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Aus: Ausgabe vom 03.02.2026, Seite 11 / Feuilleton
Militarisierung

Military Mobility. Oder: Von Schafen lernen

Von Andreas Buderus
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Ein Güterzug der Deutschen Bahn mit gepanzerten Bundeswehr-Transportfahrzeugen vom Typ »Boxer« als Ladung

Es war Sonnabend, der 17. Januar 2026. Spätabends. Eigentlich schon Nacht. Im ICE 526 von München nach Dortmund, mitten im vierten Kriegswinter des Ukraine-Krieges. Krähwinkel im Regelbetrieb: sicherheitsdurchverwaltet, ordnungsliebend, vernünftig. Züge dürfen verspätet sein, solange die richtigen pünktlich fahren.

Auf der ICE-Schnellstrecke zwischen Frankfurt und Köln stand der Verkehr still. Nicht wegen Sabotage. Nicht wegen Streik. Nicht wegen eines Angriffs. Sondern wegen eines Schafes.

Ein einzelnes Tier hatte sich auf die Gleise verirrt – und brachte damit ein System zum Stillstand, das ansonsten nur eine Richtung kennt: vorwärts, schneller, durch. Zwei Stunden lang ging nichts. Und genau das machte diesen Moment so aufschlussreich. Denn während mehrere ICE wegen eines Schafes anhielten, rollten anderswo Züge ohne Halt: Panzerzüge. Militärtransporte. Vorfahrt garantiert.

Seit Jahren hat die Deutsche Bahn Verträge mit der Bundesregierung, die festlegen, was im Zweifel zählt: nicht der Mensch, sondern das Militär. Militärtransporte haben Vorrang vor dem zivilen Verkehr. Personenzüge warten, wenn Panzer fahren. Das ist kein Gerücht, sondern vertraglich fixiert. Der Krieg fährt pünktlich. Die Pendler kommen irgendwann.

Die Bundespolizei rückte aus – aber diesmal ohne gezogene Waffen, ohne Knüppel, ohne Schüsse. Man rettete das Schaf. Mit Geduld. Mit Zeit. Mit Vorsicht. Im Jahr zuvor hatte die Polizei deutschlandweit mindestens 17 Menschen erschossen – zu einem erheblichen Teil Menschen mit einer psychischen Erkrankung. Nicht aus Bosheit, heißt es. Sondern aus Selbstschutz und Notwehr. Was als Bedrohung gilt, entscheidet nicht das Verhalten, sondern die Einordnung. Ein Schaf ist kein Gefährder. Ein Mensch kann einer sein.

Gegen Fußballfans von Rot-Weiss Essen (RWE)– bekannt, markiert – fährt der Staat normalerweise alles auf, was er hat: Hundertschaften, Reizgas, Schlagstock. Präventiv. Brachial. Entschlossen. Doch an diesem Abend saßen genau diese Fans im schafblockierten ICE 526. Friedlich. Bier. Gras. Gelächter. Auf der Rückfahrt von einem schiedlich-friedlichen 1:1 gegen 1860 München. Kein Gegner, kein Feindbild, kein Einsatz.

Die angebliche Gefahr verhielt sich ruhig. Das als harmlos definierte Tier blockierte den Verkehr und Normalvollzug. Draußen aber, jenseits der Bahnsteige, zeigte sich: Deutschland ist militärische Drehscheibe. Die Bahn ist Teil der Kriegführung. Die Gleise sind Aufmarschlinien. Seit Jahren werden Schienen, Brücken und Trassen so geplant, dass sie panzerfähig sind. Milliarden fließen in »Military Mobility«. Zivile Mobilität ist zweitrangig. Wer zu spät kommt, hat Pech. Wer Krieg vorbereitet, bekommt Vorrang.

Und genau deshalb war dieses Schaf gefährlich. Nicht, weil es auf den Gleisen stand. Sondern weil es zeigte, dass Stillstand möglich ist. Zwei Stunden lang funktionierte etwas, das im Sicherheitsstaat sonst als naiv gilt: nicht schießen. Nicht räumen. Nicht eskalieren. Die Polizei kann das also. Der Staat kann das. Wenn kein Mensch beteiligt ist.

Deutlich nach zwei Uhr kam der Zug der RWE-Fans in Dortmund an. Mehr als zwei Stunden zu spät. Aber pünktlich zur Erkenntnis: Die Bahn ist nicht kaputt – sie ist ausgerichtet. Die Polizei ist nicht überfordert – sie ist selektiv. Und Sicherheit bedeutet nicht Schutz des Lebens, sondern Schutz der Ordnung.

Vielleicht war dieses Schaf keine Störung. Vielleicht war es eine Anleitung. Wenn Militär pünktlich fährt, dann muss der Verkehr stehen. Wenn der Staat nur auf Stillstand hört, dann ist Stillstand Widerstand. Nicht mit Waffen. Nicht mit Gewalt. Sondern mit Präsenz. Ein Schaf auf den Gleisen hat gezeigt, dass selbst ein durchmilitarisiertes System anhält, wenn ein Hindernis weder einsichtig noch räumbar ist; Präsenz nicht verhandelbar.

Die eigentliche Frage ist also nicht, warum der ICE verspätet war. Sondern warum wir Menschen nicht längst dort stehen, wo die Panzer rollen.

Ende der Durchsage. Der Betrieb bleibt unterbrochen.

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