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Aus: Ausgabe vom 09.02.2026, Seite 10 / Feuilleton
Landlust

Gerede

Aus der Provinz
Von Jürgen Roth
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Man muss sich nach der Essensgabe zurückziehen

So viel Schnee kenne ich bloß aus meiner Kindheit. Ich habe alle Hände voll damit zu tun, die Vögel zu füttern. In Hof und Garten liegt das gefrorene Nass noch immer fünfunddreißig Zentimeter hoch.

Die Gefiederten flüchten in die Garage, in der ich ihnen angeröstete Haferflocken und Körner aller Art anbiete. Vorgestern flatterte ein verschrecktes Rotkehlchen hinter die Apfelkörbe, als ich eine neue Ration ausbringen wollte. Es hielt mich offenbar für einen Feind. Kein gutes Zureden half. Man muss sich nach der Essensgabe zurückziehen.

Glücklicherweise steckt alle vierzehn Tage das Mitteilungsblatt des Rathauses im Briefkasten. Den deutschen Bürokraten an und für sich haben schon Hitler und seine bestialischen Horden zu schätzen gewusst. Man instruiert mich folgendermaßen: »Die Vorder- und Hinteranlieger verpflichten sich«, die »Gehbahnen« reinzuhalten. »Soweit ein für den Fußgängerverkehr abgegrenzter Gehweg nicht vorhanden ist, ist die öffentliche Straße am Rand in 1,5 m Breite für den Fußgängerverkehr zu sichern. (…) Die Gemeinde fordert nicht nur von Ihren [sic!] Bürgerinnen und Bürgern die Einhaltung der Winterdienstpflichten.« Den »Sicherungspflichtigen« sei außerdem eingebimst: »Ein vorzeitiges Aussteigen oder Weitergehen zu Fuß beschleunigt den Ablauf nicht.« Stop, letzteres betrifft die »Mobile Problemabfallsammlung«, sorry for that.

Unsere Kaigehwege (Aktualbezeichnung für Trottoirs, yo!), die sich nach sämtlichen Regeln der Winterhilfswerkskunst gesalzen haben, gleichen seit Wochen von verrußten Eishalden gesäumten Halbtunneln. Klimawandel? Geht mir fott!

Über alledem pappt ein brechgrauer, depressiver Himmel. Dann fällt in der Hälfte der Straßenzüge für sechs Stunden der Strom aus. Innerhalb weniger Minuten ist das steinalte Haus unbewohnbar, weil die ziemlich neue Gasheizung nicht mehr läuft.

Nachdem die Leitungen geflickt worden sind, springt die Therme nicht wieder an. Du kauerst im Wollmantel auf dem Sofa, lugst in eine Welt hinein, die dir vor längerem, in der Coronascheiße, abhanden gekommen ist, und versuchst den Installateur Böhm zu erreichen. Es habe den »Kontaktschalter« geschreddert, erklärt er dir später am Abend, der gute, erschöpfte Mann, und legt dir dar, hier breche in Bälde die komplette Energieversorgung dauerhaft zusammen. »Kaufen Sie sich einen Dieselgenerator und einen Kohleofen!«

Am nächsten Tag zerkloppt es die Heizung – die Heizung: eine geniale, humane Erfindung! – erneut. Du hast die Schnauze voll. Alles ist kaputt, es ist alles zuviel, es ist alles zu dumm. Du stakst zum Seven Bistro, wo es warm sein soll, mit einer Tüte Tausalz, die du auf den zweihundert Metern zugunsten der Mitmenschen leerst.

Die Zuhandenheit des Bieres ist daseinskonstitutiv – und der Rückzug in die Uneigentlichkeit des Man, in die Geworfenheit, ins Gerede. Das erste Universitätsseminar, das ich 1987 besuchte, war ein Lektürekurs zu Heideggers »Sein und Zeit«, in der Tübinger Burse, wo die Studenten Hölderlin, Hegel und Schelling herumrandaliert hatten und wo ich meine Lebensfreunde Schäfer und Tausch kennenlernte.

Unser Präzeptor war der Rechtshegelianer Klaus Hartmann. Satz für Satz, Seite um Seite wühlten wir uns durch diesen Vollidiotenbrei. Unsterblich, was Hartmann, einer der besten Lehrer, den ich jemals hatte, irgendwann ans Auditorium richtete: »Meine Damen und Herren, ich kann ich hier nichts mehr sehen. Können Sie noch etwas sehen? Ich kann hier nichts mehr sehen. Hier ist der Text kaputt.« Hier ist der Text kaputt – das nenne ich Aufklärung unterm Signum der Skepsis. Und wegen der Gnade, solche Sentenzen vernommen zu haben, konnte mir in der weiteren Folge die Bild-Zeitung Anfang 2000 anlässlich des »Skandals« rund um meinen Roman über Verona Feldbusch, rund um dieses »Ferkel-Buch« (Bild), auf der bundesweiten Titelseite das Etikett »Philosophiewissenschaftler« verleihen.

Hannah Arendt, Herbert Marcuse, Günther Anders und Hans-Georg Gadamer waren Schüler von Heidegger. Komisch, dass aus denen sehr bedeutende Denker geworden sind. Jetzt las ich am Tresen in der Bild: »Wirtz kaputt!« Ich lachte, obwohl Heidegger das Lachen verboten hatte. Oder deswegen.

Wie Heidegger auf die Idee verfallen konnte, in seinem existentialontologischen Schwall das In-der-Welt-Sein phänomenologisch zu depotenzieren und als seinsvergessen zu denunzieren, mochte mir nie einleuchten, gerade erst recht nicht. Das Reden ist – jeder Psychologe, jeder Pfarrer, jeder Mensch weiß es – neben dem Ficken das wichtigste Existential.

Der eine schnurrt dich mit wahrscheinlich zu neunzig Prozent erfundenen Geschichten darüber zu, sein Bruder sei in Afghanistan ein Sniper und deshalb darauf trainiert gewesen, die Zentralnervensysteme von Taliban-Terroristen durch Schüsse in die Triggerpunkte zu zerstören. Hundert Leute habe er umgenietet. Im Irak habe er das Geschäft »für den Bund« weiterbetrieben, bis man ihn aussortiert habe. Sein Cousin wiederum habe jahrelang den Import von Drogen – »Minimum siebzig Kilo pro Lieferung!« – aus Rumänien nach Spanien organisiert und damit Abermillionen verdient. Heute lebe er in Todtnau. Das muss die Lehre vom Sein sein – respektive vom Seienden.

Rainer, der mir ab und an eine Nussecke vom Kleeberger mitbringt, fehlt unentschuldigt. Der Peter, ein kleiner, zerfurchter Mann, der als Hausl beim Bäcker Hammon eine Rentnerbeschäftigung gefunden hat, ohne die er vermutlich aus Hierseinsüberdruss durchdrehte, sagt auf einmal etwas, was ich bis dato in keinem Buch gelesen habe: »Der Mensch kann nicht dümmer reden, als er is’.« »Sein und Zeit« auf den Begriff gestanzt.

Die Jemeinigkeit vom Peter ist tief und wahr und zugleich flach und kratzempfindlich, wie unsere Leben eben sind. Der Gerhard rettet sich über die Angst hinweg, indem er mir regelmäßig Sprüchla kredenzt: »Regen braucht’s, damit die Baumwolle wächst. Von hinten braucht’s den, damit sie gepflückt wird.«

»Bass Obacht«, erwidere ich. »Das längste im Deutschen bekannte Palindrom lautet so, und ich schreibe es dir auf: Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie.«

Das erstaunt den Gerhard. »Sapperlot, dass du so wos waaßt«, nuschelt er und studiert den Zettel. »Des lern’ i auswendich.«

In den Neunzigern haben wir zu dergleichen Zeug Symposien runtergejazzt. Davon hätte sich Heidegger eine Schwarzwälder Schinkenscheibe abschneiden dürfen, und sein Taschenspielertrick mit der ontologischen Differenz wäre aufgeflogen.

Übrigens kann ich kein Trinkgeld mehr geben, es ist alles zu teuer geworden. Eine Schande, diese uneigentliche Welt.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Franz S. (11. Februar 2026 um 11:13 Uhr)
    »Hannah Arendt, Herbert Marcuse, Günther Anders und Hans-Georg Gadamer waren Schüler von Heidegger. Komisch, dass aus denen sehr bedeutende Denker geworden sind.« Sehr bedeutende Denker? Fragt sich nur, für welche Klasse. Der Name Hannah Arendt ist untrennbar mit der Totalitarismus-Doktrin verbunden, also der Gleichsetzung von Kommunisten und Nazis. Marcuse unterstützte zwar richtigerweise als CIA-Agent die USA im Kampf gegen die Nazis. Als sich der Wind gedreht hatte, stellte er sich aber auch für den Kampf gegen die Sowjetunion zur Verfügung. Die taz umschreibt das so: »Seine Darstellung der Potenziale des Kommunismus verschaffte den USA ein realistisches Bild über einen nahezu unbekannten Rivalen, der zum Feind werden sollte.« Hans-Georg Gadamer war mir bisher unbekannt und das aus gutem Grund, wie ich nach kurzer Recherche feststellte. Wikipedia: »Im August 1933 wurde Gadamer Mitglied des Nationalsozialistischen Lehrerbundes. Am 11. November 1933 unterzeichnete er das Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat. 1934/35 vertrat Gadamer an der Universität Kiel den vakanten Lehrstuhl von Richard Kroner, der wegen seiner jüdischen Abstammung von der Lehrbefugnis suspendiert worden war. Im Oktober 1935 nahm Gadamer freiwillig am Dozentenlager des NS-Dozentenbundes (NSDDB) in Weichselmünde bei Danzig teil. Daraufhin wurde ihm 1937 in Marburg der Titel eines nichtbeamteten außerordentlichen Professors verliehen (…) Gadamer erhielt weiterhin die Vertretung des vakanten Lehrstuhls von Erich Frank an der Universität Marburg, dem ebenfalls wegen seiner jüdischen Abstammung die Lehrbefugnis entzogen worden war (…).« Der Platz reicht hier nicht aus, um Gadamers komplette Laufbahn zwischen 1933 und 1945 darzustellen. Parallelen zu Heidegger stechen ins Auge. Der vierte im Bunde, Günther Anders, machte sich einen Namen durch seine Ehe mit Hannah Arendt und durch Technikfeindlichkeit.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Gerdt P. aus Rostock (9. Februar 2026 um 17:10 Uhr)
    Jürgen Roth sollte sich nicht zurückhalten, den Namen des Autors des Palindroms mit dem Neger und der Gazelle zu nennen. Handelt es sich doch um den legendären Hansgeorg Stengel. Der macht sich neben den ganzen Heidegger-Jüngern ganz gut. Gerdt Puchta, Rostock
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Berlin (9. Februar 2026 um 08:44 Uhr)
    Ich habe nicht alles verstanden von Heidegger und so. Aber hurra: Jürgen Roth ist zurück!

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