Schoppegenie
Von Jürgen Roth
Ich lebe seit 1989 in Frankfurt, aber ich weiß bis heute nicht, was Hessen sein soll, dieses angebliche Bundesland, das höchstens ein ridiküles Sammelsurium aus verfehlten Städten, kulinarischen Entgleisungen und megalomanischen Kulten in Sachen Fußball ist.
Gut, die Rindswurst von Gref-Völsing, die man am besten in der alten, wunderschönen Metzgerei in der Hanauer Landstraße kauft, geht durch, meinetwegen desgleichen der Handkäs’, außerdem die seltsame Grie Soß’, um die sie allerwärts ein albernes Bohei veranstalten, doch wer Apfelwein trinkt, muss dringend beim Psychologen vorstellig werden, da kann mir der Maier soviel erzählen, wie er will.
Bayern hat trotz seiner erheblichen inneren Abstufungen eine Kontur, Sachsen ebenso, dito Hamburg, sogar die Schwaben sind regional gezeichnete Gestalten. Hessen? Ein Brei aus nichts und Nichtigkeit. Selbst als sprachsensiblem Menschen mag sich einem der verschluderte Dialekt nicht einprägen. Die einzigen Wendungen, die in fast dreißig Jahren den Weg in mein Hirn gefunden haben, lauten »Ei Gude, wie?« und »Ebbe langt’s!«.
Die Rodgau Monotones, bei denen Henni Nachtsheim Sänger und Saxophonist war, taten einiges dafür, von der Existenz Hessens Kunde zu geben (»Die Hesse’ komme’!«), allerdings ist das Nebenprojekt des sauguten Shouters Osti Osterwold, die Deep-Purple-Tributeband Die Bärbel im Rock, weitaus besser. Originär hessische Kunst? Ein Schlag ins Kontor. (Und man nenne jetzt nicht Goethe, die Neue Frankfurter Schule, Matthias Beltz, Peter Kurzeck und den Maier. Dett weeß ick ooch.)
Und dann, in den Achtzigern, plötzlich: Badesalz.
Gerd Knebel ist tot. Zusammen mit Nachtsheim sorgte er dafür, dass ziemlich viele Blödköppe in dieser Republik irgendwann von der Idee, es gebe so etwas wie Hessen tatsächlich, nachdrücklich Kenntnis nahmen. Und Badesalz entfaltete fortan im intellektualsensorischen Hintergrund eine Art kulturidentitätsstiftende Wirkung – vielleicht, weil Hessen bis dahin, die »Hesselbachs« und Heinz Schenk hin oder her, für jeden außerhalb der Landesgrenzen ein weißes Blatt gewesen war.
Knebel und Nachtsheim schufen geniale Sketche. »Die Volkszählung«, eine Nummer, in der sich Knebel mit Clausthaler, das aber Hansa Pils ist, besäuft (»Zischt ja wie Abbelsaft!«), entwickelt eine gnadenlose psychische Eskalationsdynamik. »Verschwundene Abbiegung« reicht an Helge Schneider heran, »Filmaufnahmen mit Christian« und »Die Anonymen Autoritätslosen« sind Schmuckstücke des Nonsens. Und in »Terrorist Hans Günther« führt Knebel, der ein überragender Schauspieler war, den ganzen Frankfurter Linkenirrsinn vor: »Ich war grad’ mit meiner Freundin am Figge’, ne, da hab’ ich in de’ Nachrichte’, da hab’ ich was über Vietnam gehört. Ich war so sauer! (…) Ich musst’ schieße’. Ich musst schieße’. Was sollt’ ich mache’?«
Ein bisschen Dieter Hallervorden, ein bisschen valentineske Sprachzertrümmerung, dialektal umgeschmolzen, und sehr viel von Monty Python: Prachtvoll demonstriert das der Badesalz-Kinofilm »Abbuzze!« von 1996, zumal in der Szenengestaltung und durch die Pseudorahmenhandlung. Es waren die glücklichen neunziger Jahre, in denen Harald Schmidt regierte, die Pointe mit Vergnügen der normunterlaufenden Surrealität geopfert wurde, im Rausch der fröhlichen Derbheit jeder einen übergebraten bekam und die Groteske das komische Potential des Spießbürgers offenlegte. Wer Gerd Knebels Feier des Asozialen, des Grobianischen – nahezu transzendent: die Headbanger-Haushütersequenz – nicht verehrt, hat einen an der Waffel.
Gerd Knebel wich vor keinem noch so flachen Wortwitz zurück (von der »Oper« zum »Ober«). Er war der Meister der hochkonzentrierten Beiläufigkeit und der veredelnden Anverwandlung ans Stumpfe und Dumpfe. Ihre Selbstkrönung bewerkstelligten er und sein kongenialer Partner Nachtsheim vor zehn Jahren mit der momentanistischen Youtube-Serie »Aso TV«. In der kommen die beiden ostentativ verlotterten Allesversteherzottel vom Thema Bilingualität auf bisexuelle Leguane und erläutern, was es mit sozialem Engagement auf sich habe. Knebel: »Das muss eine Message … Die muss nach außen gehen. Da musst irgendwie sagen: Ich mach’ das, dann hat’s auch a Folge im Engagement.«
Würdevolle Vulgarität, die »der normale Schoppekopp« verstand. »Dass wir alle a Drommelfell habbe’, das hat der Afrikaner als erstes gehabt. Mir ham des nie gehabt«, erhellte uns Gerd Knebel die Kulturevolution, und das Grundgesetz legte er obendrein aus wie ein Bundesverfassungsrichter in spe: »Meinungsfreiheit muss begrenzt werden, und dann isse auch frei. Das is’ die Logik. (…) Die Meinung, die man nicht sagen darf, is’ meinungsfrei.«
Gerd Knebel hat mit seiner unfassbaren Begabung die verschmähte, von Mutterwitz durchtränkte Subkultur des Prolls ein letztes Mal gerettet. Wie dankbar muss man ihm dafür sein, nicht bloß in Hessen. Obwohl: »Des gibt doch gaa kaa Sinn«, heute jedenfalls nicht mehr.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Christian B. aus Horgen (29. Januar 2026 um 23:47 Uhr)Ei horsche ma, Jürgen Roth, dein intelektuells Gebabbel über de Knebel und de Nachtsheim, wer solln das verstehn? Die zwee ware halt gude Kumpels und habbe geile Musik gemacht, gesoffe und Scheiss geschwätzt, en Dreggsack und en Dummschwätzer. Und der Knebel is jetzt fort für immer, frach mich net, wies mir geht. – Und von wesche, du weisst bis heut net, was Hesse sein soll, du beleidischd Lebberwurscht, paar Schoppe Ebbelwoi in de Kopp, und uff die Ohre »Erbarme, zu spät, die Hesse komme« und es scheens Medsche in de Arm, alles wirke lasse. Das hilft garandiert, du Lappekopp (Kommentar eines Exilhessen)
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