Kinderbetreuung auf Schwundstufe
Von Susanne Knütter
Kindergärten brauchen mehr pädagogisches Personal. Das ist seit vielen Jahren bekannt und wird immer wieder neu festgestellt. Seit ein paar Monaten suchen Einrichtungen in einigen Teilen des Landes aber händeringend nach Kindern. Die gesunkenen Geburtenzahlen haben zur Folge, dass Kitaplätze unbesetzt bleiben. Die Reaktion der Kommunal- und Landespolitik: Personal wird reduziert, Gruppen werden geschlossen, ganze Kindergärten werden aufgegeben. So bereits geschehen, zum Beispiel in Brandenburg.
Das wird durchgezogen, obwohl die Ausstattung der vorhandenen Kindergärten mit Personal trotz der gesunkenen Kinderzahl weiterhin fast überall unter den formellen Mindestanforderungen liegt. Nur ein Bruchteil der Kitas in Deutschland hat die optimale Personalstärke, um für alle Kinder einen guten Standard bei Bildung und Betreuung zu gewährleisten. Gerade einmal knapp jede siebte Einrichtung verfüge über die wissenschaftlich empfohlene volle Personalausstattung, vermeldeten am Mittwoch die Bertelsmann-Stiftung und das Österreichische Institut für Familienforschung (ÖIF) an der Uni Wien.
Laut Analyse für das Jahr 2024 arbeiten bundesweit lediglich 13,7 Prozent der Kitas mit einer 100-Prozent-Personalausstattung. Auffällig dabei: In Westdeutschland sind es im Schnitt 16,3 Prozent. In Ostdeutschland, das mit Einrichtungen der Kinderbetreuung nach dem Ende der DDR trotz der Kahlschlagwelle nach 1990 zunächst noch wesentlich besser versorgt war als der Westen, sind dagegen nur noch zwei Prozent voll ausgestattet (Berlin ist hier einbezogen). Mit einer schwachen Personaldecke – 60 Prozent und weniger als wissenschaftlich empfohlen – arbeitet demnach deutschlandweit etwa jede fünfte Kita (21,2 Prozent), wobei es im Westen rund elf Prozent, aber in den ostdeutschen Ländern mit Berlin fast zwei Drittel (65,3 Prozent) seien.
Die Analyse arbeitet mit einer sogenannten Personalausstattungsquote, die Stiftung und ÖIF entwickelt haben, um zentrale Faktoren in den heterogenen Gruppen differenziert zu berücksichtigen und in einer einzigen Kennziffer zusammenzufassen, wie es hieß. Der neue Indikator berücksichtige neben Kitagröße und Alterszusammensetzung auch den Anteil der daheim nicht Deutsch sprechenden Kinder sowie die Zahl der Jungen und Mädchen mit Eingliederungshilfe – die etwa geistig oder körperlich benachteiligt sind.
Zur Einordnung: Von mehr als 3,55 Millionen Kitakindern in Deutschland (2024) kommen laut Stiftung rund 820.640 (etwa 23 Prozent) aus einer Familie, in der vorrangig nicht Deutsch gesprochen wird. Und rund 96.365 Jungen und Mädchen in Kitas erhalten Eingliederungshilfe wegen einer Beeinträchtigung.
Für eine angemessene Förderung von Kindern, insbesondere derjenigen mit besonderen pädagogischen Anforderungen, braucht es zusätzliche Personalstunden. Eigentlich klar. In der Realität komme aber nur ein Bruchteil der Einrichtungen überhaupt auf die erforderliche volle Personalausstattung, kritisierten die Forscher. Die Mehrheit der Kinder werde nicht unter den Bedingungen betreut, die nach wissenschaftlichen Standards erforderlich seien.
Mit drastischen Folgen: Erheblicher Personalmangel kann zu »pädagogisch unangemessenem Handeln der Fachkräfte« aufgrund von Überlastung führen. Sogar viele Fachkräfte selbst sagten, dass sie wegen anhaltender Unterbesetzung nicht in der Lage seien, ihren Bildungsauftrag zu erfüllen. Das habe letztlich auch Auswirkungen auf die Sprachbildung der Kinder. Der DGB merkt an, dass vor allem finanziell benachteiligte Kinder unter den Defiziten leiden. Die »prekäre Personalsituation« gefährde zudem die Gesundheit der Fachkräfte und führe zu höheren Krankenständen. In den ostdeutschen Bundesländern bietet sich auch laut Bertelsmann-Stiftung angesichts sinkender Geburtenzahlen eine »historische« Chance für optimale Personalquoten. Dafür müssten Fachkräfte im Job gehalten werden, statt Gruppen zu schließen.
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Leserbrief von Joachim Becker aus Eilenburg (2. Februar 2026 um 10:22 Uhr)Angesichts der nicht nur ungewissen Zukunftsaussichten ist es durchaus verständlich, wenn sich junge Menschen heute gegen ein Kind entscheiden. Die BRD gilt ja nicht gerade als kinderfreundliches Land. Das zeigt sich schon allein an den ständig steigenden Kosten in den Kindertagesstätten. In der DDR sagten wir dazu Kindergarten und es gab, soweit ich mich noch an meine Kindheit erinnere, keinen Mangel an ausgebildeten Kindergärtnerinnen. Leider haben sich die Zeiten, und nicht nur die, geändert.
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