Beschwingt, nicht beschwipst
Von Gisela Sonnenburg
Der Sound schrammelt und tiriliert, trötet und rockt mit heißen Rhythmen – und mit einer nicht zu kleinen Prise Dixieland. Wenn das Quartett Faustroll Four, vom Berliner Jazzer Dirk Steglich gegründet, loslegt, swingt positive Energie. Jazz der 20er und 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts steht auf dem Programm, und der dürfte niemanden kalt lassen. Auch und gerade im tiefsten Winter nicht. Am kommenden Dienstag abend spielt Faustroll Four in der vom preisgekrönten Jazzmeister Hannes Zerbe kuratierten Reihe »jW geht Jazz«. Die findet, wie dann wieder jeden ersten Dienstag im Monat, in der Maigalerie der Tageszeitung junge Welt in Berlin-Mitte statt. Das Publikum sollte zahlreich erscheinen: Hier braucht man keinen Glühwein, um von innen warm zu werden.
Die Vorgeschichte dieses Abends reicht bis in die finstere Coronazeit zurück. Als im März 2020 die Clublichter ausgingen, fanden sich die Talente von Faustroll Four zusammen. Sie kannten sich durch Arbeiten mit anderen Bands in der Berliner Jazzszene. Jetzt begann ihre Zeit als Quartett: Mit Freiluftmusik und Hofkonzerten verhalfen sie der auf kalten Kulturentzug gesetzten Bevölkerung zu besonderen Erlebnissen. »Eine seltsame Zeit war das«, erinnert sich Dirk Steglich: »Als Musiker hing man ja völlig in der Luft, als alle geplanten Auftritte abgesagt wurden. Um so stärker genoss man die wenigen Möglichkeiten, die sich ergaben.«
Steglich kommt aus Süddeutschland, er lebt und arbeitet aber schon seit 1995 in Berlin. Vorher hat er am Staatskonservatorium Würzburg studiert, Hauptfach: Saxophon. Er ist aber auch mit der Klarinette und an der Querflöte ganz er selbst. Außer in Konzerten spielt er für den Film sowie fürs Theater und widmet sich der pädagogischen Weitergabe seines Wissens.
Sein Mitstreiter Rolf Sudmann ist Berliner Bielefelder Herkunft, und er studierte zunächst Naturwissenschaften. Aber dann holte ihn die Muse nach Hannover an die Hochschule für Musik, Theater und Medien. Klavier und Tuba hießen fortan seine Instrumente, weitere kamen dazu. Sudmann ist nämlich vielseitig. Wie das Banjo, das er am Dienstag spielen wird.
Jason J. Liebert kommt aus Vancouver (Kanada). Er beendete sein Studium an der heutigen Universität der Künste Berlin. Seit 1993 ist er in der Hauptstadt, war schon an der Neuköllner Oper, der Schaubühne und dem Berliner Ensemble engagiert, ebenso in freien Jazzbands. Er spielt am Dienstag das Sousaphon. Das ist eine Spielart der Tuba, die ihren Spieler malerisch umarmt und ihren runden Trichter fast wie einen Heiligenschein hoch über ihn hinausragen lässt. Nicht nur akustisch, auch optisch bietet das Sousaphon eine spannende Show.
Die Lady im Quartett ist Ruth Schepers aus München. Studiert hat sie im österreichischen Graz, doch in den 90er Jahren führte sie ihr Instinkt für Musik nach Berlin. Als gelernte Saxophonistin ist sie, wie am Dienstag, auch mit der Klarinette leidenschaftlich gern unterwegs. Zwei Sopranklarinetten, das Sousaphon und das Banjo – dieses Klangerlebnis fetzt, mit mitreißenden, auch schmunzeltauglichen Klassikern des Jazz. Mit dabei: Stücke von Joe »King« Oliver, einem der bedeutendsten Vertreter des New Orleans Jazz, zugleich Lehrer des berühmten Louis Armstrong.
Rolf Sudmann – der Mann am Banjo – hat Talent fürs Arrangieren. Die meisten Werke des Abends wurden ja für größere Besetzungen geschrieben. Sudmann aber haucht ihnen mit der Schrumpfung aufs Quartettformat neues Leben ein. Übrigens arbeitet Faustroll Four gerade an einer CD mit den Südstaatensongs – und probt derzeit viel. Damit das Credo des Abends sicher heißt: Beschwingt, nicht beschwipst.
Faustroll Four spielt am Dienstag, 3. Februar 2026, um 19.30 Uhr (Einlass ab 19 Uhr) in der Maigalerie der jungen Welt, Torstraße 6, 10119 Berlin. Eintritt: 10 Euro (erm. 5 Euro), Anmeldung erbeten unter: 0 30/53 63 55-54 oder maigalerie@jungewelt.de
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