Fähre der Poesie
Von Jens Mehrle
Der Begriff des Nachdichtens betont Spielraum und Verantwortung des nachdichtenden Autors, jener des Übertragens meint auch, etwas von einem Ort an einen anderen zu bringen. Der Begriff des Übersetzens endlich kann bedeuten, dass etwa eine Fähre einen Fluss überwindet und jemanden sicher ans andere Ufer bringt, Verbindung und Austausch stiftend. Für Ella Wengerowa ist solches Übersetzen Alltag und Feier zugleich. Die russische Germanistin, Hochschullehrerin und Übersetzerin ist seit der Bekanntschaft mit Peter Hacks’ Werken in den 1960er Jahren im besten Sinne Botschafterin seiner Dichtung – er schrieb von »Hacks-Residenten auf den Kontinenten«.
Ihre Vorgeschichte ist voller Geschichten. Der Bruder des Großvaters finanzierte Alexander Tairows Kammertheater in Moskau, in das sie früh ging. Der Großvater war Arzt, behandelte und half Lenin, dessen schriftlicher Dank der Familie über schwere Zeiten half, der mit der Perestroika jedoch seine Zauberkraft einbüßte. Wengerowa schreibt über diese Begebenheiten auf heitere und lakonische Weise in ihrem noch unübersetzten Memoirenbüchlein. Eine illustrierte Puschkin-Ausgabe – ein Geschenk ihres Vaters – habe der Zehnjährigen eine Welt eröffnet, die sie in schöner Klarheit genauer in ihren menschlichen Möglichkeiten sehen ließ. Derlei habe sie so im 20. Jahrhundert erst bei Hacks wiedergefunden.
Wengerowa studierte in den 1950er Jahren, nach dem verheerenden Krieg des faschistischen Deutschlands gegen die Sowjetunion, den sie als Kind erlebte, an der Lomonossow-Universität ausgerechnet Germanistik. Sie wurde später zur Gutenberg-Frage promoviert, war Herausgeberin, Kolumnistin und Professorin, ohne die kurzzeitige Macht jener legendären sowjetischen Kulturoffiziere des Nachkriegs, die die Deutschen an die humanistische Kraft ihrer Kunstwerke erinnerten. Doch Wengerowas vitale Begeisterung für Poesie als Lebenselixier teilt sich jedem mit, der ihr begegnet. Obgleich sie viele Autoren übersetzte, so Georg Büchner, Theodor Fontane, Ferdinand Bruckner, Ödön von Horváth, Carl Zuckmayer, Heiner Müller oder Volker Braun, sieht sie ihr Hauptwerk darin, Hacks für die russischen Leser und Bühnen zu gewinnen – so wie es ihre Vorgänger mit Lessing, Goethe, Schiller oder Brecht taten. Sie versteht ihn als neuen Klassiker, weil ihre Kriterien poetologische sind, sie eine Affinität zum Theater hat und die Weltliteratur kennt.
Wengerowas Übersetzungen seiner Stücke waren Erfolge, sobald sie in Russland oder in der Ukraine inszeniert wurden, etwa »Amphitryon« oder »Adam und Eva«.
Wengerowa erhielt für ihr Werk den Schukowski- und den Förderpreis des Goethe-Instituts. Letzteren erhielt sie 2020 für ihre Übersetzung der »100 Gedichte« von Hacks, darin zeigt sie sich selbst als nachdichtende Lyrikerin.
Wengerowa fügt ihren bald zwanzig Hacks-Bänden unermüdlich weitere hinzu, auch im Internet. Krönen will sie sie mit einer Ausgabe des »Frieden«. Um den von Hacks in seinem »Jona«-Essay zur Voraussetzung des Weltfriedens erklärten Klassenfrieden zu erreichen, wird die Renaissance eines klugen, künstlerischen, menschlichen und dramatischen Theaters gebraucht, auf dessen Bühnen, ob in Moskau oder Berlin, auch die drei späten Stücke ihren Spielort fänden, in denen Hacks russische Dramatiker adaptierte.
Wengerowas ernsthaftes und heiteres Tun auf der Fähre der Poesie kann uns die Literatur der eigenen Sprache neu entdecken lassen und sollte Beispiel sein, hierzulande den Fährbetrieb mit russischer und sowjetischer Kunst aus Vergangenheit und Gegenwart wieder aufzunehmen.
Sie habe sich, schrieb sie unlängst aus Moskau, für den morgendlichen Spaziergang fünf deutsche Märsche eingeprägt und murmle sie vor sich hin, während sie um sechs Uhr morgens die leere Straße entlanggehe: »Sie machen das Gehen leichter: Ich ging einmal spazieren nanu, nanu, nanu… / Auf, auf zum Kampf, zum Kampf… / Drum links zwei drei… / Vor der Kaserne, vor dem großen Tor… / Es zogen auf sonnigen Wegen drei lachende Mädchen vorbei…«
Vielleicht freut sie, dass in Berlin zum diesjährigen »roten Winterspaziergang« (Hacks) Anfang Januar von nicht wenigen Jungen zur Selbstermunterung zwei dieser Lieder gesungen wurden.
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