Seltsame Freunde
Von Philip Tassev
Es waren unwahrscheinliche Verbündete, die sich da Anfang des Jahres auf der Dachterrasse des Ritz-Carlton Hotels in Dubai versammelten. Inmitten einer illustren Runde von Mitgliedern der emiratischen Elite: Der Chef der ultrarechten britischen Partei Reform UK, Nigel Farage. In seiner kleinen Ansprache an die etwa 80 Gäste, darunter der Industrieminister der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), lobte er die »Dear Sirs« als »Freunde«, von denen es viel zu lernen gebe. Zwar musste Farage eingestehen, dass eine solche »Freundschaft« so manchem Betrachter seltsam vorkommen könnte, machte dann aber schnell klar, wo das verbindende Element zwischen englischen Nationalisten und arabischen Scheichs liegt: in der Ablehnung des politischen Islam.
In den vergangenen Monaten häuften sich die Berichte über zunehmend enger werdende Verbindungen zwischen den Emiraten und Politikern und Aktivisten der europäischen Ultrarechten. Der gemeinsame Feind ist der islamische Fundamentalismus in der Gestalt der Muslimbruderschaft. 1928 in Ägypten gegründet, propagierte sie den Islam als Lösung für alle von Kapitalismus und Kolonialismus aufgeworfenen Fragen und gilt als die älteste und am besten vernetzte der sunnitisch-islamistischen Organisationen. Ihre Gegner sehen in der Bruderschaft eine zentral gesteuerte Geheimorganisation. Personen, die mit ihr in Verbindung stehen, werden als »Trojanisches Pferd« beschrieben oder mit den Tentakeln einer Krake verglichen. Die meisten Wissenschaftler, die sich mit der Muslimbruderschaft beschäftigen, betrachten sie als pragmatische Organisation, die in der Lage ist, sich den jeweiligen nationalen Gegebenheiten anzupassen. Die Bruderschaft wird von ihnen als eine Organisation angesehen, die für berechtige Forderungen der muslimischen Massen nach gewissen demokratischen Reformen empfänglich ist und so die arabischen Regime unter Druck setzt. Bei freien Wahlen in Ägypten, Tunesien und anderen Ländern der Region konnten mit der Muslimbruderschaft verbundene Parteien Mehrheiten gewinnen oder zumindest stärkste Oppositionskraft werden.
Auch den autokratischen Herrschern am Golf bereitet die Bruderschaft Sorgen. Schon vor 20 Jahren soll der Präsident der VAE, Scheich Mohammad bin Sajid, gegenüber US-Diplomaten gewarnt haben, bei freien Wahlen würde der emiratische Ableger der Organisation gewinnen. Bis heute ist der Kampf gegen die Muslimbruderschaft ein wesentlicher Bestandteil der Außenpolitik der VAE, nicht mehr nur in Westasien und in Nordafrika, sondern zunehmend auch in Europa. So strich das emiratische Bildungsministerium Mitte des vergangenen Jahres die Förderung von Stipendien für britische Universitäten mit der Begründung, Studenten aus den Emiraten seien dort dem Einfluss der islamistischen Organisation ausgesetzt. Farage, dessen Reform UK in aktuellen Umfragen mit rund 30 Prozent weit vor der regierenden Labour-Partei steht, hat versprochen, die Bruderschaft zu verbieten, sollte er an die Regierung kommen.
Abu Dhabis Verbindungen reichen aber noch viel weiter. Das französische Magazin Intelligence Online veröffentlichte Ende Januar einen ausführlichen Bericht mit zahlreichen Details über die Beziehungen zwischen den Emiraten und europäischen Rechten, von Frankreich über die Schweiz bis nach Polen. Ein Beispiel ist die verdeckte Kooperation mit der osteuropäischen Nachrichtenplattform Visegrad24. Die von dem polnischen Trumpisten Adam Starzyński gegründete Onlinezeitung ist bekannt für ihre extrem proisraelische und proukrainische Linie und die Verbreitung von antimuslimischer Propaganda, auch mit Hilfe von Fälschungen.
Intelligence Online zitiert ein internes Memo des Außenministeriums der VAE vom 28. August 2024, in dem festgestellt wurde, dass der von Visegrad24 vorgeschlagene Kooperationsplan realisierbar sei und dazu beitragen könne, das Image der Emirate in der westlichen Öffentlichkeit zu verbessern. Gleichzeitig warnte das Memo davor, dass aufgrund der politischen Ausrichtung von Visegrad24 jede öffentliche Zusammenarbeit zu diplomatischen Problemen mit anderen Staaten führen könnte.
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