüren. Angst ist aktuell individualpsychisch ein großer Krankmacher – Angst und Furcht sind sozial gesehen nach Heinrich Mann »als Erziehungsmittel noch zuverlässiger als selbst Neid und Hass«. (H. Mann, Der Hass, S. 102) Das wissen die tollen »Think« Tanks natürlich auch. Eines muss man diesen Kriegstreibern und Profitspekulanten neidlos zugestehen: In dieser Konsequenz zigmillionen Menschen auf diesem Planeten eine Bedrohungslüge aufzutischen von Leuten, die sich selbst als Heilige oder Erlöser inszenieren (US-Sprecher K. McCarthy über Trump), ist mediale Champions-League! Denn nur darauf baut das Kartenhaus »Kanonen statt Butter«. »Der große Mann ist im günstigen Augenblick erschienen, und seine Größe wurde ihm zugesprochen von einer Nation, die nichts mehr sah und hörte als nur ihn: Grund genug, ihn für den längst Erwarteten zu halten. So übertreibt er denn bewusst seine Hysterie. Es ist einer seiner Vorzüge, ein Hysteriker zu sein. Ein anderer Vorzug ist, dass ihm auf den meisten Gebieten die einfachsten Kenntnisse abgehn, dass er nichts gearbeitet hat; und weiter kommt ihm zustatten sein höchst oberflächliches Verhältnis zu dem Lande, das ihn umschmeichelt wie einen Kino-Vamp«, schreibt H. Mann 1933 über Hitler. (ebd. S. 63 f.) Es wird allerdings ins Leere laufen, wenn wir weiterhin nur alarmieren, skandalisieren und entlarven. »Eine Politik mit noch so offen eingestandenen Ansprüchen auf Eroberung will doch beileibe keine Kriegspolitik sein. Der Krieg wird entfesselt werden, kraft seiner sittlichen Erziehung auf Grund von Lügen. Niemals noch ging eine solche Lügenlawine über eine Nation nieder, fälschte ihr die eigene, jüngste Geschichte und brachte fertig, dass sie alles vergaß. Die sittliche Erziehung entscheidet über die Zukunft einer Nation und der ganzen Welt.« Gerechtigkeit und Wahrheit sollen auf der Strecke bleiben. Das Schlimmste: Die junge Generation soll gar nicht erst danach fragen. »Hitler hatte richtig gesagt: ›Wir werden ihnen die Kinder nehmen.‹« (ebda. S.102) Wir brauchen mehr Verweigerungen, Streiks der Werktätigen, der Schüler:innen und Student:nnen und breite Bündnisse bis in die sozialen Mittelschichten hinein. Krieg dem Kriege!

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