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Aus: Ausgabe vom 30.01.2026, Seite 10 / Feuilleton
Stand der Dinge

Endstation. Alle aussteigen!

Geraune
Von Stefan Heidenreich
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Irgendwann ist Schluss: Alle Gleise führen nach Rom

Ob der italienische Wirtschaftshistoriker Giovanni Arrighi seine Begriffe vom Eisenbahnwesen geborgt hat, weiß ich nicht. Der Endbahnhof in Rom heißt jedenfalls »Stazione Termini«. Dort, wo alle Strecken enden. Ein Sackbahnhof, wie die Deutschen ganz prosaisch sagen. Endstation.

Arrighi geht davon aus, dass die ökonomischen Imperien aufeinander folgen. Eins nach dem anderen. Ein etwaiger Sieg der Arbeiterklasse oder dergleichen kommt in seinem Wirtschaftsmodell nicht vor. Die Imperien der vergangenen tausend Jahre wachsen und enden alle auf die gleiche Weise. Erst erfinden sie sich in der Produktion. Dann dehnen sie sich im Handel aus. Dann entdecken sie das Finanzwesen. Und dann geht es dem Ende entgegen. Auf dem Weg zum Ziel macht Arrighi zuerst die »Signal«-Krise aus. Womit wir wieder beim Eisenbahnwesen wären. Und dann die »terminale Krise«, die Endstation. Leider ist er im Jahr 2009 gestorben, so dass niemand ihn um eine Einschätzung der jüngsten Ereignisse bitten kann.

Kurz vor seinem Tod hatte er die beiden finalen Krisen jedoch bereits diagnostiziert. Das Signal sah er bereits im Vietnamkrieg und der nachfolgenden Entkopplung des US-Dollars von einer wie auch immer fiktiven Bindung an den Goldpreis. Als terminale Krise erschienen ihm die Ereignisse des Jahres 2001, also der heiße Abriss in Manhattan, das Platzen der Internetblase und die Machtergreifung der Neocons. Dass das vielleicht noch nicht die Endstation war, sondern der Zug nun an etlichen Vorstadtbahnhöfen haltmachte, mag durchaus einer Signalstörung geschuldet sein.

Seitdem weiß keiner der Fahrgäste, ob die Endstation schon erreicht ist oder ob der Zug nur auf freier Strecke zum Halt gekommen ist. Eines aber ist sicher. Es drängen schon sehr viele Fahrgäste zur Tür. Schließlich wollen die meisten zu ihren Anschlusszügen. Die Endstation ist ja auch immer auch Umsteigebahnhof, jedenfalls solange das Dach nicht eingestürzt ist. Und bei den Anschlussfahrten sieht es derzeit ein wenig eng aus. Der Fahrplan wurde arg ausgedünnt.

Man ist dabei, den Globus neu aufzuteilen. Damit sind eine ganze Reihe von Reisezielen schlicht entfallen. Verbindungen nach China wurden eingestellt, von Russland ganz zu schweigen. Aber selbst der heimische Zug der guten alten Staatsanleihen macht Probleme. Seit man auf verschiedenen Gleisen damit begonnen hat, Wagontüren zu verriegeln, einzelne Abteile zu durchsuchen und Fahrgäste unter Hausarrest zu stellen, wachsen die Zweifel.

Also sind nur noch zwei Züge übrig geblieben. Auf dem einen steht als Fahrtziel Bitcoin, auf dem anderen Gold. Beide fahren eigentlich nirgendwo hin, aber das wissen die Fahrgäste nicht, die sich vor der Eingangstüre um die letzten Tickets prügeln.

Vom Gold ist derzeit viel die Rede. Es steige im Preis, heißt es hier und da im Blätterwald. Das lässt sich nicht leugnen. Dabei ist der Wert von Gold immer ein und derselbe geblieben: nämlich nahe null. Das Zeug ist zu nichts zu gebrauchen. Es hat keinerlei industriell nutzbare Eigenschaften. Man kann nichts damit anfangen. Gold ist reine, unverwertbare Materie. Glomb, wie der Schwabe sagen würde. Klumpen, Gelumpe. Bling-Bling. Der größte Endverbraucher ist die indische Schmuckindustrie.

Aus all den anderen Metallen kann man heutzutage so erstaunliche und derzeit konjunkturbedingt stark nachgefragte Produkte wie Magneten, Magneten für Elektromotoren, Magneten für Elektromotoren in Drohnen, ganze Drohnen, Panzer, Munition oder Bomben herstellen.

Das Gold ist gleich viel wert wie zuvor. Bewegt hat sich nur der US-Dollar. Er fällt.

Ähnliches gilt im übrigen auch für den Bitcoin. Der inhärente Wert ist null. Aber immerhin lässt sich die Kryptowährung im Gegensatz zu Gold noch zu etwas gebrauchen. Man kann damit allerlei ungern gesehene Geschäfte abwickeln. Bitcoin ist reine Zirkulation.

Das Gedränge vor dem Goldzug ist in jüngster Zeit merklich dichter geworden. Seit die Vertreter der Zentralbanken Chinas und Russlands in den vorderen Wagons Platz genommen haben, wächst die Hoffnung, dass er bald den Bahnhof verlassen könnte. Der Preis für die Tickets hat sich in den vergangenen zwölf Monaten glatt verdoppelt. Noch ist das Signal zur Abfahrt nicht gegeben worden. Das Gleis ist weiterhin belegt. Auf der Strecke, so hieß es in der letzten Durchsage, würden sich einige verwirrte Patienten einer nahegelegenen Nervenklinik und kriegspielende Kinder herumtreiben. Die Abfahrt verzögert sich um wenige Minuten.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Michael Stettler aus Beeskow (1. Februar 2026 um 10:41 Uhr)
    Mein Kompliment, ein großartiger Artikel. Ein richtiges kleines Kunstwerk! Die Abfahrt verzögert sich also noch etwas, der Zug steht aber bereits bereit. Ich bin gespannt …
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich Hopfmüller aus Stadum (29. Januar 2026 um 23:18 Uhr)
    Sorry, mit Gold kann frau auch was Vernünftiges anfangen: »Verwendung von Gold für Elektronindustrie und Technik: Noch zirka 10% des geförderten Goldes fließen in die Produktion von Elektronikware und technischen Geräten. Eine hohe Korrosionsbeständigkeit, eine gute Leitfähigkeit und eine einfache Verarbeitung machen Gold hier zu einem sehr wertvollen Material, vor allem wenn es darum geht, eine dauerhafte und gegenüber Umwelteinflüssen hochresistente Funktionsfähigkeit von einzelnen Elektronikkomponenten zu gewährleisten. Eine besonders wichtige Rolle spielt Gold deswegen auch im Satellitenbau. Eine alltägliche Verarbeitung findet Gold vor allem in der IT- und Unterhaltungselektronik oder allgemein im Rahmen der Herstellung von qualitativ hochwertigen Steckverbindungen, Relais, Leiterplatten oder Bonddrähten auf Platinen und Micro-Chips.« (https://www.gold.info/einsatzgebiete/). Dieser Gebrauchswert erklärt natürlich nicht die spekulative Preisexplosion für Gold.

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