Von gestern
Von Jürgen Roth
Ich bin fehlgegangen. Ich habe das Fraueneishockey beleidigt. Selbstverständlich verhält es sich in Wahrheit so, dass eine Welt, in der es Fraueneishockey gibt, die beste ist. Fraueneishockey vereint Grazie und Dynamik, Eleganz und Kraft, Kunstfertigkeit und Wagemut. Über Fraueneishockey geht nichts, allerhöchstens Männerausdruckstanz mit Wassergymnastik als Kür.
Ich höre auch nie mehr auf meine Freundin Nia Künzer, die mal zu mir sagte, sie werde den Teufel tun und faden Frauenfußball schauen. Ich lehne solche infamen Formen der Diskriminierung ab.
Und wie bin ich denn auf den alten weißen Mann Günter-Peter Ploog, einen Schüler von Hanns Joachim Friedrichs, gekommen, der in seinem allzu lässigen, öden, gesitteten Kaffeetafelplauderton in den 80er Jahren in »Sport am Sonntag« derart unterirdisch sachliche Sätze verlas? »Den Länderkampf der Geher in Eschborn gewann die ČSSR vor Frankreich und der Bundesrepublik.« – »Schweiz eins und zwei belegten die Plätze drei und vier.«
»Er war von gestern, also aus jenen wilden Zeiten, in denen man sich Samstag abends bei den Streitgesprächen im Sportstudio noch anschnallen musste«, rief Oskar Beck ihm nach. »Er wollte kein Rädchen im Unterhaltungszirkus (…) sein.« Genau. Von gestern. Nicht mitmachen wollen, der Feigling. Nicht wie die ARD-Moderatorin Stephanie Müller-Spirra in der Gegend herumschnattern: »Die deutschen Eishockeyfrauen haben sich seit 2014 zum ersten Mal qualifiziert, da haben sich alle gefreut!« Oder der Eishockeykommentator: »Und der Bundespräsident hat auch Spaß!« (Deutschland – Japan) Oder (noch mal Müller-Spirra): »Dieser erste Olympiatag, der trägt sich immer weiter ein in die Geschichtsbücher.«
Statt dessen knurrte Ploog während der Winterspiele 1988 in Calgary: »Xaver Unsinn, der Bundestrainer. Was Hans-Dietrich Genscher in der Politik, das ist er im Eishockey.« Oder nach der Pausenorgel: »Hier ist unser zweiter Torhüter, Beppo Schlickenrieder, ab und zu auch einmal Josef genannt.«
Den Ploog hätte ich retrospektiv beleidigen sollen. Denn jeder hat, das sei festgehalten, das Recht, beleidigt zu werden, stets und überall – sofern wir uns anmaßen wollen, in einer freien, demokratischen Gesellschaft zu leben.
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