Erstmals Totalausfall der BVG-Straßenbahnen
Von Michael Merz
Alle reden vom Wetter – wir auch. Weiterhin gibt es einen Mix aus Regen und Schnee, teilte der Deutsche Wetterdienst (DWD) mit. Für große Teile des Landes gilt eine Warnung vor Glätte, von Hamburg bis zur Mitte Bayerns. So weit, so winterlich. Doch der Nahverkehr in den Städten funktioniert höchst unterschiedlich. In Berlin brach er zu einem großen Teil bereits am Montag zusammen: Das komplette Straßenbahnnetz der Stadt stand erstmals still, ebenso blieben die oberirdischen Gleise der U-Bahn unbefahren. Beide Verkehrsmittel werden von den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) unterhalten. »Wir haben ehrlich gesagt eine historische Lage, dass wir seit heute in den frühen Morgenstunden eine durchgehende Vereisung der Oberleitung haben und die Betriebsleitung aus Sicherheitsgründen entschieden hat, den gesamten Betrieb einzustellen«, sagte BVG-Chef Hernik Falk dem RBB am Montag.
Auch am Dienstag vormittag waren in der Hauptstadt keine Straßenbahnen unterwegs. Die vereisten Oberleitungen müssten manuell enteist werden, hieß es. Solange die Temperaturen kaum über null Grad kämen, bilde sich immer wieder neues Eis. Auf einzelnen Abschnitten fuhren dann wohl erste Züge – allerdings zunächst ohne Fahrgäste. Wann ein regulärer Betrieb wieder möglich sei, dazu gab es keine Prognose. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) nahm die BVG in Schutz: »Dass auch eine Straßenbahn bei solchen Wetterlagen in bestimmte Probleme kommt, das ist nicht auszuschließen«, so Wegner gegenüber dem RBB. Vor allem im Ostteil der Stadt, wo die meisten Tramlinien verkehren und weniger auf Busse gesetzt wird, hatte die Einstellung des Verkehrs deutliche Einschränkungen für die Bevölkerung zur Folge.
Doch wie kann es sein, dass der Schienenverkehr in Cottbus, Potsdam und Frankfurt (Oder) in Betrieb blieb? Laut dem Berliner Fahrgastverband IGEB herrschte dort identisches Wetter. Und wie war es eigentlich möglich, in extrem kalten, langen Wintern wie 1978/79 oder auch 2010 den ÖPNV in Berlin aufrechtzuerhalten? »Das Geheimnis dürfte in der in Potsdam weiterhin vorhandenen Flotte von rund 40 Jahre alten Tatra-Straßenbahnen liegen«, erklärt der BUND-Landesverband Berlin in einer Mitteilung. Die Fahrzeuge seien deutlich robuster als die »hochgezüchteten aktuellen Wagen«. Sie kommen mit den starken Stromschwankungen zurecht, die bei Abschleifen des Eispanzers um die Oberleitung auftreten. Im Anschluss könnten auch moderne Fahrzeuge problemlos wieder eingesetzt werden. Mit Extremwetterlagen sei zu rechnen, und in der Branche sei lange bekannt, dass eine »Reserve robuster Altfahrzeuge« für Enteisungseinsätze genutzt werden könne.
»Dringend müssen Politik und BVG Maßnahmen ergreifen, um mehr Verlässlichkeit beim Angebot auch bei widrigen Bedingungen zu gewährleisten«, so Katharina Wolf, Verkehrsexpertin des BUND Berlin. Doch Landes- und Bundespolitik schmücken sich lieber mit wahnwitzigen Verkehrsprojekten im Sinne der Autolobby, etwa dem Ausbau der A 100 mit Kosten von mindestens 1,1 Milliarden Euro für nur wenige Kilometer Asphalt. In diesen Tagen ist der Dokumentarfilm eines 14jährigen Schülers aus Berlin-Mitte zur Sinnhaftigkeit des A-100-Weiterbaus erschienen. »Stadtautobahn vs. Stadtbahn« stellt diesem zukunftsweisende Schienenprojekte gegenüber. »Der Film des Schülers hält der Berliner Politik den Spiegel vor«, erklärt Tobias Trommer, Sprecher des Aktionsbündnisses »A 100 stoppen«. »Dass die Jugend das so klar benennt, ist ein unüberhörbares Signal an die Politik: Wir brauchen keine neuen Stadtautobahnen, sondern die Umwidmung der Mittel für einen starken ÖPNV«, so Trommer weiter.
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