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Aus: Ausgabe vom 26.01.2026, Seite 16 / Sport
Ski alpin

Er rutscht, er schreit, das war’s

Wieso häufen sich bei Skilaufprofis die Kreuzbandrisse? Ein Überblick
Von Gabriel Kuhn
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Zwei Jahre Pause: Aleksander Aamodt Kilde kann froh sein, wieder auf Skiern zu stehen (Wengen, 13.1.2024)

Der alpine Skilauf ist eine gefährliche Sportart, das ist nichts Neues. Erst vergangenen September verstarb der 25jährige italienische Abfahrtsläufer Matteo Franzoso beim Training in Chile. Der norwegische Speed-Star Aleksander Aamodt Kilde musste nach einem fürchterlichen Sturz in Wengen im Januar 2024 fast zwei Jahre lang pausieren. Ob auch der 31jährige Franzose Cyprien Sarrazin je wieder Rennen fahren wird, steht in den Sternen. Als einer der damals weltbesten Abfahrtläufer stürzte er im Dezember 2024 in Bormio schwer und lag mehrere Tage im Koma. Anlässlich der Abfahrt von Kitzbühel vor einer Woche meinte er als Besucher: »Dass ich hier bin, ist verrückt. Zu leben, ist ein Traum.«

Die extremsten Fälle bleiben zum Glück die Ausnahme. Nicht lebensbedrohliche Verletzungen betreffen jedoch alle Rennläufer. Vor allem die Bänder werden in Mitleidenschaft gezogen, bei den schnellen Schwüngen wirken enorme Fliehkräfte auf die Gelenke, insbesondere auf die Knie. Und die Verletzungen häufen sich. In den vergangenen 25 Jahren haben sie sich unter den Topathleten verdoppelt. Am häufigsten: der Kreuzbandriss.

Der Deutsche Skiverband registrierte in den vergangenen fünf Jahren 36 Kreuzbandrisse bei Sportlern seiner Elitekader. Jedes Jahr gibt es im Weltcup prominente Ausfälle. Heuer fehlt beispielsweise die zweifache Gesamtweltcupsiegerin Lara Gut-Behrami, die sich beim Super-G-Training in den USA im November 2025 ein Kreuzband riss. Mit 34 Jahren kann das dem Karriereende gleichkommen. Wobei: Die 41jährige US-Amerikanerin Lindsey Vonn, Gewinnerin von 84 Weltcuprennen, feiert im Moment nach fünfjähriger Abwesenheit ein Sensationscomeback – mit einer Teilprothese aus Titan im rechten Knie.

In vielen Fällen reißen Kreuzbänder, ohne dass es zu einem Sturz kommt. So machte im Dezember 2024 ein Video von einer Trainingsfahrt des achtfachen österreichischen Gesamtweltcupsiegers Marcel Hirscher die Runde, der an seinem Comeback arbeitete. Das Video ist wenig spektakulär. Hirscher schwingt durch ein paar Tore, dann ein kurzer Ausrutscher, ein Schrei, das war’s. Ähnlich bei Marco Schwarz. Der Österreicher war im Dezember 2023 der letzte, der den Schweizer Marco Odermatt im Kampf um den Gesamtweltcup herausfordern konnte. Die beiden lagen in der Punktewertung gleichauf, als sich Schwarz bei der Abfahrt in Bormio plötzlich in den Schnee legte. Bei einer Schrägfahrt verschlug es ihm den Ski, Kreuzband ab.

Beinahe die Hälfte aller im Alpinen Skiweltcup aktiven Rennläufer hat mindestens einen Kreuzbandriss hinter sich. Es gibt Athleten wie die 31jährige österreichische Riesenslalomspezialistin Stephanie Brunner, bei denen das Kreuzband bereits dreimal durch war. Als Brunner bei ihrer letzten Rückkehr 2020 von einem österreichischen Journalisten gefragt wurde, was sie tun würde, wenn sie sich ein viertes Mal so verletze, meinte sie: »Wenn das Kreuzband reißt, dann reißt es halt.«

Hier mag vor allem der Trotz gesprochen haben. In der im Dezember 2025 im Bayerischen Rundfunk ausgestrahlten Doku »Jung. Weiblich. Kreuzbandriss« kommentierte Maria Riesch, eine der erfolgreichsten deutschen Skirennläuferinnen aller Zeiten, den Kreuzbandriss, der ihre Teilnahme an den Olympischen Spielen 2006 in Turin verunmöglichte, so: »Da war der seelische Schmerz sehr groß.«

Bei den Damen sind Kreuzbandrisse besonders häufig. Das ist nicht anders als im Fußball. Im Skisport werden dafür mehrere Gründe angeführt. Zunächst die Anatomie: Frauen haben weniger Masse und Muskeln, um das Kreuzband zu stabilisieren. Auch eine leichte X-Stellung der Beine, die bei Frauen öfter vorkommt als bei Männern, soll den Druck auf die Knie erhöhen. Manchen Studien zufolge spielt auch der Zyklus eine Rolle. Zyklusbedingte Schwankungen haben offenbar Einfluss auf die Elastizität der Kreuzbänder.

Nicht zu vernachlässigen sind freilich die gesellschaftlichen Realitäten. Auf eine Profisportkarriere werden weit mehr Körper junger Athleten vorbereitet als junger Athletinnen. Im Fußball hat sich das Ungleichgewicht bei Kreuzbandrissen zwischen Männern und Frauen stark verringert, seitdem in der Jugendausbildung der Frauen große Fortschritte gemacht wurden.

Natürlich werden Verletzungen in den Jugendkadern der alpinen Skisportler weniger wahrgenommen als bei den Weltcupstars. Doch sie sind dort genauso häufig, zerstören Träume und Karrieren und stellen ganze Familien vor große Herausforderungen. Rennläufer, die sich mit 16 Jahren einen Kreuzbandriss zuziehen, reißen sich im Laufe ihrer Karriere mit fast 50prozentiger Wahrscheinlichkeit erneut eines.

Warum sich die Verletzungen in den vergangenen Jahren gehäuft haben, dafür haben Experten mehrere Erklärungen. Die Pisten werden härter, das Tempo wird höher, und das Material lässt immer engere Radien zu. Bei den heute verwendeten Bindungsplatten und der mittlerweile extremen Kantenschärfe kann der kleinste Fehler große Konsequenzen haben. Dazu kommt ein immer strafferes Rennprogramm, das den Läufern wenig Zeit zur Regeneration lässt. Auch dieses Problem ist aus dem Fußball wohlbekannt.

Mittlerweile kann es auch im Skirennsport nach Kreuzbandrissen innerhalb von sechs Monaten zu einem Comeback kommen. Ob das klug ist, ist eine andere Frage. Es gibt Beispiele von Läufern, die sich im ersten Rennen nach ihrer Wettkampfpause sofort wieder das Kreuzband rissen. Möglich macht den schnellen Wiedereinstieg das Profitum. Profisportler können sich voll auf die Reha konzentrieren. Zu Wunderheilungen kommt es deshalb trotzdem nicht.

Lösungen? Sind nicht recht in Sicht. Die Pisten werden hart bleiben, denn angesichts des Klimawandels ist die Präparierung mit gefrorenem Wasser unabdingbar. Entscheidenden Materialänderungen widersetzt sich die Skiindustrie. Am ehesten ist noch die Kurssetzung verhandelbar, um zu enge Radien zu vermeiden. Gleichzeitig müssen die Rennen für das Fernsehpublikum aufregend bleiben.

Der Starchirurg Christian Fink, in dessen Innsbrucker Privatklinik bereits Dutzende Weltcupstars unters Messer kamen, meinte gegenüber der österreichischen Tageszeitung Der Standard: »Unter dem Strich ist es halt so, dass im Rennsport wie generell im Leistungssport nicht unbedingt die Gesundheit im Vordergrund steht. Es ist die Aufgabe einer Skifirma, den schnellsten Ski zu produzieren, nicht den sichersten. Und nicht der gesündeste Athlet verdient am meisten, sondern der, der am meisten gewinnt.«

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