Ein großer Fisch reicht nicht
Von Thomas Berger
Mit einer großangelegten Kampagne ist Kambodscha zu Jahresbeginn gegen Standorte mutmaßlicher cyberkrimineller Netzwerke in dem südostasiatischen Land vorgegangen. Rund 300 dort festgehaltene Ausländer, meldete die Khmer Times, sollen die Ermittlungsbehörden bei einer Serie von Razzien vorgefunden haben. Die Einsätze wurden rund um die Hauptstadt Phnom Penh, in den Provinzen Siem Reap und Battambang im mittleren Norden, der südwestlichen Küstenstadt Sihanoukville sowie Svay Rieng im Osten an der Grenze zu Vietnam zwischen dem 1. und 17. Januar durchgeführt, wie Generalleutnant Chea Pov, Vizechef der nationalen Polizei, sagte.
Bei den geretteten Personen soll es sich überwiegend um Chinesen handeln. Die Opfer der mafiösen Strukturen sollen in vielen Fällen durch Entführung und Menschenhandel in regelrechten Arbeitslagern gelandet und dort dazu gezwungen worden sein, betrügerische Aktivitäten im Netz auszuführen, so die BBC.
Dass gerade chinesische Staatsangehörige in Kambodscha durch Tricks oder schlicht Entführungen in den Fängen von Cyberkriminellen landen, stimmt auch höchste Kreise in Beijing zunehmend besorgt. Chinas Botschafter Wang Wenbin traf jüngst zu Einzelgesprächen mit Kambodschas Innenminister Sar Sokha und Außenminister Prak Sokhonn zusammen, um effektiveren Schutz für seine Landsleute zu fordern. Die beiden kambodschanischen Ressortleiter sind auch stellvertretende Regierungschefs. Die Volksrepublik ist ein enger Verbündeter Kambodschas und mittlerweile der deutlich größte ausländische Investor.
Es geht nicht nur um gravierende Formen der Freiheitsberaubung, denen die Betroffenen in den Camps der Onlinemafia ausgesetzt sind. Berichte gibt es auch über folterähnliche Formen von Gewalt, wenn etwa Anweisungen nicht befolgt werden oder Fluchtversuche auffliegen. Einige der nun Aufgegriffenen waren scheinbar erfolgreich entkommen, nachdem eines der Netzwerke zuletzt größere Risse bekommen hatte: Am 6. Januar ist der Polizei ein großer Fisch ins Netz gegangen – Vincent Chen Zhi. Der 37jährige ist ein chinesisch-kambodschanischer Geschäftsmann mit höchst zweifelhaftem Ruf. Der mutmaßliche Drahtzieher wurde umgehend an China ausgeliefert. Chen ist Chef der Prince Group, die spätestens seit Oktober 2025 im Verdacht steht, im großen Stil in cyberkriminelle Machenschaften, vor allem den Betrug mit Kryptowährungen, verwickelt zu sein.
Die USA und Großbritannien haben das Firmengeflecht mit Sanktionen belegt, das US-Justizministerium hat 127.271 Bitcoin aus dem Umfeld Chens eingefroren – was einem aktuellen Gegenwert von rund 14,4 Milliarden US-Dollar entspricht. Das sei in dieser finanziellen Dimension der bisher größte Fall in der Geschichte der US-Justiz, wie Leo Lin von der Charles Sturt University in einem Beitrag für das East Asia Forum schrieb. Die Führung der Prince Group, die unter anderem auch in Singapur und Hongkong aktiv ist, hatte die Vorwürfe in einer Erklärung vom 11. November zwar bestritten. Aber auch Kambodschas Behörden sehen belastbare Beweise für kriminelle Machenschaften. Der Verkauf von Wohnungen in vier dem Konzern gehörenden Immobilien in Phnom Penh sowie einer in Sihanoukville wurde bis auf weiteres untersagt, so das Singapurer Nachrichtenportal Channel News Asia (CNA).
Trotz der jüngsten Erfolge sei nicht davon auszugehen, dass die Betrugszentren so schnell von der Bildfläche verschwinden werden, heißt es ebenfalls bei CNA. Zu tiefgreifend verwurzelt seien die Strukturen inzwischen – gerade in Kambodscha. Und tatsächlich können sich die eingesetzten Spezialeinheiten der Polizei nicht unbedingt sicher sein, ob lokale Behörden immer voll kooperieren oder es nicht doch undichte Stellen gibt. Zudem ist das Problem nicht auf ein Land beschränkt: Das von einem vielschichtigen Bürgerkrieg und einer Militärdiktatur doppelt gebeutelte Myanmar, wo in manchen Landstrichen staatliche Strukturen fast komplett fehlen, ist ein weiterer Hotspot der Branche. Und auch im dazwischen gelegenen Thailand gibt es einige Strukturen der organisierten Cyberkriminalität.
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