Teambuilding gegen den Faschismus
Von Philip Tassev
Das zentrale Hindernis bei der Hochrüstung der Bundeswehr ist nicht der Mangel an Geld oder an neuem Kriegsgerät. Es ist die fehlende Kriegsbegeisterung der Bevölkerung und der Unwille der Jugend zum Militärdienst. Mit groß angelegten Werbekampagnen, die die Armee als »attraktiven Arbeitgeber« darstellen und ein Soldatenleben voller Verantwortung und Abenteuer suggerieren sollen, versucht der Staat, diesen Mangel zu beheben. Skandale wie der bei den Fallschirmjägern in Zweibrücken sind da selbstverständlich Gift für das Image der Bundeswehr und verlangen nach Behandlung durch die oberste militärische Führung. Im Gegensatz zu anderen Affären hat man sich dort offenbar entschieden, die im Dezember bekannt gewordenen faschistischen Umtriebe, die Frauenfeindlichkeit und Drogenexzesse nicht herunterzuspielen, sondern öffentlichkeitswirksam Aufklärung, Ahndung und Änderungsbereitschaft zu demonstrieren.
Aus diesem Grund hatte Heeresinspekteur Christian Freuding am Mittwoch zur Luftlande- und Lufttransportschule im bayerischen Altenstadt geladen. Bei einem gemeinsamen Panel sprach er dort unter dem Veranstaltungstitel »Führungskultur – Führungsverhalten – Kameradschaft« mit Soldaten und »Vertretern der Gesellschaft« über »gute und erfolgreiche Führung«. In einem an die Truppe gerichteten »Inspekteurbrief« beklagt Freuding, dass »Vertrauen« zerstört und »das Ansehen des Heeres« beschädigt werde, wenn Soldaten »die sexuelle Selbstbestimmung anderer missachten«, mit Drogenkonsum »die Einsatzbereitschaft gefährden« und »unsere Wertebindung beschädigen, indem sie extremistischem Gedankengut Raum geben«.
Richten soll es ein »Aktionsplan Luftlandetruppe«, den Freuding am Mittwoch präsentierte. Mit ihm sollen die Ursachen der Vorfälle in Zweibrücken »nachhaltig und entschlossen bekämpft« und die Truppe »wirkungsvoll gestärkt« werden, wie es von seiten der Bundeswehr heißt. Konkret geht es um vier Bereiche, in denen die Armeeführung offenbar Nachholbedarf sieht: Dienstaufsicht, strukturelle Maßnahmen, Prävention und Resilienz und zuletzt Werdegänge.
Die Dienstaufsicht soll durch einen regelmäßigen »Jour fixe Luftlandetruppe« gewährleistet werden, bei dem Heeresinspekteure mit den verantwortlichen Kommandeuren den »Umsetzungsfortschritt des Aktionsplans« kontrollieren. Außerdem ist vorgesehen, dass der »Beauftragte für Erziehung und Ausbildung des Generalinspekteurs der Bundeswehr« öfter mal bei der Problemtruppe vorbeischauen soll, um »Beobachtungsbesuche« durchzuführen.
Unter strukturellen Maßnahmen versteht die Bundeswehr-Führung zum einen die Stärkung der »Führungsverantwortung« der Kommandeure und eine »Erweiterung ihrer Handlungsfreiräume bei Ausbildung und Erziehung von Führungs- und Schlüsselpersonal«. Zum anderen sollen die Fallschirmjäger von Personalern, Militärgeheimdienst, Truppenpsychologen und Militärpfarrern verstärkt betreut und kontrolliert werden.
Der Punkt »Prävention und Resilienz« umfasst laut Aktionsplan ein ganzes Paket an Maßnahmen, um die »Persönlichkeiten« von Bundeswehr-Angehörigen »zu entwickeln und zu stärken und die individuelle Resilienz und mentale Stärke« der Soldaten zu verbessern »und damit ihre Einsatzbereitschaft zu steigern«. Dabei will man auch auf externe Angebote von Bildungsstätten und Referenten zurückgreifen, die dann der Truppe etwas über »Geschlechterrollen in der Kampftruppe« oder Drogenmissbrauch erzählen sollen. Um den Fallschirmjägern politisch-moralische Orientierung zu geben, soll zudem ein »identitätsstiftendes, wertegebundenes Leitbild für die Luftlandetruppe« erarbeitet werden.
Die Werdegänge und die Verwendung von militärischem Personal sollen ebenfalls verändert werden, damit die Soldaten der Luftlandetruppe auch in anderen Truppenteilen »neue Perspektiven und Erfahrungen« gewinnen. Auch eine Art Rotationsprinzip für Offiziere in Schlüsselpositionen wird eingeführt.
Aber ob es wirklich möglich ist, einer imperialistischen Armee, in der Kadavergehorsam und Militarismus tagtäglich reproduziert werden, den Faschismus mit Coaching- und Teambuildingmaßnahmen auszutreiben, darf allerdings bezweifelt werden.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Michael M. aus Berlin (29. Januar 2026 um 13:25 Uhr)Mit einem wertegebundenen Luftbild ist der Endsieg nah! Herr Meier, Arbeiterveteran, Berlin-Prenzlauer Berg
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Raimon B. aus Chemnitz (29. Januar 2026 um 11:18 Uhr)Nicht nur die Bundeswehr muss reformiert werden, wenn wirklich ein »neues und antifaschistisches Image« hergestellt werden soll! Nach den Kriegsverbrecherprozessen oder schon mit ihnen begann eine zweigeteilte Entwicklung in Deutschland. Im Osten wurde einer antifaschistischen Ordnung nicht nur Leben eingehaucht, sondern die Entnazifizierung in der Gesellschaft, u. a. durch Antifaschisten und Kämpfer gegen den Faschismus in Verwaltung, Justiz und Polizei sowie Neulehrer vorangetrieben. In den drei Westzonen und später in der BRD wurden mehrheitlich die alten Beamten im staatlichen Machtapparat übernommen. Exemplarisch die Weiterbeschäftigung von Globke als Staatssekretär, Filbinger als Ministerpräsident, Gehlen als Chef des neuen Geheimdienstes, Heusinger als Generalinspekteur der Bundeswehr, Buback als Generalbundesanwalt, Schleyer als Arbeitgeberpräsident. Kasernen der Bundeswehr und Straßen sowie Plätze tragen oder trugen Namen von nazistischen Parteigängern oder Offizieren/Generälen, z.B. von Manteuffel, Moeller, Freiherr v. Fritsch, Rommel, Lent, Marseille, Lilienthal. Als das Grundgesetz für die Bundesrepublik vorbereitet wurde, erklärte einer seiner Väter, »alle deutschen Gebiete außerhalb der Bundesrepublik ist als Irrendes anzusehen«, also als Territorium unter fremder Herrschaft, »deren Heimholung mit allen Mitteln zu betreiben« wäre(Nachzulesen im Protokoll der Sitzung der Unterausschüsse des Verfassungskonvents). Wer sich diesem Diktum nicht unterwerfe, hieß es weiter, sei »als Hochverräter zu behandeln und zu verfolgen«. Der ersten Bundesregierung gehörten mehrere Mitglieder der NSDAP an. Raimon Brete, Chemnitz
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