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Aus: Ausgabe vom 02.02.2026, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Blue Notes auf der Reeperbahn

Robert Bracks leichthändiger Kriminalroman »Die nackte Haut«
Von Andreas Schäfler
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Lesen, was man kennt: Krimiautor Robert Brack

Scotch ist 1951 nicht ohne weiteres zu bekommen an einem Tresen auf St. Pauli. Martha Kiesler ergattert meistens trotzdem einen, wenn sie im Gegenzug zwei ihrer aus den USA mitgebrachten Pall-Mall-Zigaretten offeriert. Die New Yorker 52nd Street war zwar auch nur »die Fortsetzung der Reeperbahn mit amerikanischen Mitteln« gewesen, aber eine Zeitlang hatte sie sich doch wie ein zweites Zuhause angefühlt für die Jazzpianistin, deren Stern einst im naziverseuchten Hamburg aufgegangen war.

Martha heuert im einigermaßen anständigen Hotel König-Royal an, wo sie auf einem Steinway vor ahnungslosen Handelsvertretern zahmes Zeug zum Besten gibt. Nachts aber macht sie nebenan auf der sündigen Meile schon bald wieder die nachwachsenden Fans verrückt – mit einer neuen, verwegenen Spielart des Jazz, die Bebop heißt. Richtig zur Sache geht es immer dann, wenn Paul mitspielt, ein schwarzer GI, von dem es heißt, er sei ein Deserteur. Seinen Kontrabass muss er jedoch öfter mal verpfänden, weil er bei Kumpel Mike in der Kreide steht, aber zwischen Paul und Martha knistert es nicht nur musikalisch.

Jack, ein gealterter Swing-Heini aus Marthas früheren Fanclique, liegt ihr nach all den Jahren noch immer zu Füßen und ködert sie nun als Attraktion für seine neue Bohemia-Bar, prominent neben dem berühmten Café Keese gelegen (das strenggenommen erst 1953 an der Reeperbahn eröffnete). Friedhelm, der es vom ehemaligen Hitlerjungen zum Polizeibeamten in der Davidwache gebracht hat, setzt dort allerdings gern die eine und andere Razzia an. Oder Winkler, der Grundstücksspekulant, schickt gleich ein Rollkommando vorbei. Jeder gegen jeden, aber was soll’s? Fängt man eben wieder bei null an, das ist ohnehin die Devise der Dekade. Marthas eigentliche Leerstelle – und neben der ins Stocken geratenen US-Karriere wohl der Hauptgrund für ihre Rückkehr – ist aber ihre große Liebe Willy, der zehn Jahre zuvor unter ungeklärten Umständen zu Tode kam. Paul mag Marthas Traumbassist sein, doch er bleibt nur ihr Ersatzmann.

Einmal mehr kreist Robert Bracks Figurentableau um eine weibliche Hauptperson, sind Zeitkolorit und Milieuschilderungen prägnant gestaltet und die Turbulenzen der Handlung wohldosiert – aber im Zentrum steht diesmal die musikalische Spannung: »›Billie’s Bounce‹ startete sie langsam, spielte den Bebop-Blues extra funky und konnte hier nach Herzenslust harsche Blue-Note-Cluster einwerfen. Paul stieg sofort darauf ein, verstand, was sie meinte, und blieb im ganz tiefen Register, bis sie sich ausgelebt hatte. Dann verdoppelte er das Tempo als Einladung für die Bläser, und am Schluss übernahm sie das letzte Solo und ihre Hände rasten befreit über die Tasten.«

Ein deutsches Fräuleinwunder in der New Yorker Jazzszene der Bebop-Ära? Das gab es in Person der aus Leipzig stammenden Pianistin Jutta Hipp tatsächlich. Die freien Anleihen, die der Autor für »Die nackte Haut« bei deren wahrer Lebensgeschichte nimmt (und in einer Nachbemerkung auch offenlegt und kommentiert), machen das Buch zu einer Besonderheit in der Krimilandschaft. Mit Blue Notes kennt sich der Autor bestens aus, übertreibt es aber nie mit der Gelehrsamkeit. Und auch die Sexszene, zu der es zwischen Martha und Paul ja unweigerlich einmal kommen muss, vergeigt er nicht.

Der Krimiplot nimmt derweil Fahrt auf, und die Schauplätze wechseln rasant. Zusammen mit dem patenten It-Girl Blondie zieht Martha nicht nur durch die üblichen Kiezkaschemmen, sondern steuert auch den ehemaligen Luftschutzbunker unter dem Bismarck-Denkmal und einen mysteriösen Reeder-Bungalow am Blankeneser Elbhang an. Dort kommen schließlich nach so viel Bass und Klavier auch die anderen einschlägigen Instrumente zum Einsatz, die uns der Autor schon auf der ersten Seite gezeigt hat: ein Revolver und eine Pistole. Robert Brack, laut Kritiker Volker Albers »der literarische Geschichtsschreiber Hamburgs«, ist mit seinem 23. Kriminalroman eine atmosphärische deutsche Screwballtragödie gelungen.

Robert Brack: Die nackte Haut. Edition Nautilus, Hamburg 2026, 216 Seiten, 18 Euro

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