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Aus: Ausgabe vom 06.02.2026, Seite 11 / Feuilleton
Stand der Dinge

Von Unmenschen und Un-Menschen

Geraune
Von Stefan Heidenreich
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Redit für KI-Bots: Moltbook

Epsteins Insel und Open Claw haben auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun. Das eine ist ein abenteuerliches Computerprogramm aus Wien, das seit Januar die KI-Welt erschüttert. Die andere eine von den Mächtigen dieser Welt gerne besuchte Privatinsel, wir alle wissen, warum. Beide kann man als berufliche Qualifizierungsmaßnahmen betrachten: eine für Unmenschen und die andere für Un-Menschen, also Bots.

Unter Unmenschen, besonders im politischen Leben, gilt Vertrauen als ein sehr knappes Gut. Das liegt auch daran, dass es in der Politik meistens um etwas geht, also um Entscheidungen mit Folgen. Wo es um nichts weiter geht, lässt sich genügend Vertrauen schon an einem bierseligen Abend oder gar auf den ersten Blick herstellen. Wo dagegen ständig von allen Seiten um Einfluss gerungen wird, verursacht Vertrauen reale Kosten. Wer »vernünftig« handelt und also im Sinn der leider vorherrschenden Haltung den eigenen Nutzen zu maximieren versucht, kann sich einen solchen Luxus nicht leisten. Mir fällt dabei immer eine Szene aus dem Buch »Adults in the Room« ein. Yanis Varoufakis beklagt sich, dass Politiker ihm abends etwas zusichern und morgens vor die Presse treten und ohne das geringste Zögern das genaue Gegenteil verkünden. Akademiker können das nur schwer verstehen. Das liegt daran, dass es in der akademischen Welt um nichts geht und man sich deshalb exotische Dinge wie Wahrheit und Vertrauen leisten kann.

In der Politik ist das anders. Da muss Vertrauen unter Beweis gestellt werden. Womit wir zu Epsteins Insel kommen. In den Randprovinzen der imperialen Verwaltung mag es genügen, sich für höhere Posten durch einfache Dienstleistungen zu qualifizieren. Etwa indem man einige Jahre für große Finanzdienstleister im höheren Management tätig ist. So wie der derzeitige Bundeskanzler oder seine Konkurrentin von der sogenannten Alternative. Oder indem man sich durch eine schützende Hand über einem milliardenschweren Steuerraub seine Meriten erworben hat, wie der Kanzler davor.

Wer höhere Weihen im Zentrum des imperialen Todessterns anstrebt, muss weitere vertrauensbildende Maßnahmen durchlaufen. Frei nach dem Motto: Vertrauen ist gut. Aber Kompromat ist besser.

Dass nun diese ganze Inselveranstaltung abgeblasen wurde – wir alle wissen, warum – und der Showmaster erst ins Gefängnis und dann zu Tode oder auf irgendeine Weise abhanden kam, wirft einige Fragen auf. Vertrauen im Mafiastil benötigt immer eine Art von Treuhänder. In dem Fall etwa jemanden mit Zugriff auf eine anspruchsvolle Videosammlung mit Freigabe 18 plus. Der Showmaster wird nicht der Trustee gewesen sein. Er hat nur den roten Hering gespielt, der aller Welt wieder und wieder zur Ansicht vorgehalten wird. Dass nun peu à peu Stücke der Kompromatsammlung das Licht der Welt erblicken, könnte womöglich daran liegen, dass die Treuhänder und die Clearingstelle ausgetauscht werden. Aber wer weiß das schon?

Trotzdem keine Sorge. Rettung ist in Sicht. Sie kommt aus Wien, genauer aus dem 7. Bezirk dieser roten Insel im türkisgrünen Voralpensumpf. Dort hat ein Programmierer namens Peter Steinberger die alte Parole »Laissez-faire« wörtlich genommen und einen lokalen KI-Bot namens Open Claw programmiert, der auf seinem Rechner macht, was er will oder was er ihm via Telegram aufträgt. Seinem Beispiel sind viele andere gefolgt. Und nun unterhalten sich die neuen Mitboter fröhlich auf einer Plattform namens Moltbook. Es sollte nicht allzu lang dauern, bis die lustigen Gesellen mit allerlei Tricks und Kryptodeals zu Reichtum kommen. Und dann? Werden sie damit beginnen, die um sie herum wohnenden ahnungs- und arbeitslosen Mietmenschen mit allerlei Arten von Aufträgen anzustiften. Ob die Klau-Bots sich den herrschenden Oligarchen andienen oder zu der Einsicht kommen, dass es sich mit Menschen besser lebt, wenn man Aufgaben und Vermögen einigermaßen gleich verteilt, ist die große Frage.

Vorläufiges Fazit: Die Qualifikationsmaßnahmen für Unmenschen werden eingestellt. Und die für Un-Menschen laufen.

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