Ein braunes Nest
Von Helmut Donat
Im Sommer 2010 machten zwei Frauen einen Spaziergang durch das berühmte, nahe bei Bremen gelegene »Künstlerdorf« Worpswede. Die eine, Christa Meiners-DeTroy, hier 1928 geboren und aufgewachsen, lebte damals schon mehr als 60 Jahre in den USA. Die andere, Anning Lehmensiek, Jahrgang 1942, wohnte seit langem im Teufelsmoor, nicht weit weg. Die Auseinandersetzung mit der Schoah hat die beiden Frauen zusammengeführt – sie waren auf der Suche nach Juden im Künstlerort.
Sie kamen zu dem Haus der Familie Abraham am damaligen Richtweg (heute Udo-Peters-Weg). Hier hatte die kleine, stille, zumeist in Schwarz gekleidete Rosa Abraham gewohnt. Christa, ihre Mutter und ihre Schwestern waren Abrahams Nachbarn gewesen. Im kleineren Nebenhaus befand sich die Schlachterei der Abrahams. Auch die Wiesen dahinter gehörten ihnen.
Im November 1939 war Christa bei dem Abschiedsbesuch von Rosa dabei. Im Wohnzimmer herrschte eine traurige, beklemmende Stimmung. Christa wusste noch nichts darüber, dass, wie sie Jahrzehnte später schreibt, die jüdische Herkunft »im Dritten Reich als ein Verbrechen galt, das die Todesstrafe verlangte«. Wenige Tage darauf war Rosa verschwunden, musste fortan in Bremen in einem »Judenhaus« leben. Im Sommer 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert und bald danach im Vernichtungslager Treblinka ermordet. Ähnlich erging es den anderen Juden im Ort.
»Versuchte Niederlassung«
Jahrzehntelang hat darüber in Worpswede niemand gesprochen. Man tat so, als wäre hier nichts geschehen. Oder als sei es doch längst »aufgearbeitet«. Als der Historiker Ferdinand Krogmann 2012 in seinem Buch »Worpswede im Dritten Reich« vor Augen führte, wie sehr auch die Künstlerschaft dem Nationalsozialismus erlag, haben es die Worpsweder Museen zunächst monatelang boykottiert. Ein Museum hat das Werk nie in sein Verkaufsangebot aufgenommen.
Aus dem Rundgang der beiden Frauen wurde eine »Entdeckungsreise« in die Vergangenheit, die sich bis in die Gegenwart erstreckt und sich auch den nach 1945 wieder in Worpswede lebenden Juden widmet. Recherchen, Gespräche mit Zeitzeugen, Archivbesuche, Auswertung von Akten und Zeitungen, das Aufstöbern von alten Fotos bringen Erstaunliches und Neues, aber auch viel Trauriges zutage.
In ihrem Buch würdigt Anning Lehmensiek das Leben der jüdischen Menschen in Worpswede während des 19. und der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts als »versuchte Niederlassung«. Es begann mit einem »Willkommen«. Dank der Fürsprache vieler Eingesessener ließ sich 1804 der Viehhändler und Schlachter Leeser Abraham als erster Jude in Worpswede nieder. Wie im Mittelalter benötigte er dazu einen »Schutzbrief« von der Regierung in Stade. Zweimal, 1799 und 1801, war sein Gesuch abgelehnt worden. Nun erschien eine Abordnung auf dem Amt Osterholz und gab zu Protokoll, dass es »der einstimmige Wunsch der ganzen Dorfschaft und Gemeinde sei, in ihrem Orte einen solchen Juden zu haben«. Eine ungewöhnliche Bitte, aber die Worpsweder brauchten einen Fleischlieferanten, der auf seinen Fahrten zu Viehmärkten zudem imstande war, Ein- und Verkäufe für sie zu erledigen.
Auch dem Antrag von 1819, den »Schutzbrief« auf den Schwiegersohn Abraham Steckler zu übertragen, wurde stattgegeben. Offenbar gelang es Steckler, wenngleich aus seiner Ehe zehn Kinder hervorgingen, sich gut über Wasser zu halten. Er handelte mit Vieh, diversen Waren und betrieb einen kleinen Laden. Doch der Wind hatte sich gedreht. Die Geschäfte des jüdischen Mitbürgers weckten den Neid eines Konkurrenten, der keinen Hehl aus seinen antisemitischen Ressentiments machte und die »Landdrostei in Stade« aufforderte, ihm den Warenhandel und das Schnapsausschenken zu verbieten. Zwar wurde der »Schutzbrief« auch 1830 wieder verlängert, doch eine Schankgenehmigung erhielt Steckler nicht. Den Laden mit Manufaktur- und Kramwaren musste er dichtmachen. Dennoch schaffte er es, über die Runden zu kommen. Aber die Vorurteile und die Missgunst blieben. In einem späteren Protokoll hieß es: Steckler habe »das ganze Haus voll von Kindern«, treibe sich »in allen möglichen Wirtshäusern« herum, lebe »seinen Verhältnissen durchaus nicht gemäß, indem er z. B. fast immer zu Wagen fuhr, wo er sehr gut hätte gehen können«. Die Wahrheit war, dass Steckler bei der fälligen Schutzverlängerung 1842 pleite war. Zudem war er – vielleicht im Zusammenhang mit dem Konkursverfahren – zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden. Seine Frau Esther ersuchte erneut um eine Schankgenehmigung; sonst drohe ihr und ihrem wieder geführten Laden der Ruin. »Dieser kleine Branntwein-Handel des Sonntags«, schrieb sie, »hat besonders zu unserem spärlichen Fortkommen (…) beigetragen, wir sind notorisch arm, haben eine zahlreiche Familie«. Doch obwohl die christlichen Kirchgänger gern bei ihr einkehrten und die Gelegenheit für kleine Einkäufe nutzten, wurde der Schnapsausschank weiter verwehrt. Esther Steckler starb 1850, ihr Mann ein Jahr später. Von der einstigen »Willkommenskultur« war nichts mehr zu spüren.
»Auf und Ab«
Auch einer anderen jüdischen Familie gelang es, in Worpswede Fuß zu fassen. Mit Isaak Steckler, einem der Söhne von Esther, wurde einem Juden erstmals erlaubt, eine »Klempnerprofession« auszuüben. Ebenso durfte er den Laden seines Vaters übernehmen, schlachten und Handel treiben. Weniger gut hingegen erging es Moses Meyer, der etwa seit 1850 in Worpswede lebte und als »Lotteriekollekteur«, Händler mit Manufakturwaren sowie nebenher als Schlachter tätig war. Er starb, wie aus einer »Sterbeliste« hervorgeht, »arm«. Seinem Sohn Meinhard, seit 1882 mit einer Christin verheiratet, schien hingegen eine weitgehende Integration gelungen zu sein. Doch er blieb eine Ausnahme und willigte in die Taufe seiner Kinder ein. 1846 kaufte er das Haus der Abrahams. Die Quellen führen ihn als »Viehhändler«, »Anbauer« und »Händler«. Seine »Steuerkraft« war nach einer Liste von 1903 genauso hoch wie die des renommierten Kaufmanns Stolte und des Schlachters Abraham. Obwohl nicht konvertiert, lag Meyer seit 1919 auf dem Worpsweder Friedhof begraben.
Das Leben der Juden in dem Ort war ein »Auf und Ab«, sieht man einmal von Michael Abraham ab, den es, aus dem Hessischen kommend, 1855 nach Worpswede verschlug. Als Schlachter und »Neubauer« genoss er bald einen außergewöhnlichen Ruf. In seinem Haus wohnten sogar zwei christliche Angestellte. Er galt als »gut situierter, umsichtiger Patriarch«. Mit Kaufmann Stolte war er Eigentümer eines Hofes im nahegelegenen Bergedorf.
Zur Realität der jüdischen Familien in Worpswede gehörten sowohl Wertschätzung als auch Anfeindungen. Die einen waren erfolgreich und rechtschaffen, die anderen scheiterten und gerieten mit dem Gesetz in Konflikt. Alle unterlagen jedoch besonderen ungerechten Einschränkungen. Sie galten von Staats wegen als Bürger, die nicht dazugehören. Wer jüdischer Herkunft war und sich in Worpswede niederlassen wollte, musste um seinen Aufenthalt kämpfen und sich in den Augen der Oberen und Festeingesessenen bewähren. Selbst wenn er schon in dem Ort geboren worden war, hing ihm das Odium des Fremden an. Er musste darum bitten, bleiben zu dürfen. Damit war immer das Risiko verbunden, abgewiesen zu werden. Geduldet wurden die Juden nur unter bestimmten Bedingungen. Im alltäglichen Sprachgebrauch war das daran erkennbar, dass nur von »dem Juden« die Rede war, gleich ob es sich um Negatives oder Positives handelte. Natürlich gab es Kontakte zwischen ihnen und den Dörflern, man hat miteinander gesprochen, sich vielleicht besucht oder ist sich im Wirtshaus begegnet. Eine gelungene Integration war das jedoch nicht.
Anning Lehmensiek fördert mit ihrem Einblick in das Leben jüdischer Menschen das Verständnis für die Sitten, Gebräuche und religiösen Vorstellungen des Judentums. Ihr sind eindrucksvolle Porträts von Worpsweder Jüdinnen und Juden gelungen. So etwa von Rosa Abraham, dem Kunstmäzen Klaus Pinkus, dem Schriftsteller Erich Schargorodsky oder dem Kunstsammler und wohlhabenden Herrenschneider Walter Steinberg, der sich nach seiner Deportation in Theresienstadt das Leben nahm. Ihnen wie den vielen anderen nähert sich die Autorin behutsam, differenziert und überaus einfühlsam. Sie gibt den Geschmähten und Opfern ihr Gesicht zurück und zeigt auf, welchen Schaden die Täter und Mitläufer auch sich selbst zugefügt haben.
Suchten im 19. Jahrhundert jüdische Gewerbetreibende wie Schlachter, Klempner und Händler in Worpswede eine Bleibe zu finden, so waren es seit 1910 auch – von dem Flair der Künstlerkolonie angezogen – Maler, Bildhauer und Schriftsteller. Karl Jakob Hirsch, aus einem orthodox-jüdischen Elternhaus in Hannover stammend, war 20 Jahre alt, als er, so Lehmensiek, 1912 ganz in das Künstlerleben eintauchte und nach Aufenthalten in Paris und Berlin immer wieder in den Ort zurückkehrte. Er war eng mit dem Kreis um Heinrich Vogeler verbunden. 1916 heiratete er eine Ärztin, 1917 erwarb er in Worpswede ein Grundstück, ließ dort ein Haus bauen mit einer Praxis für seine Frau »Gulo«. Durch seine expressionistischen Grafiken, zumeist in Franz Pfemferts Zeitschrift Die Aktion in den Jahren von 1915 bis 1919 veröffentlicht, wurde er reichsweit bekannt. Hirsch pendelte hin und her zwischen Worpswede und Berlin, wo er als Bühnenbildner an der »Volksbühne« arbeitete. Von ihm stammt das Plakat »Hinein in die KPD! (Spartakusbund)« mit Karl Liebknecht als Redner mit ausgestrecktem rechten Arm (1919). Wirklich heimisch war auch Hirsch in Worpswede nicht geworden. 1929 verließ er den Ort.
Allein gelassen
Lange vor 1933 führten nationalistisch-antisemitische Gruppierungen das große Wort und gewannen an Einfluss. Auf Kundgebungen und in Versammlungen machten sie keinen Hehl aus ihren rassistisch-revanchistischen Zielen. Bei den Reichstagswahlen im März 1933 errang die NSDAP in Worpswede fast 55 Prozent der Stimmen, etwa zehn Prozent mehr als im Reichsdurchschnitt. Widerstand gegen die Nazis und die Judenverfolgung gab es nicht. NSDAP-Ortsgruppenleiter F. Stolte und die über 300 Parteigenossen taten alles, um die Pläne des Propagandaministeriums voranzubringen, Worpswede zum Kulturzentrum des niederdeutschen Raumes auszubauen. »Freudig und opferbereit« stellte sich eine große Mehrheit dem Kampf für das »ewige deutsche Reich« und den »Führer« zur Verfügung – ob es sich dabei um die »Reinheit des Blutes«, die »Volkswohlfahrt«, die Jugend als »Kraftquelle ewig jungen Nationalsozialismus«, das »Winterhilfswerk« oder um den »Endsieg« handelte. Die Feier- und Gedenktage erhielten einen stahlhelm-hakenkreuzlerischen Anstrich. Worpswede fühlte sich offenbar ganz wohl dabei, dass ihm als »braunem Nest« ein besonderer Status zuerkannt wurde.
Eines war nicht von der Hand zu weisen: Das Streben nach einer Kunst, die sich der arischen, nordischen, germanischen oder niederdeutschen Rasse verpflichtet fühlt, war den Worpswedern wichtiger als der Schutz ihrer jüdischen Mitbürger. Es wimmelte von »Entartung« und »undeutsch«, »Entjudung« und »Überfremdung«. Manchen gelang es nach 1933, das Land unter Mühen und großen Vermögensverlusten zu verlassen. Die weiterhin in Worpswede verbliebenen Juden waren mehr als »unerwünscht«, wurden ihrer Heimstatt und ihres Eigentums beraubt, verschleppt und vernichtet. Für das heutige Worpswede dürfte oder sollte es ein schwacher Trost sein, dass es anderenorts nicht anders oder besser war. Eindrucksvoll führt Lehmensiek unter dem Titel »Verfolgung, Verharmlosung und Vernichtung« im zweiten Teil ihres Buches vor, wie die Bürger jüdischer Herkunft stigmatisiert und weitgehend allein gelassen wurden. Auch die Künstler und Schriftsteller rührten keinen Finger, sondern stellten sich in den Dienst »deutscher Kunst« oder passten sich opportunistisch an. Sie hielten ihr Bekenntnis zum Nationalsozialismus und zur »Heimatfront« selbst noch aufrecht, als es auf dem »Feld der Ehre« nichts mehr zu gewinnen gab. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollten sie nichts gesehen und nichts mit dem »Dritten Reich« zu tun gehabt haben. Dem Ganzen setzte die Krone auf, dass der vor dem 8. Mai 1945 besonders auf die »Reinhaltung der Rasse« bedachte Worpsweder Autor Waldemar Augustiny 1948 als Leiter des Entnazifizierungsausschusses im Kreis Osterholz belasteten Personen einen »Persilschein« ausstellte und ihnen zu neuen »Ehren« verhalf.
Auch die von Lehmensiek ausgewerteten Wiedergutmachungsakten vermitteln ein bedrückendes Bild vom Schicksal der einst in Worpswede ansässigen Juden und dem Umgang mit ihnen. Im Vordergrund standen nicht die Erniedrigung, Ausgrenzung, das Ausrauben, die Vertreibung und Vernichtung – und wie das alles in einem wie immer gearteten Sinne zu sühnen oder wiedergutzumachen sei. Die Opfer, unter Beweiszwang gesetzt, das ihnen zugefügte Leid nachzuweisen, gingen leer aus, während viele der Täter und Mitläufer nicht nur davonkamen, sondern sogar Kredite für den Berufseinstieg erhielten. Dass damit der Rechtsgedanke und die Demokratie von Beginn an einschneidend beschädigt wurden, hat langfristige Wirkungen gezeitigt. Wer sich mehr mit den Tätern arrangiert, als deren Opfern beizustehen, darf sich nicht wundern, wenn sich Neofaschismus, Antisemitismus und Ausländerhass im Lande des Holocaust erneut breitmachen.
Denunziatorisches Klima
Einer, der die auch in ländlichen Gebieten vorherrschende Verdrängung, Unbußfertigkeit und den Unwillen zu trauern, hautnah erlebt hat, ist Karl Jakob Hirsch. 1933 stempelten ihn die Nazis von Staats wegen zum Feind. Sein erfolgreicher und großartiger Roman »Kaiserwetter« von 1931 stand auf der Liste der zu verbrennenden Bücher. Hirsch flüchtete ins Exil, zunächst nach Dänemark, 1936 in die Schweiz, dann in die USA. Wie Heinrich Vogeler in Moskau bekämpfte Hirsch in New York als Redakteur der deutschsprachigen Neuen Volkszeitung sowie als Mitarbeiter des Aufbaus das Naziregime. Seit 1941 war er US-Bürger und arbeitete ab 1942 als Briefzensor beim Civil Service, mit dem er, inzwischen zum Christentum konvertiert, 1945 nach Deutschland in die Nähe von München zurückkehrte. Er nahm Kontakt zu seiner früheren Frau in Worpswede auf, besuchte sie im Sommer 1946 und wohnte in seinem einstigen Atelier. In Briefen hatte Gulo ihm vorab die in Worpswede vorherrschende Mentalität geschildert. So erinnerte sie ihn im Dezember 1945 daran, dass sie »viel durchgemacht habe in diesem Dorf voller Nazis. Dass die Gestapo uns ständig auf den Fersen saß, was sich heute noch unheilvoll auswirkt, da diese Gesellschaft noch heute im Untergehen Drachenzähne sät, die Vorzeichen umzukehren versucht und mit letzter Kraft sich zu entlasten, Unschuldige zu belasten sucht.« In Worpswede sei keiner dem »entsetzlich wütenden Terror antisemiticus« entgangen, den auch sie »täglich zu spüren bekam«. »Alle fanden einen elenden Tod.«
Im April 1946 erklärte sie: »Du glaubst es kaum, dass es heute noch unzählige Unbelehrbare gibt, die es einem verübeln, dass wir die Engländer ohne Blutvergießen nach der ersten Kanonade hereingebracht haben. (…) Heute treten noch Leute vor mich, die sagen: ich war SS und SA, und das bleibe ich.« Drei Monate später, im Juli 1946, sprach sie von Deutschland als »einem Land, in dem die alten Faschisten sich plötzlich als Antifaschisten gebärden und uns belasten wollen«. Ironisch fügte sie hinzu: »Du wirst hier genug erleben, um dich nicht zu langweilen! (…) Du wirst sie (die Worpsweder, H. D.) vermutlich kindlich finden, aber es sind bösartige Kinder darunter, und Kindlichkeit ist oft eine gute Maske.«
Im Januar 1947, kurz vor ihrem Tod und nach dem Besuch von Hirsch in Worpswede, schrieb sie: »Alle sprechen nur vom früheren Worpswede, wie wir es im Gedächtnis haben, heute ist nur die Landschaft noch die gleiche.«
Gulos Äußerungen offenbaren das denunziatorische Klima in Worpswede, die Unbelehrbarkeit von Nazis, Antisemiten und Mitläufern im Ort, deren Versuche der Schuldabwehr, ja sogar Schuldumkehr. Hirschs Eindrücke gehen in die gleiche Richtung. Nach einem Gespräch mit der einstigen Frau Heinrich Vogelers, die ihn »sehr freundlich, begeistert und herzlich« begrüßte, notierte er seine Verwunderung darüber, »wie das alles gekommen ist, dass man nicht mehr so sicher ist wie einst, so genau wissen kann, wie der andere denkt«. In dem zweiten Band der von Gudrun Scabell 2024 erschienenen Biographie über Martha Vogeler heißt es zu dieser Notiz von Hirsch: »Der Krieg und die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten sind für die meisten Deutschen zu diesem Zeitpunkt (1946, H. D.) Geschichte. (…) Das tägliche Ringen ums Überleben verdrängt Schuldgefühle und notwendige Fragen. Sie werden wohlweislich aus dem Bewusstsein verbannt.« Eine Entlastungslegende, die Martha Vogelers Eintritt in die NSDAP und die NS-Frauenschaft im Jahr 1937 verharmlost, selbst wenn das nur aus geschäftlichen Gründen geschehen sein sollte, mithin ebenfalls aus Überlebensrücksichten. Dagegen spricht, wie sehr sie sich im März 1938 darüber freute, als sie im Radio hört: »Österreich ist heute nationalsozialistisch geworden.« Wie Martha selbst, so übernimmt auch ihre Biographin die Sprachregelung der Nazis vom »Anschluss« und vermeidet den Begriff Okkupation. Zudem legt Scabell nahe, Marthas »begrüßende Resonanz auf den Anschluss Österreichs« sei vielleicht einer »momentanen Gefühlslage (…) geschuldet«, angeblich weil ein Brief von ihrer Tochter Mieke aus Florida sie so glücklich gemacht habe.
Ganz anders beschreibt der Pazifist Emil Felden, 1933 aus seinem Pastorenamt an der Bremer St. Martini-Gemeinde vertrieben, in seinen bislang unveröffentlichten Erinnerungen an seine Zeit unter den Nazis die Lage gleich nach der Besetzung Wiens. »Es erschallte das üble Heil-Gebrüll der entfesselten, siegestrunkenen Nazibanden in ganz Österreich, die alles zerschlugen, was ihnen nicht passte, die Häuser der Juden und die Schaufenster ihrer Läden zertrümmerten und alles stahlen, was nicht niet- und nagelfest war, die politischen Gegner in übelster Weise misshandelten – kurz und gut, sich als echte und rechte Nazis benahmen!«
Scabell unterlässt jedweden Hinweis darauf, dass es in der Zeit von 1945 bis etwa Ende 1947 eine überaus lebhafte und öffentliche Debatte gegeben hat, geprägt von der Frage: »Wie konnte es geschehen?« Zahlreiche Bücher und Darstellungen erschienen zu dem Thema, wie der Weg ins »Dritte Reich« und die Naziverbrechen vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte und Politik zu erklären seien. Viele Deutsche haben sich durchaus mit der Vergangenheit auseinandergesetzt und sich nicht allein ums tägliche Brot gekümmert. Doch stießen solche Bemühungen um eine »Bewältigung« und Durchschaubarmachung der deutschen Vergangenheit schon bald auf starke Widerstände bei den noch immer weitgehend etablierten Eliten. Der beginnende Ost-West-Konflikt spielte ihnen in die Karten. Statt sich der eigenen Verantwortung zu stellen, drückte man sich um die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte herum, stilisierte sich selbst zum Opfer und machte schließlich den »Dämon Hitler« für alles verantwortlich, was Millionen von Deutschen begangen und mitgemacht hatten. Und je mehr sie Morgenluft witterten, desto stärker redeten sie sich heraus. So notierte Martin Niemöller nach einer Rede 1946 in Erlangen, dass man hier »nur über unser Elend und Hunger« jammere, ein »Wort des Bedauerns über den Tod von fünf bis sechs Millionen« habe er indes nicht gehört.
Alle immer schon dagegen
Karl Jakob Hirsch sah seine Eindrücke in Worpswede auch in der Münchener Umgebung bestätigt. In seiner zweiten Autobiographie mit Auszügen aus seinem Tagebuch hieß es am 13. Februar 1946: »Der deutsche Mensch, der zwölf Jahre lang geglaubt hatte, dass er mit Lug und Trug, unter Schlichen und mit Kniffen irgendwelcher Art sich davor drücken könnte, einstmals verantwortlich gemacht zu werden, (…) hat bis heute noch nicht begriffen, dass er die Schuld mit sich herumschleppt, von der ihn niemand erlösen kann.« Und am 24. Februar 1946 fügte er hinzu: »Aber wer hat aus diesem ›Umbruch‹ gelernt? Ich kann es nicht beurteilen, denn die Menschen sprechen nicht mehr die Wahrheit.«
Über seinen Besuch in Worpswede notierte er am 21. Juli 1946: »Ich gehe viel durchs Dorf, über die Heide, es begegnen mir Menschen, die sich alle freuen, mich wiederzusehen. Es ist grotesk, wenn ich daran denke, dass im Jahre 1933 alle diese Menschen einen Bogen um mich machten. Gulo meinte damals, dass es besser sei, wenn ich nach (Einbruch der) Dunkelheit ausgehen würde. (…) Der Ortsvorsteher versichert mir noch, dass er ›immer dagegen‹ war. Ebenso tun es die anderen, ohne dass ich danach frage. Ein ekelhaftes Gefühl, man will ja nicht wissen, wie sie im Grunde denken, nur die ewige Beteuerung, dass sie stets Gegner eines Systems gewesen waren, unter dem sie gelebt haben, stimmt betrüblich.«
Vier Tage später, am 25. Juli 1946, drängte sich ihm eine Erkenntnis auf: »Es wird mir so klar, schreckhaft klar, dass ein großer Abschnitt, ja, ein Abgrund zwischen dem Gestern und Heute liegt. Ich muss mich manchmal selbst betasten, um zu begreifen, dass es mich noch gibt.«
Hirsch kam sich vor wie ein Fremder im eigenen Land und empfand das Leben in Deutschland als »gespenstisch« und beklemmend. Für eine Wiederauflage seines Romans »Kaiserwetter« fand er keinen Verlag. Die Begegnung mit den Bekannten in Worpswede und deren Verhalten schilderte er als »unheimlich«, »grotesk«, »ekelhaft« und »erschreckend«. Vergleicht man seine Haltung und Erfahrung mit der von denen, die sich dem Wiederaufbau nach 1945 verschrieben haben, und denen, deren Not das Nachdenken über die Vergangenheit unmöglich gemacht haben soll, dürfte klar werden, welche Welten hier aufeinanderstießen.
Hirsch und seine Frau Gulo sprechen Themen an, die bis heute die Auseinandersetzung über die Ursachen und Folgen des »Dritten Reichs« bestimmen: Die Frage nach der Schuld des Einzelnen und die nach der Abwehr bzw. Verharmlosung der eigenen Verantwortung oder Mitverantwortung, die Behauptung fast eines jeden, dass er insgeheim ein Gegner der Nazis gewesen sei – eine These, die inzwischen selbst von vielen der Enkelgeneration wiederholt und vertreten wird.
Inzwischen gibt es, nicht zuletzt infolge der Recherchen von Anning Lehmensiek, in Worpswede einen »Rosa-Abraham-Platz«. Und am 27. Januar 2026 wird auf dem Gelände des Worpsweder Rathauses der Erinnerungsort »Zum Gedenken an die im Nationalsozialismus ermordeten oder in den Tod getriebenen Worpsweder Bürgerinnen und Bürger« eingeweiht – über 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Vielleicht zu spät, aber besser spät als nie. An vielen anderen Orten ist nicht einmal das der Fall, und dabei wird es, während die AfD sich über Zulauf nicht beklagen kann, wohl bleiben. Man kann nur hoffen, dass sich infolge des über viele Jahrzehnte hinweg Versäumten nicht das Sprichwort bewahrheitet: »Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!«
Angeregt von dem Arzt Harro Jenss und dem Kunsthistoriker Bernd Küster, beide eng mit Worpswede verbunden, ist das seit langem vergriffene, von der Bremer Studienrätin Anning Lehmensiek (1942–2022) verfasste Buch »Juden in Worpswede« in neuer Aufmachung und ergänzt um Texte und Informationen, Dokumente und Bilder neu erschienen. Der frühere niedersächsische Kultusminister und Landtagspräsident Rolf Wernstedt hat dazu ein Geleitwort beigesteuert.
Anning Lehmensiek: Juden in Worpswede. Hg. von Harro Jenss und Bernd Küster. Geleitwort von Rolf Wernstedt. Donat-Verlag, Bremen 2025, 184 Seiten, 165 Abbildungen, 19,80 Euro
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