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Aus: Ausgabe vom 27.01.2026, Seite 15 / Natur & Wissenschaft
Klimawandel

Kippunkt überschritten

UN-Bericht konstatiert »Wasserbankrott«: Gewässer schrumpfen, Gletscher verschwinden
Von Wolfgang Pomrehn
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Drohnenaufnahme des schmelzenden Turtmanngletschers in den Schweizer Alpen

Weltweit wird viel zu viel Wasser verbraucht. Seit etlichen Jahren schon wird mehr konsumiert und verschmutzt, als durch Regen und Schneeschmelze neu gebildet werden kann. Die Menschheit lebt sozusagen von der Substanz, übernutzt das Grundwasser und braucht fossile Wasserkörper auf. Ein vergangene Woche veröffentlichter Bericht der Vereinten Nationen spricht von einem regelrechten Wasserbankrott. »Viele Flüsse, Seen, Aquifere, Feuchtgebiete und Gletscher haben ihre Kippunkte überschritten und können nicht wieder in ihren früheren Zustand zurückfedern«, heißt es in dem an der UN-Universität im kanadischen Richmond Hill erstellten Bericht. »Begriffe wie Wasserstress oder Wasserkrise beschreiben diese neue Realität daher nicht mehr ausreichend.«

Aquifere sind wasserführende Schichten im Untergrund. 70 Prozent dieser beträchtlichen Grundwasservorkommen sind mittlerweile nachhaltig dezimiert, die Hälfte aller Seen ist seit den 1990er Jahren geschrumpft. Prominentes Beispiel dafür ist der Aralsee in Zentralasien zwischen Kasachstan und Usbekistan, der sich bereits seit den 1960er Jahren wegen zu großer Wasserentnahme aus seinen Zuflüssen immer weiter verkleinert. Mit 68.000 Quadratkilometern, einer Fläche fast so groß wie Bayern, war er einst der weltweit drittgrößte See. Gegenwärtig sind davon nur noch eine Reihe kleinerer Seen übrig, die nicht mehr als zehn Prozent der ursprünglichen Fläche bedecken, das Wasservolumen hat sich um 90 Prozent reduziert, der Wasserspiegel ist um 25 Meter gesunken.

Auch Moore und andere Feuchtgebiete sind betroffen. Nach Angaben der UN-Fachleute gingen diese seit den 1970ern weltweit um 4,1 Millionen Quadratkilometer zurück. Das ist eine Fläche, in die Deutschland mehr als zehnmal passen würde. Dieser Verlust markiert nicht nur für die Wasserversorgung ein Problem, sondern auch für den Erhalt der biologischen Vielfalt und für die Verhütung eines katastrophalen Klimawandels. Denn Moore sind große Kohlenstoffspeicher. Fallen sie trocken, werden große Mengen des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) in die Atmosphäre entlassen.

Die größte Süßwasserreserve aber ist das Eis der Hochgebirge und der Polarregionen. Die alpinen Gletscher sind vom Rhein bis zum Indus und Mekong für viele kleine Flüsse und große Ströme wichtige Quellen. Verschwinden sie, wird der Wasserstand erheblich weniger zuverlässig, was nicht nur zum Problem für die Wasserversorgung mancher westdeutschen Stadt, sondern auch für die Binnenschiffahrt werden kann. Weltweit haben die Gletscher zwischen 2000 und 2023 fünf Prozent ihrer Masse verloren, wobei sich der Schwund im Laufe dieser Zeit deutlich beschleunigt hat. Das ergab eine Ende 2025 veröffentlichte Studie.

Von den 200.000 alpinen Gletschern, die es in den Hochgebirgen noch gibt, verschwinden derzeit jährlich 750, hat eine weitere Untersuchung ergeben. Dieses Tempo wird sich in den kommenden Jahren beschleunigen. Wenn weiterhin so viele Treibhausgase wie bislang in die Luft geblasen werden, könnte der jährliche Gletscherverlust schon um 2040 eher bei 3.000 liegen. Zum Ende des Jahrhunderts wären die meisten Hochgebirge nackt und 80 Prozent ihrer Gletscher verschwunden. In den Alpen könnte dieses Schicksal schon bis 2033 mehr als 100 der Eismassen ereilen.

Der Eisschwund ist im übrigen auch für die Bewohner der Berge gefährlich. Im Mai des vergangenen Jahres wurde in der Schweiz mit Blatten ein ganzes Dorf unter Geröll, Eis und Schlamm begraben, als ein Gletscher oberhalb der Häuser instabil geworden war. Im Himalaja stauen sich am Fuße vieler Gletscher Schmelzwasserseen hinter instabilen Wällen aus Geröll und Sand auf und bedrohen die Menschen in den Tälern. Dort ergoss sich im indischen Sikkim im Oktober 2023 ein solcher See ins Tal. Die Flutwelle riss einen erst kurz zuvor in Betrieb genommenen Staudamm ein, was die Katastrophe noch vergrößerte. Nach verschiedenen Angaben starben zwischen 77 und etwa 100 Menschen, 25.900 Gebäude und 31 größere Brücken wurden zerstört sowie 276 Quadratkilometer landwirtschaftlicher Fläche überschwemmt.

Für viele Menschen hat der Wassernotstand derweil bereits bedrohliche Ausmaße angenommen. 72 Prozent der Weltbevölkerung leben laut UN-Bericht in Ländern, in denen die Wasserversorgung mittlerweile unsicher ist. Vier Milliarden Menschen müssen mindestens einen Monat pro Jahr mit schwerem Wassermangel zurechtkommen. In Deutschland steht zwar aufgrund von meist ausreichenden Niederschlägen eigentlich genug Wasser zur Verfügung, doch selbst hier schwinden in einigen Regionen die Reserven. Zudem wird in größerem Maße sogenanntes virtuelles Wasser importiert, das in Lebensmitteln und Industriegütern steckt. »Deutschlands Wasserverbrauch findet überwiegend im Ausland statt«, wird die am Imperial College in London forschende Rike Becker von der wissenschaftsjournalistischen Plattform scinexx.de zitiert.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Olaf M. aus München (28. Januar 2026 um 08:52 Uhr)
    Panikmache sollte unbedingt vermieden werden. Das Sterben der Gletscher in alpinen Regionen ist nicht so schlimm, wie es hier dargestellt wird. Um die Dimensionen zu verdeutlichen: Heute ist der größte Gletscher auf Island – der Vatnajökull – mit 3000 Kubikkilometern etwa 40mal so groß wie alle Alpengletscher zusammen. Aber vor 5000 Jahren, in der Warmzeit des Atlantikums, in der es deutlich wärmer war als heute, war er praktisch nicht existent. In dieser Periode hat es auch keine Alpengletscher gegeben. Na und? Der Rhein wird damals trotzdem am Siebengebirge entlanggeflossen sein. Die Donau entspringt im gletscherfreien südbadischen Mittelgebirge. D.h. wenn die Alpengletscher dahinschmelzen, werden die zur Zeit noch davon gespeisten Flüsse nicht austrocknen. Die Panikmache um dieses Thema soll die zweifelhafte Kampagne des Klimawandels befeuern und ist abzulehnen. Vom Überschreiten eines »Kipppunkts« kann keine Rede sein. Etwas anderes ist der im Artikel beschriebene Wassermangel in vielen Regionen der Welt, der meist durch eine Übernutzung von natürlichen Ressourcen entstanden ist. Dies ist ein gravierendes Problem, das nur durch eine globale Kraftanstrengung überwunden werden kann, was unter den gegebenen Bedingungen des Kapitalismus leider fraglich erscheint. Hier benötigt es z. B. einen massiven Ausbau von energieintensiven Meerwasserentsalzungsanlagen sowie eine systematische Anhebung des Lebensstandards im globalen Süden, um eine deutliche Absenkung der Geburtenrate zu erzielen.
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (29. Januar 2026 um 08:27 Uhr)
      Wie schön ist es doch zu argumentieren, wenn man die Informationsfetzen nutzt, die einem in den Kram passen. Wegen der Komplexität des Themas beschränke ich mich auf ein Zitat aus »Erst flackert’s, dann kippt’s – Studie identifiziert Frühwarnsignale für das Ende der Afrikanischen Feuchtperiode« und empfehle die Lektüre dieser beiden Wikipedia-Einträge: https://de.wikipedia.org/wiki/4,2-Kilojahr-Ereignis , https://de.wikipedia.org/wiki/Misox-Schwankung. Zitat: »In der Klimaforschung sind zwei Haupttypen von Kipppunkten bekannt: Beim ersten Typ werden Prozesse zunehmend langsamer und das Klima kann sich von Störungen schlechter erholen, bis es zu einem Übergang kommt. Der zweite Typ wird nahe dem Übergang von einem Flackern zwischen stabil feuchtem und trockenem Klima begleitet. «Die beiden Arten von Kipppunkten unterscheiden sich hinsichtlich der Frühwarnsignale, mit deren Hilfe sie zu erkennen sind», erklärt Martin Trauth. «Diese zu erforschen und besser zu verstehen, ist wichtig, um mögliche zukünftige, vom Menschen verursachte Klimakipppunkte vorhersagen zu können. Während die Verlangsamung bei der ersten Art von Kipppunkten zu einer Abnahme der Variabilität, Autokorrelation und Schiefe führt, sorgt das Flackern bei der zweiten Art zu genau dem Gegenteil – und im Zweifelsfall dazu, dass der bevorstehende Kipppunkt nicht erkannt wird.»« (https://www.uni-potsdam.de/de/nachrichten/detail/2024-05-07-erst-flackerts-dann-kippts-fruehwarnsignale-ende-afrikanischer-feuchtperiode)

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