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Aus: Ausgabe vom 30.01.2026, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Auge in Auge

Hochsymbolisch: Morad Mostafas Film »Aisha can’t fly away«
Von Wolfgang Nierlin
Aisha Can't Fly Away_02_© Rapid Eye Movies.jpg
»Die Traumdeutung ist die Via regia zur Kenntnis des Unbewussten im Seelenleben.« – Sigmund Freud

Konstantes Hupen. Das Verkehrschaos und der Straßenlärm sind überwältigend und allgegenwärtig. Die junge Aisha (Buliana Simon) ist vor dem Bürgerkrieg im Sudan geflüchtet und bewegt sich durch den hektischen Großstadtdschungel Kairo zu Fuß und mit dem Bus – wie in den Filmen der Dardenne-Brüder immer verfolgt von der Kamera. Zu Beginn von Morad Mostafas sozialrealistischem, nachhaltig beeindruckendem Langfilmdebüt »Aisha can’t fly away« steht die Heldin mit verstockter, freudloser Miene in einer Reihe von Lohnempfängerinnen, um ihr spärliches Gehalt entgegenzunehmen. Wie die anderen Migrantinnen verdingt sie sich als Pflegerin und Haushaltshilfe. Sie putzt, wäscht und kocht für ältere, kranke Menschen. Nach Feierabend isst sie schweigsam bei ihrem ägyptischen Freund Abdoun (Emad Ghoniem) in der Küche eines Restaurants. Wenn Aisha nicht unterwegs ist, wohnt sie in dem heruntergekommenen Altstadtviertel Ain Shams, das von einer kriminellen Bande kontrolliert wird. Deren jugendlicher Anführer Zuka (Ziad Zaza) lässt die Ausgebeutete zwar mietfrei wohnen, verlangt als Gegenleistung aber die nachgemachten Wohnungsschlüssel von Aishas Klienten.

Minutiös und dokumentarisch genau zeigt der Film die tägliche Arbeit der Protagonistin, deren Trostlosigkeit allenfalls durch ein Telefonat in die Heimat oder den Besuch einer sudanesischen Frauen-WG unterbrochen wird. Ihr auswegloses Dasein inmitten einer rauen, von permanentem Gegeneinander bestimmten Gesellschaft ist geprägt von Abhängigkeiten und Zwängen, von Unterdrückung und Diskriminierung. Selbst sexuelle Übergriffe soll die Migrantin nach dem Willen ihres Chefs als »Teil des Pflegedienstes« verstehen. Zu diesem umfassenden Ausgesetztsein, das gleichermaßen Körper und Seele angreift, kommt ein tiefes Gefühl der Einsamkeit, das noch verstärkt wird durch die Kriegsnachrichten aus dem Sudan. Während Aishas Isolation unabänderlich scheint, werden die Straßenkämpfe rivalisierender Drogengangs vor ihrem Fenster immer brutaler.

Einmal begegnet Aisha nachts einem afrikanischen Strauß. Die beiden stehen einander gegenüber, als würden sie sich kennen. Tatsächlich wird der Vogel, der nicht fliegen kann, für die junge Frau fortan zu einem imaginären Begleiter. Er ist ein Symbol, versteht sich. Je mehr der psychische Druck auf Aisha wächst, desto deutlicher stellt sie Veränderungen an ihrem Körper fest. Ihr Zahnfleisch beginnt zu bluten und ein merkwürdiger Ausschlag überzieht bald ihre Bauchregion. Ebenso intensive wie schockierende Alpträume unterbrechen die bislang nüchtern und präzise gezeichnete Wirklichkeit. Phantastisch-surrealer Ausdruck von Ungehorsam und Widerstand.

Morad Mostafa will seine Heldin nicht als Opfer zeigen, sondern als Frau, die für ein würdevolles Leben kämpft. Der Horror, der sich Aishas Körper bemächtigt, ist nicht bloß Ausdruck einer Gewalterfahrung, sondern auch ein Bild einer befreienden Verwandlung.

»Aisha Can’t Fly Away«, Regie: Morad Mostafa, Ägypten/Frankreich u. a. 2025, 131 Min., bereits angelaufen

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