Jenseits des »Welt-Trump-Forums«
Von Jörg Kronauer
Sie haben Recht behalten, die Stimmen, die warnten, das diesjährige Weltwirtschaftsforum in Davos werde zum »Welt-Trump-Forum« verkommen. Der US-Präsident und die mitgereiste Milliardärsclique, zum Teil mit Ministerposten bedacht, dominierten weithin die Debatte und vor allem die Medienberichterstattung über das Großevent in den Schweizer Alpen. Erst der Konflikt um Grönland, der erst ein wenig gedämpft werden konnte, als Trump und NATO-Generalsekretär Mark Rutte einen Deal über die Insel erzielten, für die zu verhandeln keiner von beiden legitimiert ist. Dann die Gründung des sogenannten Friedensrats, der von Trump als Privatperson mit diktatorischen Vollmachten geführt wird und dem letztlich 35 Staaten beitraten, obwohl – oder weil – er auf lange Sicht die Vereinten Nationen ersetzen soll. Eine gewisse Erleichterung war zu verspüren, als Trump erklärte, die angedrohten Zölle auf die Importe aus acht Ländern Europas seien vom Tisch: Das sei »gut«, erklärte der Präsident des Außenhandelsverbandes BGA, Dirk Jandura, erleichtert. Der Ärger aber mit dem Friedens-, pardon, Welt-Trump-Rat fängt wohl erst an.
Das Weltwirtschaftsforum, übergangsweise geleitet von Blackrock-Chef Larry Fink, ist in diesem Jahr nicht nur von Trump, sondern von den USA insgesamt dominiert worden, die mit ihrer bislang größten Politdelegation in Davos vertreten waren und zudem die prominentesten Wirtschaftsbosse stellten. Noch in der Zeit um die globale Finanzkrise herum habe auf dem Forum unter seinem Gründer und damaligen Leiter Klaus Schwab »die Deutschland AG« den Ton angegeben, erinnerte sich wehmütig die FAZ: Der damalige Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann habe »das Forum wie kein Zweiter« geprägt; die deutsche Kfz-Industrie habe sich als »Herrscher über die Mobilität« in Szene gesetzt. In diesem Jahr habe Uber-Boss Dara Khosrowshahi die »Zukunft der Mobilität« erläutert, während Bosch-Chef Stefan Hartung im Publikum gelauscht habe. Allgemein habe anstelle der Deutschen Bank und VW das Silicon Valley die Debatten geprägt, von Meta über Palantir und Anthropic bis zu Elon Musk. Selbst die zentrale Gegenrede gegen die Trumpschen Zumutungen sei aus Amerika gekommen – von Mark Carney, dem Premierminister Kanadas.
Inhaltlich stand neben der wie üblich unsäglichen Trump-Show vor allem die künstliche Intelligenz (KI) im Mittelpunkt. Während Elon Musk einmal mehr behauptete, mit KI und Robotik steuere die Welt »auf eine Zukunft zu«, in der es keine Knappheit an Gütern und an Dienstleistungen mehr gebe, widersprach Anthropic-Chef Dario Amodei scharf und nannte derlei Äußerungen blanke Propaganda von Social-Media-Bossen, die die Zahl ihrer Kunden maximieren wollten. Ganz im Gegenteil – die Gefahr sei sehr real, dass KI schon in Kürze die Erwerbslosigkeit dramatisch steigere; für die USA hält Amodei einen Anteil von zehn Prozent für realistisch. Freilich könne die KI zu einem rapiden Wachstum führen, das aber nicht allen, sondern nur einer kleinen Elite zugute komme. Womöglich würden sich sieben Millionen Menschen mit Bezug zum Silicon Valley und, verstreut über den Rest der Welt, drei Millionen weitere die Hälfte davon aneignen können.
Auf dem Weltwirtschaftsforum selbst wie auch in der medialen Berichterstattung wurden immer wieder Rufe laut, Europa dürfe bei der KI nicht den Anschluss verlieren. Ex-Google-Chef Eric Schmidt etwa – seinerseits an der Schnittstelle zwischen dem Silicon Valley und dem US-Security-Establishment positioniert, allerdings auf seiten der Demokraten – warnte, wenn Europa es nicht schaffe, in der KI so schnell wie möglich aufzuholen, dann werde es abhängig werden von außereuropäischer Technologie, und dies sei nach Lage der Dinge US-amerikanische oder chinesische. Vermeiden lasse sich das nur mit Investitionen im Wert von vielen Milliarden Euro in quelloffene Software, und zwar sofort. Ähnliche Töne waren immer wieder zu hören. In der allgemeinen Skepsis ein wenig Mut zu machen versuchte Thomas Saueressig, Vorstand von SAP, dem Weltmarktführer für betriebswirtschaftliche Software, der gegenüber der FAZ erklärte, »vieles, was aus Europa kommt«, sei »wirklich phänomenal«; man müsse halt nur an der richtigen Stelle »punkten«. Sein Optimismus wurde nicht von allen geteilt.
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