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Aus: Ausgabe vom 02.02.2026, Seite 10 / Feuilleton
Deutschrap

Ab in die Kaserne

KI wie kitschige Infantilität: Felix »Kollegah« Blume pfändet Deutschlands Lenden
Von Ken Merten
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Starke Männer braucht das Land: Kanonenfutter Kollegah

Automatische Subjekte allenthalben: Ob sich da ein von wem auch immer von der Leine gelassener Bot im Internet über Proteste gegen die Wehrpflicht beschwert oder ob da eine menschliche Entität, ein tatsächlicher Speckgürtelstuttgarter mit Profilfoto aus dem Wanderurlaub in den Alpen, in Schnappatmung gerät, weil junge Menschen Besseres vorhaben, als an der NATO-Ostflanke verheizt zu werden, ist kaum mehr zu unterscheiden. Auch die Popmusik ist in den Topf gefallen.

Noch das »Horst-Wessel-Lied« war eindeutig menschengemachter Dreck. Doch auch das SA-Lied wurde aus vorangegangenem, teils politisch konträrem Melodie- und Textgut generiert. Vom aus dem Gerät herausgeleierten »We Are Charlie Kirk« ist Felix Blumes »Deutschland« selbst nur zu trennen, weil man Blume als Person anderweitig kennt. Ob der Mensch den Rechner mit Gülle speist, ehe der einen Song ausspuckt, oder das Programm als Zwischeninstanz ausspart, ändert am inhaltlich wie formal fragwürdigen Auswurf wenig. In beiden Fällen geht es nicht um künstliche Intelligenz, sondern um kitschige Infantilität.

Felix Blume ist ein 41jähriger Ratgeberliterat, der diesen Januar in Solingen mit dem »Alpha Gym Empire« sein erstes Fitnessstudio eröffnete. Bis vor kurzem hieß er öffentlich Kollegah, und davor mal – hahaha! – Young Latino. Jetzt firmiert er unter dem Namen, der in seinem Pass steht; wohl auch, damit ihm sein sonst wahrscheinlich weniger mit Ghettosprechgesang vertrautes Neupublikum nicht als »Passdeutschen« missdeutet.

Blume will nun, wie sein Ende 2025 erschienenes Album verrät, »Kanzler« werden. Und durch die Blume gesagt: Eine Version seiner selbst mit weniger Bizeps und Bräunungscreme, dafür höherer Stirn ist das bereits und tut sein Möglichstes als Zuarbeiter der AfD. Die bundesdeutsche Betriebsnudel Blume nun will gleich jener Kapitalalternative Bigotterie mit Doppelmoral ersetzen: »Den härtesten Arbeiter trifft es am meisten / Viele können sich den Einkauf nicht leisten / Weil alles teurer wird, Steuern hier, Steuern da«, heißt es in Exkollegahs Nationalhymne. Der Frührentier mit dem Herz für jene, die er schröpft: »Mir ist egal, wenn die Benzinsteuer steigt / Ich pack’ einfach mehr Mieter in meine Mietshäuser rein / Ey, yo, massives Einkommen / Durch massig hereinkommendes passives Einkommen« (»Elder Statesmen«). Normales Deutschland also.

Über das von Blume für dessen Konto einträgliche Alphamännchenmachen ist bereits viel gesagt – und auch wenn Trump demnächst auf Grönland landen sollte und der sich bereits freiwillig zum Fronteinsatz gemeldete Andrew Tate, im Schnee erfroren, von Robben gefressen wird, wird der eng am Krisenkapitalismus geführte Mackerfetischismus wohl noch so lange vor sich hin wesen wie das Ausbeutungssystem selbst.

Letzteres sieht seine Existenz bedroht und schlägt um sich: Während Alphapimpfe wie Benedikt Kaiser den deutsch-faschistischen Etikettenschwindel vom »Nationalsozialismus« für voll nehmen und aus Marx, Gramsci und Co. den Kommunismus herauszuschneiden suchen – Operation »Barbarossa« gelungen, Patient tot! –, kann natürlich auch Blume nicht an sich halten, postmoderne Schindluder zu treiben. Ob der nun Chat-GPT um Rat gefragt hat, oder ob es ihm selbst durch die eitle Murmel geschossen ist – jedenfalls hat er sich für den Kehrreim von »Deutschland« an Heinrich Heines »Nachtgedanken« (1844) vergriffen. »Deutschland hat ewigen Bestand, / Es ist ein kerngesundes Land; / Mit seinen Eichen, seinen Linden, / Werd’ ich es immer wiederfinden« – wäre Heine nicht derjenige, der genau wusste, zu welchen nicht ungefährlichen Idiotien und Schandtaten die Deutschtümler fähig ist, er täte jetzt ob der über ironische Haupttöne mit dem »Leopard«-Panzer hinwegkrachenden Um- und Entwertung seines Werks im Grabe rotieren. So ist alles, was Heine schrieb, bestätigt, wenn Blume – der neben vielem anderen, auch nicht singen kann – den Refrain vernuschelt, auf dass die Nation erahnen mag, was er eigentlich meint: Deutschland hat ewigen Bestand, / Es ist ein kerngesundes Land; / Mit seinen Leichen (oder: Reichen?), seinen Lenden, / Werd’ ich es immer wieder pfänden. So klingt’s und ehrlich wäre auch: Werd’ ich es immer wieder schänden.

»Wär ich Kanzler, würd ich für Deutschland kämpfen bis aufs Blut« – so palavern die, die diese Bundesrepublik längst zur Kaserne umbauen, schon lange, nur meist weniger McFit-martialisch. Es gab einmal ein Land auf diesem Flecken Erde, das nicht nach Weltmacht gierte, seinen Bewohnerinnen und Bewohnern keine Leichentücher webte und in dem statt dessen Heinrich Heine verstanden wurde. Wenn Felix Blume vor »jedem deutschen Altersheim« salutiert, dann hat er jenes Land nicht im Sinn. Das beruht auf Gegenseitigkeit, hatten doch chauvinistische Marktmachthampelmänner in der DDR nichts zu melden.

Was auch immer Blumes Mission ist, sie schmerzt nicht zuletzt im Ohr.

Felix Blume: »Kanzler (Frührentnertape Vol. 1)« (Alpha Music)

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich Hopfmüller aus Stadum (1. Februar 2026 um 21:03 Uhr)
    Wenn Felix Blume vor »jedem deutschen Altersheim« salutiert, bezwetschgige ich mich vor jedem Obstbaum.

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