Der wirkliche Mister Amerika
Von Ursula Trüper
Natürlich ging es nie um Sport. Es ging um nichts weniger als um »White Supremacy«, um die Überlegenheit des weißen Mannes – auch und gerade im Boxring. Denn, so der amerikanische schwarze Schriftsteller Eldridge Cleaver, »Der wirkliche Mister Amerika ist der Boxweltmeister im Schwergewicht.«¹
»Bis jetzt ist uns die Demütigung erspart geblieben«, hatte die New Yorker Sun 1895 geschrieben, »einen Schwarzen als Boxweltmeister zu haben.«²
Erst im 20. Jahrhundert sollte sich dies ändern.
Wir schreiben den 26. Dezember 1908. Zwanzigtausend weiße Boxfans drängen sich in der großen hölzernen Boxarena von Rushcutters Bay, einem Vorort von Sydney. Was die Männer zu sehen kriegen, ist eine Sensation. Zum ersten Mal in der Geschichte des Boxsports kämpfen ein Schwarzer und ein Weißer um den Titel des Weltmeisters im Schwergewicht – Tom Burns, der amtierende weiße Weltmeister, und Jack Johnson, ein aufstrebendes schwarzes Boxtalent. Burns hatte lange gezögert, sich auf diesen Kampf einzulassen und konnte erst durch die damals sagenhafte Gage von 30.000 US-Dollar davon überzeugt werden. Keine Stadt in den USA hatte sich bereit gefunden, den Kampf auszurichten. Daher findet er jetzt in Australien statt.
Unter den Zuschauern befindet sich auch der Schriftsteller und Amateurboxer Jack London. »Ich persönlich war die ganze Zeit auf Burns Seite. Er ist ein weißer Mann und ich auch. Natürlich wollte ich den weißen Mann gewinnen sehen.« Wiewohl bekennender Sozialist ist London zutiefst von der »Überlegenheit der weißen (insbesondere der angelsächsischen) Rasse« überzeugt, und er ist empört: »Er schlug zu und lächelte und lächelte und schlug zu. Das ist der Kampf kurz zusammengefasst – Johnsons Lächeln. Er weigerte sich, Burns ernst zu nehmen, und mit beachtlichem Schauspieltalent spielte er die Rolle eines freundlichen Schulmeisters, der einem rüpelhaften und streitsüchtigen Bengel eine wohlmeinende Tracht Prügel verpasst.« Burns kämpft verzweifelt und versucht, Johnson durch verbale Attacken zu provozieren. Aber »Johnson hörte nie auf zu lächeln, wenn diese Unhöflichkeiten an ihn gerichtet wurden, noch hörte er auf zu lächeln, wenn er fortfuhr, den unartigen Jungen für seine Frechheit zu verdreschen.« »You are White, Tommy,« soll er Burns zugerufen haben, »white as the flag of surrender!« »Du bist weiß, Tommy, weiß wie die Flagge der Kapitulation!«³
In der 14. Runde geht Burns zu Boden. Er kommt zwar wieder hoch, doch jeder kann sehen, dass er nicht voll bei Bewusstsein ist. Die Polizei macht dem grausamen Spiel ein Ende. Der Ringrichter ergreift Johnsons Faust und reißt sie nach oben. Jack Johnson ist Weltmeister.
Das berühmte Lächeln
John Arthur Johnson, genannt Jack, kommt am 31. März 1878 in Galveston, Texas, zur Welt. Seine Eltern sind vermutlich noch Sklaven gewesen. Jack hat acht Geschwister. Er verlässt die Schule vorzeitig, um zum Familieneinkommen beizutragen. Mit 20 Jahren beginnt er, als Boxer in privaten Klubs aufzutreten und schafft es innerhalb weniger Jahre, die Nummer eins unter den schwarzen Boxern zu werden. Und nun ist er also Weltmeister.
Das weiße Publikum ist schockiert. Jack London schließt seinen Bericht mit der Forderung, jemand müsse »Johnson das Lächeln vom Gesicht wischen«. Und er weiß auch schon, wer: Exweltmeister James J. Jeffries, der sich drei Jahre zuvor unbesiegt aus dem Boxsport zurückgezogen hatte, soll wieder aktiv werden. Beinahe unmittelbar nach Johnsons Sieg wird Jeffries in der Presse (und auch durch den US-Präsidenten Theodore Roosevelt) zur »Hoffnung der weißen Rasse« aufgebaut.
Nicht genug, dass er nun den Weltmeistertitel hat. Johnson provoziert auch weiterhin seine weiße Umwelt. Damals sind alle öffentlichen Einrichtungen vom Eisenbahnzug über das Theater bis zu den Universitäten nach Hautfarbe getrennt. Das formal bestehende Wahlrecht für Schwarze wird mit allerlei Tricks unterlaufen.⁴ An gleiche Berufschancen ist nicht zu denken. In den Südstaaten ist der Ku-Klux-Klan aktiv. Ohne dass sich irgendeine Behörde darum kümmert, werden jährlich etwa hundert Schwarze gelyncht – zum Beispiel, weil sie einer weißen Frau nachgeschaut haben.
Viele schwarze Organisationen sind der Ansicht, man müsse dem Rassismus der Dominanzgesellschaft dadurch begegnen, dass Schwarze ein besonders tugendhaftes und bescheidenes Leben führen. Diese Ansicht teilt Johnson keineswegs. Er spielt mit den rassistischen Phantasien seiner weißen Mitmenschen. Beispielsweise pflegt er sich vor öffentlichen Trainings den Penis mit Mullbinden zu umwickeln, um auf diese Weise in den engen Sporthosen ein riesiges Geschlechtsorgan vorzutäuschen. Er leistet sich elegante Maßanzüge und handgenähte Schuhe, fährt luxuriöse Autos und beschäftigt weiße Hausangestellte. Und – das ist der größte Skandal – er hat Affären mit weißen Frauen.
Im Sommer 1910 passiert im fernen Washington ein Gesetz den Kongress, das unter dem Namen des republikanischen Kongressabgeordneten Robert Mann in die Geschichte eingehen wird. Der »Mann-Act« ist typisch für diese Zeit, in der konservative weiße Bürgerinitiativen mobil machen gegen Alkohol, außerehelichen Sex, Prostitution und Mädchenhandel. Der »Mann-Act« soll dem einen Riegel vorschieben. Er verbietet es, Frauen über eine Grenze zu bringen »zum Zwecke der Prostitution, Ausschweifung oder zu irgendeinem anderen unmoralischen Zweck«.
Johnson wird die Debatten um dieses Gesetz nicht verfolgt haben. Denn mittlerweile laufen die Vorbereitungen für den Kampf mit Jeffries, der »weißen Hoffnung«, auf Hochtouren. Wenige Wochen nach der Verabschiedung des Mann-Act findet die Begegnung Jeffries – Johnson statt. Dieses Mal in den USA, und zwar in der Kleinstadt Reno in Nevada.
Seit dem frühen Morgen wird an diesem Tag in den Kirchen der schwarzen Gemeinden für Johnsons Sieg gebetet. Währenddessen diktiert Jeffries den Reportern ein »letztes Manifest« in die Blöcke: »Dem Teil der weißen Rasse, der sich darauf verlassen hat, dass ich ihre sportliche Überlegenheit verteidige, sei versichert, dass ich bereit bin, mein Bestes zu tun.«⁵
Dann beginnt der Kampf. In den ersten beiden Runden geschieht nichts Besonderes. Jeffries greift an, Johnson hält seine Deckung aufrecht. Die weißen Zuschauer johlen. In der dritten Runde wird Jeffries plötzlich von einer linken Geraden getroffen, die ihn mitten in der Bewegung stoppt, und Johnson lächelt wieder sein berühmtes Lächeln. In der vierten Runde übernimmt Johnson die Offensive. Jeffries schafft es bis zur 15. Runde. Dann wird er ausgezählt. Der Titel des Weltmeisters im Schwergewicht ist nun unwiderruflich im Besitz eines Schwarzen.
Der Mob rast
Der Kampf Jeffries – Johnson wird überall in den USA per Rundfunk übertragen. Und während in den schwarzen Ghettos Johnsons Sieg euphorisch gefeiert wird, zettelt der weiße Mob schwere Krawalle an, in deren Verlauf siebzehn Schwarze erschossen, gehängt oder totgeprügelt werden. In der Los Angeles Times erscheint ein Kommentar mit dem Titel »Ein Ratschlag an den schwarzen Mann«. »Trag deine Nase nicht zu hoch«, ist da zu lesen. »Dein Platz in der Welt bleibt so, wie er war!«⁶
Aber Johnson denkt nicht daran, sich von irgend jemandem seinen Platz in der Welt zuweisen zu lassen. 1911 heiratet er Etta Duryea, eine weiße Frau. Die Ehe wird nicht glücklich. Etta ist durch ihre Partnerwahl sozial isoliert. Im September 1912 erschießt sie sich in ihrer Chicagoer Wohnung. Johnson trauert sehr um sie, doch er ist nicht der Mann, der lange allein bleibt. Lucille Cameron heißt seine neue Flamme, auch sie ist weiß, hübsch und erst 18 Jahre alt.
Im Oktober 1912 geht Lucilles Mutter zur Polizei und zeigt Johnson an – wegen »Entführung« ihrer Tochter. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Johnsons Lebenswandel die weiße Gesellschaft zwar aufs äußerste provoziert, doch keiner seiner Skandale verstieß gegen ein Gesetz – sieht man einmal von seiner Gewohnheit ab, stets mit überhöhter Geschwindigkeit Auto zu fahren. Doch nun haben die Behörden eine handfeste Anschuldigung gegen ihn in der Hand. Johnson wird festgenommen – wegen Entführung und wegen des Verstoßes gegen den Mann-Act. Lucille weigert sich jedoch, mit der Polizei zu kooperieren und Johnson muss freigelassen werden.
Im Dezember 1912 heiraten Jack Johnson und Lucille Cameron. Nun kann Lucille nicht mehr gezwungen werden, gegen ihren Mann auszusagen. Doch die Polizei hat inzwischen eine neue Zeugin – die Prostituierte Belle Schreiber, auch sie eine Weiße. Johnson hatte sie früher wiederholt zu Ausflügen (bei denen es auch zu sexuellen Handlungen kam) mit seinem Wagen eingeladen.
Flucht nach Europa
Gegen Johnson wird von neuem Anklage wegen des Verstoßes gegen den Mann-Act erhoben. Konkret wird ihm vorgeworfen, Belle Schreiber im Oktober 1910 von Pittsburgh nach Chicago gebracht zu haben zum »Zwecke der Prostitution und Ausschweifung«. Im Mai 1913 wird er zu »einem Jahr und einem Tag« Gefängnis verurteilt.
Johnson beschließt zu fliehen. Gemeinsam mit Lucille reist er nach Europa, Südamerika und sogar nach Moskau, wo er weiterhin als Boxer auftritt. Auch in Deutschland macht er Station. Als er 1914 in Hamburg eintrifft, jubeln ihm Hunderte Menschen zu und tragen ihn auf ihren Schultern vom Bahnhof in sein Hotel. Seine Begegnung mit Berlin hingegen ist eher unerfreulich. Auf der Durchreise nach Paris macht er dort kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs Station. Als er sich auf dem Bahnhofsvorplatz ein wenig die Beine vertritt, sieht er, wie eine aufgehetzte Menge einen Franzosen zusammenschlägt. Johnson mischt sich ein und verprügelt bei dieser Gelegenheit einen deutschen Polizisten. Der Franzose kann entkommen. Johnson wird umgehend aus Deutschland ausgewiesen.⁷
Im April 1915 kämpft Johnson in Havanna gegen den weißen Boxer Jess Willard – und verliert. Später hat Johnson stets versichert, es habe im Vorfeld einen Deal gegeben, der Willard den Meistertitel bringen und ihm selbst erlauben sollte, wieder nach Hause zurückzukehren. Tatsächlich existiert ein Foto von dieser Niederlage, auf dem der angeblich k. o. geschlagene und ohnmächtige Johnson seine Fäuste vors Gesicht hält, um seine Augen vor der Sonne zu schützen – das berühmte »Shaded eyes«-Foto.
Fake oder nicht – es wird noch weitere fünf Jahre dauern, bis Johnson endlich wieder in die USA einreisen kann. Und er muss seine Gefängnisstrafe vollständig absitzen, wenn auch unter äußerst milden Bedingungen. So kann er wiederholt Freunde zu ausgiebigen Trinkgelagen in seine Zelle einladen.
Danach finden für lange Zeit keine Boxkämpfe zwischen Schwarzen und Weißen mehr statt. Weiße Champions wie Jack Dempsey weigern sich, gegen schwarze Herausforderer anzutreten.
Doch mit dem Eintritt Amerikas in den Ersten Weltkrieg beginnt die streng hierarchisch gegliederte und scheinbar so stabile sogenannte Rassenpyramide zu bröckeln. Viele Schwarze gehen in die Armee. Das politische Versprechen ist: Ihr nehmt am Krieg teil, wir geben euch dafür gleiche Rechte in der Gesellschaft der Vereinigten Staaten. Dieses Versprechen wird nicht gehalten. In der Armee und im zivilen Leben besteht weiterhin eine strikte Trennung. Und nach wie vor werden Schwarze in höchstem Maße benachteiligt.
Dennoch – sie kehren mit größerem Selbstbewusstsein aus dem Krieg zurück. In den 1920er Jahren wird der New Yorker Stadtteil Harlem zum Brennpunkt einer aufregenden schwarzen Kultur, der Harlem Renaissance. Schriftsteller wie beispielsweise Festus Claudius »Claude« McKay oder W. E. B. Du Bois, Musiker wie Paul Robeson, Billie Holliday, Edward Kennedy »Duke« Ellington oder Josephine Baker haben dort ihre künstlerischen Wurzeln. Schwarze Aktivisten wie Marcus Garvey und W. E. B. Du Bois propagieren den Panafrikanismus, also die Idee, dass alle Menschen afrikanischer Herkunft in Afrika und in Übersee eine Einheit bilden. Und dass sie auf ihr afrikanisches Erbe und ihre dunklere Hautfarbe stolz sein können.
In den 1930er Jahren geht ein neuer schwarzer Stern am Boxhimmel auf, Joseph Louis Barrow, genannt Joe Louis. Damals hat Amerika keinen weißen Boxer von Weltklasse im Schwergewicht vorzuweisen, und so bekommt das schwarze Ausnahmetalent seine Chance.
Joe Louis kam am 13. Mai 1914 in Lafayette, Alabama, zur Welt, und auch seine Großeltern hatten noch als Sklaven Baumwolle gepflückt. Systematisch bauen seine Manager ihn als Gegenfigur zum »Bad Nigger« Jack Johnson auf, zum bescheidenen und moralisch unanfechtbaren Saubermann, dem seine Mutter vor seinem ersten Kampf eine Bibel ins Reisegepäck legt. »Joe Louis wird nie einen besiegten Gegner verhöhnen, er wird sauber leben und sauber kämpfen«, legt sein Manager fest. Und, ganz wichtig: »Er wird sich niemals an der Seite einer weißen Frau fotografieren lassen.«⁸ Joe Louis hält sich an diese Anweisungen und macht unaufhaltsam Karriere. Man nennt ihn den »Braunen Bomber«.
Mussolinis Niederlage
Doch mittlerweile bringt der aufkommende Faschismus in Europa eine neue Symbolebene in die Boxkämpfe. Als Joe Louis 1935 im New Yorker Yankee-Stadion den Italiener Primo Carnera durch K. o. auf die Bretter schickt, wird dies auch als Niederlage der italienischen Faschisten und Mussolinis gesehen. Italien führt damals einen brutalen Kolonialkrieg gegen Äthiopien, und die Mehrheit der Afroamerikaner und auch viele Weiße identifizieren sich mit dem äthiopischen Volk.
Die Freude über den symbolischen Sieg von Joe Louis hält allerdings nur einige Monate an. Dann steigt er im Frühsommer 1936 mit dem Deutschen Max Schmeling in den Ring. Schon im Vorfeld war von der deutschen Propaganda und auch von einem Teil der weißen Presse in den USA diese Begegnung als Abrechnung eines »arischen Helden« mit einem anmaßenden »schwarzen Untermenschen« inszeniert worden. In der zwölften Runde muss dann Joe Louis tatsächlich aufgeben. »Ein armer geschlagener Negerboy, der so gar nichts Furchterregendes mehr hatte«, ruft ihm die erleichterte weiße Presse hinterher.⁹
In dieser Atmosphäre beginnen im August 1936 die Olympischen Spiele in Berlin. Sie dienen nicht zuletzt dem Ziel, »die Völker der Welt zu einem großen Fest unter dem Hakenkreuz« zu vereinen, um ihnen vorzuführen, »wie die ›weiße Herrenrasse‹ siegte«,¹⁰ so denken es sich die Propagandisten des »Dritten Reiches«.
So überzeugt sind sie von der natürlichen Überlegenheit der »weißen Rasse«, dass sie bewusst für gleiche Bedingungen für Schwarze und Weiße sorgen. Beispielsweise gibt das Reichsministerium für Propaganda – zumindest für die Dauer der Spiele – die Parole aus: »Der Rassenstandpunkt soll in keiner Weise bei der Besprechung sportlicher Resultate Anwendung finden, vor allem sollen die Neger nicht in ihrer Empfindlichkeit getroffen werden.«¹¹
Als die US-amerikanische Olympiamannschaft ins Stadion einzieht, sind die schwarzen Athleten unübersehbar. Es sind sechzehn Männer und zwei Frauen, und sie gewinnen acht der 24 Gold-, vier der 20 Silber- und zwei der zwölf Bronzemedaillen der US-Mannschaft.¹²
Der berühmteste von ihnen, der bis heute noch am stärksten im Gedächtnis ist, ist Jesse Owens. James Cleveland Owens, abgekürzt J. C. Owens, wird 1913 in Alabama geboren. Auch er kommt von ganz unten. Auf dem College fällt seine große Laufbegabung auf. In Berlin gewinnt er vier Goldmedaillen: Er führt seine Vier-mal-hundert-Meter-Staffel zum Sieg, gewinnt im Hundert- und im Zweihundertmeterlauf, und er stellt einen neuen olympischen Rekord im Weitsprung auf (8,13 Meter).
Hitler schäumt vor Wut. So war das nicht geplant gewesen. Als Jesse Owens seine zweite Medaille gewinnt, erhebt sich die komplette anwesende Nazielite in der Führerloge und verlässt wütend das Olympiastadion. »Die Amerikaner sollen sich schämen, dass sie sich ihre Medaillen von Negern gewinnen lassen«, äußert Hitler zornig.¹³
Doch derartige Wutausbrüche ihres »Führers« beeinträchtigt die Begeisterung der Deutschen keineswegs – Jesse Owens wird zum absoluten Publikumsliebling. Auf Schritt und Tritt ist er von Fans und Reportern umlagert. Zumindest für die Dauer der Olympischen Spiele genießt er weit mehr Popularität als Hitler.
Zwei Jahre nach der Olympiade findet dann der Rückkampf zwischen Joe Louis und Max Schmeling statt. War schon der erste Kampf zwischen den beiden politisch und ideologisch aufgeladen, so ist es der Rückkampf noch mehr. Es ist das Jahr 1938, und der Zweite Weltkrieg zeichnet sich bedrohlich am Horizont ab.
Dieses Mal ist auch das weiße Amerika auf der Seite des »Braunen Bombers«. Der Präsident der Vereinigten Staaten, Franklin D. Roosevelt (ein Cousin des Präsidenten zur Zeit von Jack Johnson), die Kirchen, die Medien, die Kommunistische Partei Amerikas und natürlich die verschiedenen politischen Organisationen der Afroamerikaner stehen nun geschlossen hinter Joe Louis und erklären übereinstimmend, es sei dessen patriotische Pflicht, »im Interesse Amerikas, des Antifaschismus und der Schwarzen, den Deutschen niederzuschlagen.«¹⁴
Joe Louis muss dazu nicht mit patriotischen Appellen aufgefordert werden. Durch die rassistische Presseberichterstattung anlässlich des Sieges von Max Schmeling hatte er sich zutiefst verletzt gefühlt. Wie es heißt, habe Louis, eigentlich ein gutmütiger Mann, bei diesem Kampf »Hass im Herzen« getragen. Bereits nach zwei (!) Minuten und wenigen Sekunden ist Schmeling nicht nur k. o. geschlagen. Er muss auch anschließend mehrere Wochen im Krankenhaus zubringen.
Auch dieser Kampf wird als symbolische Auseinandersetzung gedeutet: nicht als Kampf zwischen Schwarz und Weiß, sondern als Kampf zwischen Demokratie und Diktatur. Mit diesem Bewusstsein ziehen dann die US-Soldaten – schwarze wie weiße – in den Krieg gegen Nazideutschland – wobei in der US-Armee nach wie vor die sogenannte Rassentrennung herrscht.
Den Sklavennamen ablegen
Knapp einen Monat nach dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg kommt am 17. Januar 1942 in Louisville, Kentucky, ein Junge zur Welt, der den Namen Cassius Marcellus Clay bekommt. Früh fängt er mit dem Boxtraining an und gewinnt 1960 die Goldmedaille im Halbschwergewicht bei den Olympischen Spielen in Rom. Da ist er grade mal 18 Jahre alt. Und er ist noch ganz der Vorzeigeamerikaner. Als ihn ein sowjetischer Reporter zur Situation der Schwarzen in den USA befragt, äußert er: »Hör mal, du Kommunist, Amerika ist das beste Land der Welt, deins nicht ausgenommen. Ich lebe lieber hier in Louisville als in Afrika, denn hier hab ich’s wenigstens nicht mit Schlangen und Alligatoren zu tun, und ich wohne nicht in Lehmhütten.«¹⁵
Doch bald erkennt er, wie wenig ihm sein neuer Ruhm nützt. Als man ihn in seiner Heimatstadt Louisville in einem Restaurant wegen seiner Hautfarbe nicht bedient und er überdies von einer Bande weißer Rassisten überfallen wird, wirft er wütend seine Goldmedaille in den Ohio.
Unterdessen erzwingt in den USA die rasch wachsende schwarze Bürgerrechtsbewegung durch zivilen Ungehorsam und Boykotte, dass die sogenannte Rassentrennung für Schulen und Busse aufgehoben wird und dass das Wahlrecht tatsächlich für alle Amerikaner gilt¹⁶ – egal welcher Hautfarbe. Gleichzeitig erlangen seit 1957 immer mehr afrikanische Staaten die Unabhängigkeit und zeigen, dass Schwarze in ihrem Kampf um Freiheit und Gerechtigkeit siegreich sein können. Wichtige Wortführer der Bürgerrechtsbewegung begreifen den Kampf der Schwarzen in den USA als Teil des Befreiungskampfes der sogenannten dritten Welt gegen den Imperialismus.
Für die jungen Männer in den USA – schwarze wie weiße – findet dieser Kampf nicht etwa irgendwo in der Ferne statt, er hat viel mit ihrem eigenen Leben zu tun. Denn zwischen 1965 und 1975 führen die USA einen immer grausameren Krieg in Vietnam gegen das Bestreben des Volkes nach Selbstbestimmung. »Vietcong« werden die Befreiungskämpfer genannt. »Cong« soll andeuten, dass sie allesamt vom Kommunismus verseucht sind und dass, wenn man nicht aufpasst, nach und nach alle angrenzenden Länder in die Hände der Kommunisten fallen werden. Überproportional viele schwarze junge Männer werden für diesen Krieg eingezogen und tot oder schwer verwundet wieder nach Hause geschickt.
Dies ist der politische Hintergrund, vor dem 1964 der junge Cassius gegen Charles »Sonny« Listen die Weltmeisterschaft erringt. Bald darauf legt er seinen Namen (»Das ist ein Sklavenname«) ab und nennt sich hinfort Muhammad Ali. Er konvertiert zum Islam und tritt der Gruppe »Nation of Islam« bei, eine schwarze Gruppierung, die Teil der schwarzen Bürgerrechtsbewegung ist und gegen den Krieg in Vietnam agitiert.
Bis 1967 gewinnt Ali alle seine Kämpfe. Dann soll er zur Armee eingezogen und nach Vietnam geschickt werden. Er weiß, dieser Einsatz ist für ihn, den erfolgreichen Sportler, absolut risikolos: Ein paar Fotos in Uniform, hin und wieder Auftritte vor Soldaten – mehr wird da nicht sein. Niemals wird er ein Gewehr in die Hand nehmen müssen oder auch nur in die Nähe von Kampfhandlungen kommen.
Doch Ali entscheidet sich anders. Öffentlich verweigert er den Kriegsdienst. Das ist illegal in den USA. »Warum verlangt man von mir, einem sogenannten Neger«, sagt er gegenüber Reportern, »eine Uniform anzuziehen und, 10.000 Meilen von der Heimat entfernt, mit Bomben und Kugeln auf braune Menschen zu zielen, während andere sogenannte Neger in Louisville wie Hunde behandelt und ihnen die elementarsten Menschenrechte verwehrt werden?« Besonders berühmt wird sein Satz: »Ich habe keinen Krieg mit dem Vietcong. Kein Vietcong hat mich jemals Nigger genannt.«¹⁷
Die Reaktion des weißen Amerika lässt nicht lange auf sich warten. Ali wird zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, die er jedoch dank einer hohen Kaution nicht antreten muss. Aber es wird ihm die Boxlizenz entzogen, und er wird mit einem Kampfverbot für die USA belegt. Und da sein Pass eingezogen wurde, kann er auch nicht im Ausland kämpfen.
Doch er lenkt nicht ein. Statt dessen hält er politische Vorträge und tritt öffentlich gegen den Vietnamkrieg und für die Rechte seiner schwarzen Landsleute ein. Für die afroamerikanische Jugend, für die aufkommende Friedensbewegung in den USA und für die Befreiungsbewegungen weltweit wird er zu einer wichtigen Identifikationsfigur.¹⁸ »Sie haben uns in unserer dunkelsten Zeit inspiriert«, versichert ihm viel später Nelson Mandela in Südafrika nach dem Ende der Apartheid. »Ihre Stärke gab uns Hoffnung.«
Anmerkungen
1 Zit. n. Weiße Hoffnung, Der Spiegel 26/1969
2 Ebd.
3 Jack London Reports. War Correspondence, Sports Articles and Miscellaneous Writings, hg. v. King Hendricks u. Irving Shephard. New York 1970, S. 258 ff. u. Finis Farr: Black Champion. The Life and Time of Jack Johnson. London 1964, S. 60
4 Beispielsweise gab es eine Bestimmung, derzufolge nur jemand wählen durfte, dessen Großvater ebenfalls gewählt hatte, die sogenannte Großvaterklausel.
5 Farr: Black Champion (Anm. 3), S. 107
6 Zit. n. Richard Harrington: Unforgivable Blackness, The Washington Post, 6.1.2005
7 Vgl. Peter Martin: Schwarz versus Weiß. In: Mittelweg 36 (1998), Nr. 5, S. 73–89
8 Hans Hielscher: Braune Bomber, Der Spiegel 9/2003
9 Arno Hellmis: Max Schmeling. Die Geschichte eines Kämpfers. Berlin 1937, S. 117
10 Vgl. Peter Martin: »Rassenkampf« im Sport. In: Peter Martin; Christine Alonzo (Hg.): Zwischen Charleston und Stechschritt. Schwarze im Nationalsozialismus. Köln 2004, S. 329–351
11 Martin: Schwarz versus Weiß (Anm. 7), S. 82
12 Außerdem erleben sie ausgerechnet in der Hauptstadt von Nazideutschland völlig neue Freiheiten: Sie werden wie Weiße behandelt. Auch im Olympischen Dorf gibt es keine »Rassentrennung«.
13 Martin: Schwarz versus weiß (Anm. 7), S. 79
14 Martin: »Rassenkampf« im Sport (Anm. 10), S. 86. Zur Ehre Max Schmelings muss gesagt werden, dass er keineswegs ein überzeugter Anhänger der Nazis war. Er wurde eher für deren Propaganda instrumentalisiert. Er weigerte sich, in die NSDAP einzutreten. Während der »Reichspogromnacht« rettete er die Söhne eines jüdischen Freundes. Von Joe Louis sprach er stets mit Hochachtung, und beide wurden nach ihrer aktiven Zeit Freunde.
15 Richard Durham: Der Größte. Meine Geschichte. Muhammad Ali. München/Zürich 1975, S. 63
16 Für die Frauen gilt das Wahlrecht seit 1920. Siehe zur schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA: Gerhard Weiß: Weiße Freiheit, junge Welt, 23.1.2026
17 Zit. n. Winfried Wolf: Muhammad Ali: Verdienste und Tragödien. In: Lunapark, 17.1.2022
18 Beispielsweise für die schwarzen Sprinter Thomas C. »Tommie« Smith und John Carlos Black, die bei der Olympiade 1968 die Gold- und die Silbermedaille gewinnen. Bei der Siegerehrung erheben sie die Faust zum Black-Panther-Gruß.
Ursula Trüper schrieb an dieser Stelle zuletzt am 19. April 2025 über Fasia Jansen: »Lieder gegen die Bombe«
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