Chemiebranche fordert »tarifpolitische Atempause«
Von Susanne Knütter
Neun Tarifrunden hat es bisher gegeben. Aber sie fanden auf regionaler Ebene statt, und niemand ging so recht davon aus, dass es dort zu einem Ergebnis kommt. Am Dienstag wurden die Verhandlungen nun auf Bundesebene fortgesetzt. Die Rede ist von der Tarifrunde für die 585.000 Beschäftigten der chemisch-pharmazeutischen Industrie.
Die Gewerkschaft IG BCE hatte vorab keine sonderlich ambitionierten Tarifforderungen aufgestellt. Angesichts der angespannten Lage beschränkten sich die Wünsche auf »spürbare Lohnsteigerungen und Beschäftigungssicherung«. Für die Unternehmen erwartungsgemäß trotzdem zuviel; immer wieder war von einer Nullrunde die Rede.
Zum Auftakt in Hannover wurden beide Positionen noch einmal bestätigt: Die IG BCE forderte Kaufkraft und Beschäftigungssicherheit. Der Unternehmerverband Chemie BAVC verwies auf die schwierige Situation in der Chemieindustrie und verlangte eine »tarifpolitische Atempause«. »Die Chemie steht mit dem Rücken an der Wand«, sagte BAVC-Verhandlungsführer Matthias Bürk vor Beginn der Gespräche. Insolvenzen, Anlagenschließungen und Stellenabbau prägten das Bild, die Produktion liege rund 20 Prozent unter dem Niveau von 2018. Er rechne mit schwierigen Verhandlungen. Es gebe »kein Wachstum, keinen Aufschwung und keinen Verteilungsspielraum«, erklärte Bürk. Vorrangiges Ziel sei es, die Wettbewerbsfähigkeit der Branche wiederherzustellen. Dafür brauche es eine Nullrunde bei den Löhnen.
Die IG BCE wies diese Forderung zurück. »Lohnverzicht wird keinen Arbeitsplatz retten«, sagte ihr Verhandlungsführer Oliver Heinrich. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass die chemische Industrie so kapitalintensiv ist wie kaum eine andere. Er verwies außerdem darauf, dass die Branche breit aufgestellt sei und es neben Krisenbereichen auch Unternehmen gebe, denen es gut gehe, etwa im Pharmabereich. Dem hielt Bürk entgegen, ein Flächentarifvertrag müsse alle Unternehmen abdecken, »also auch Unternehmen, denen es sehr schlecht geht«. Heinrich begründete die Forderung nach mehr Geld mit einem Kaufkraftverlust von fünf Prozent in den vergangenen sieben Jahren.
Tatsächlich hat sich das Geschäftsklima in der Chemieindustrie laut Ifo-Institut zuletzt sogar verbessert. Die Geschäftserwartungen hellten sich etwas auf. Erstmals seit Monaten stieg der Auftragsbestand. Die Unternehmen lenken die Aufmerksamkeit dagegen auf die aktuelle Lage und behaupten, sie sei schlechter als erwartet. Die Kapazitätsauslastung lag mit 72,7 Prozent deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt. Zudem planten die Firmen, die Produktion weiter zurückzufahren und Personal abzubauen. Die Verhandlungsrunde ist zunächst auf zwei Tage angesetzt.
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