Wenn Fische fliegen lernen
Von Wolfgang Nierlin
Soo-ha (Bella Kim) hat in Seoul koreanische und französische Literatur studiert. Jetzt lebt die junge Frau wieder in der Küstenstadt Sokcho im äußersten Nordosten des Landes, die Grenze zu Nordkorea ist nicht weit. Während die mittelgroße Stadt zwischen den schroffen Felsen des Seoraksan-Gebirges und dem Japanischen Meer in den Sommermonaten ein beliebtes Touristenziel ist, erscheint sie im Winter fast verwaist. Nebelverhangene Kälte, vereiste Straßen, Einsamkeit – das passt zu der zurückhaltenden Soo-ha, die noch auf der Suche ist nach sich selbst und nach ihrem Platz im Leben. Während sie vielleicht nur vorübergehend in der kleinen Pension »Blue House« des verwitweten Herrn Park (Tae-ho Ryu) aushilft, indem sie kocht, spült, putzt und sich um die Gäste kümmert, geht ihre Beziehung zu Jun-ho (Dyu Gong), der in der Hauptstadt eine Modelkarriere anstrebt, still ihrem Ende zu. Das Verhältnis zu ihrer alleinstehenden Mutter (Mi-hyeon Park), die als Fischverkäuferin auf dem örtlichen Markt arbeitet, ist angespannt. Ihren französischen Vater hat Soo-ha nie kennengelernt.
Auch deshalb fühlt sie sich als Außenseiterin. Emotional verunsichert und von anderen wegen ihres Aussehens immer wieder gehänselt und bevormundet, spürt sie immer deutlicher das Fehlen des Vaters. Das verstärkt sich noch, als der französische Comiczeichner Yan Kerrand (Roschdy Zem) in der Pension absteigt. Weil sie Französisch spricht, ist Soo-ha prädestiniert, sich um den unnahbaren, einzelgängerischen Gast zu kümmern, der offensichtlich nach Inspiration für eine neue Geschichte sucht. Sie begleitet ihn in die Stadt, zeigt ihm die Berge und fährt mit ihm zu einem Museum in der entmilitarisierten Zone. Heimlich beobachtet sie den Zeichner bei der Arbeit und recherchiert über dessen Privatleben. Dabei wird der Fremde ebenso zur Projektionsfläche für die Sehnsucht nach dem abwesenden Vater wie zum Objekt eines stillen Begehrens. Doch während sich Soo-ha öffnet und Zuneigung schenkt, bleibt Yan Kerrand äußerlich verschlossen. Trotzdem geschieht etwas in der jungen Frau, und es öffnet sich ihr eine neue Perspektive sowohl auf ihr Leben als auch auf ihre Mutter.
Behutsam erzählt der französisch-japanische Regisseur Koya Kamura in seinem Film »Winter in Sokcho«, der auf dem gleichnamigen Roman von Elisa Shua Dusapin basiert, von einer in mehrfacher Hinsicht schwierigen Identitätssuche. Dabei wird vieles nur angedeutet, bleibt unausgesprochen. Um das widersprüchliche innere Erleben der Heldin zu vergegenwärtigen, hat der Regisseur in Zusammenarbeit mit der renommierten Animationsfilmerin Agnès Patron kurze, animierte Sequenzen eingefügt. Deren Grundprinzip ist eine unablässige Metamorphose, bewegte Linien lösen sich in abstrakte Formen und wandelbare Körper auf. Soo-ha erlebt eine sukzessive Veränderung, die aber eher wie die Bestätigung von etwas bereits natürlich Gewusstem wirkt, ein Einverständnis mit dem Gegebenen. Sie muss nicht mehr hoffen und warten. In ihrer Phantasie kann sich ein Fisch in einen Vogel verwandeln und in den Himmel steigen.
»Winter in Sokcho«, Regie: Koya Kamura, Frankreich/Südkorea 2024, 105 Min., Kinostart: heute
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Regio:
Mehr aus: Feuilleton
-
Grüße aus New Orleans
vom 05.02.2026 -
Letzter Eintrag ins Register
vom 05.02.2026 -
Was ist Natur?
vom 05.02.2026 -
Abseits der Bühne
vom 05.02.2026 -
Nachschlag: Kopf
vom 05.02.2026 -
Vorschlag
vom 05.02.2026