MAGA-Death
Von Gerhard Hanloser
Ich gestehe: In der ersten Jahreshälfte 1987 trug ich einen Rückenaufnäher der Thrash-Metal-Band Megadeth. Er zeigte das Bild ihres Albums »Peace Sells … but Who’s Buying?«, ein Metal-Klassiker, der im September 1986 erschien. Megadeth zählten neben Metallica, Slayer und Anthrax zu den Big Four des US-amerikanischen Thrash Metal. In unserer klassen- und milieumäßig äußerst diversen Vorstadtclique wurde heftig gestritten, welche der Bands die beste sei. Ich hielt es mit den ironischen und witzigen Anthrax, die gegen ein wesentliches Merkmal des härteren Metal verstießen, gegen den unheiligen, bösen Ernst. Metallica nahm ich damals mit »Master of Puppets« als prinzipiell antimilitaristische Band wahr, schließlich gab es auf dem 1985 erschienenen Album den Antikriegssong »Disposable Heroes«.
Mein jugendliches Unbewusstes wollte auch Megadeth so rezipieren: Klagten sie mit ihrem Albumtitel nicht an, dass im Kapitalismus zwar alles mögliche gekauft werden, sich aber niemand für den Frieden erwärmen kann? Wie sollte ich mich täuschen! Dave Mustaine, Frontmann von Megadeth und in der Anfangszeit auch Gitarrist bei Metallica, war und ist ein waschechter reaktionärer Zyniker, ein Nihilist, fasziniert von Militär, Tod und Gewalt. Ein Typ, der die Grundthese des jüngsten Buches der Soziologen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey verkörpert, dass Zerstörungslust das Wesen des neuen Faschismus ausmacht. In den letzten Jahren gab er sich spirituell, sogar religiös. 2021 soll er den langjährigen Bassisten David Ellefson wegen eines Seitensprungs gefeuert haben, das sei »unmoralisch« und so weiter. Megadeth ist MAGA-Musik.
Nun haben sie ihr 17. Album veröffentlicht, es heißt schlicht »Megadeth« und soll ihr letztes sein. Auf dem Cover verbrennt ein Totenmann im Anzug. Die Metal-Community streitet sich. Genialer, akzeptabler oder mieser Abgang? Mir egal. Denn im Dezember 1987 tourten die Circle Jerks durch Deutschland, eine eher anarchistische Hardcore-Punk-Band aus L. A., 1988 kamen die linksradikalen US-Punks von Toxic Reasons zusammen mit den großartigen Zero Boys aus Minneapolis nach Europa. Musikalisch, ästhetisch, politisch war nun Hardcore angesagt. Viele Metal-Scheiben stieß ich ab, nur wenige behielt ich. Die »Peace Sells …« steht bis heute im Plattenschrank, obwohl sie abgesehen vom Musikalischen eine Zumutung ist. Megadeth’ letztes Album ist auch musikalisch eine. Warum? Das kann man in der Besprechung des »Internet’s Busiest Music Nerd« Anthony Fantano von The Needledrop erfahren. Ein Zuschauer hat den klugen Kommentar hinterlassen: »that album cover looks like something on the back of a maga truck«.
Probeabo
Sie lügen wie gedruckt. wir drucken, wie Sie lügen.
Jetzt 2 Wochen gratis lesen – das Probeabo endet automatisch!
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Mehr aus: Feuilleton
-
»Ein Scheißleben haben wir«
vom 29.01.2026 -
Keine Angst vor heiklen Themen
vom 29.01.2026 -
Der Tod in ihrer Nähe
vom 29.01.2026 -
Januar 2026
vom 29.01.2026 -
Nachschlag: Ohne jede Kontrolle
vom 29.01.2026 -
Vorschlag
vom 29.01.2026