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Aus: Ausgabe vom 24.01.2026, Seite 5 / Inland
Betreuung in der Schule

Ganztags ist nicht gleich besser

Verwahrung statt pädagogischer Qualität: Rechtsanspruch auf Schulplatz von früh bis spät im Primarbereich vielfach nicht erfüllbar
Von Ralf Wurzbacher
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Extrarunde auf dem Hof: Unterrichtsschluss heißt künftig wohl nicht mehr, dass es nach Hause geht

Hurra, heute ist Penne, und das sogar bis 16 Uhr! Ob sich wohl alle Kinder so auf die Ganztagsschule freuen? Vielleicht schon bald wird das Modell die Regel sein. Ab 1. August 2026 haben alle neuen Erstklässler in Deutschland einen Rechtsanspruch darauf. Planmäßig bis zum Schuljahr 2029/30 soll der ganze Primarbereich auf Früh-bis-spät-Betreuung umgestellt sein. Womit nach Verlautbarungen der politisch Verantwortlichen ein großer Schritt in Richtung mehr Bildungsgerechtigkeit getan wäre. Von einem »echten Meilenstein« schwärmt Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU). »Im Ganztag liegt eine große Chance, um Kinder unabhängig vom Hintergrund ihrer Eltern zum Bildungserfolg zu führen.«

Gesagt hatte sie dies anlässlich der Vorlage des dritten Berichts zum »Ausbaustand der ganztägigen Bildungs- und Betreuungsangebote« Anfang Dezember. Der zeichnet ein durchweg positives Bild. Die Entwicklung schreite »dynamisch voran«, und bei Beibehaltung des Tempos könne der Bedarf »perspektivisch gedeckt werden«. Alles prima also? Von wegen. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) hat im Rahmen einer Forsa-Erhebung bei bundesweit über 1.300 Schulleitungen nachgefragt, wie die Dinge vor Ort vorangehen. Ergebnis: Es hakt an so ziemlich allem. Der Rechtsanspruch könne »zum momentanen Zeitpunkt nicht überall eingelöst werden«, äußerte am Freitag der Bundesvorsitzende Tomi Neckov in einer Medienmitteilung. Es drohten »herbe Probleme mit der Qualität des Angebots«, und man sehe »eine Gefahr für die Bildungsgerechtigkeit und logistische Herausforderungen«.

Die Umfrage wurde im September und Oktober 2025 durchgeführt. Ein Viertel der Befragten gab an, dass nicht für alle Kinder, die vor der Einschulung stehen, die Ganztagsbetreuung gewährleistet werden kann. Unter ihnen verwiesen 74 Prozent auf den Mangel an Räumlichkeiten, 67 Prozent auf Lücken beim Fachpersonal, 15 Prozent auf Probleme mit dem Mittagessen. Die Hälfte beklagte fehlende finanzielle Mittel. Das Projekt ist eines der Sorte »Augen zu und durch«. Im Vordergrund steht nicht das Kindeswohl, sondern das Interesse der Wirtschaft an allzeit frei disponiblen Arbeitskräften, verklärt mit der Formel »Vereinbarkeit von Beruf und Familie«. Dazu kommt das schmucke Beiwerk von der »Bildungsgerechtigkeit«. Was Mama und Papa im Vollzeitjob oder finanziell prekäre Elternhäuser an schulischer Unterstützung nicht leisten können, übernimmt Lehrer Dr. Specht, von morgens bis abends.

Der große Haken daran: Unter den Vorzeichen eines kaputtgekürzten Bildungssystems funktioniert das nicht. Ganztagsangebote gibt es heute bereits an den meisten weiterführenden Schulen, aber nur selten in »gebundener« Form, bei der alle Schüler verpflichtend am Nachmittag eingebunden werden. Es dominiert der »offene« Ganztag, der bei massenhaftem Mangel an Pädagogen wenig mit Unterricht und mehr mit Zeit absitzen zu tun hat. Für VBE-Chef Neckov ist es deshalb dringend erforderlich, in die »Qualitätsdiskussion« einzusteigen. Der Rechtsanspruch suggeriere pädagogische Angebote, »aber am Ende wird nur die Verwahrung von Kindern zugesichert«. Die Gelegenheit für mehr Bildungschancen werde bei unzureichender Umsetzung vertan. Laut Erhebung sehen 53 Prozent der befragten Schulleiter die pädagogische Mindestqualifikation für angehende Mitarbeiter in der Ganztagsbetreuung nicht erfüllt. Der VBE verlangt deshalb eine extra dafür qualifizierende Fortbildung. Ein polizeiliches Führungszeugnis allein »sagt noch nichts über die pädagogische Eignung aus«, so Neckov.

Eine »reine Betreuungsbilligvariante« beklagt Nicole Gohlke, Sprecherin für Bildung und Wissenschaft der Bundestagsfraktion Die Linke. Wegen der Bildungshoheit der Bundesländer gebe es keine einheitlichen Standards für Personalschlüssel, Qualifizierung oder pädagogische Inhalte, befand sie am Freitag in einer Stellungsnahme gegenüber jW. Zugleich fehlten nach Angaben der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) bis 2030 bundesweit mehr als hunderttausend Lehrkräfte und mehrere hunderttausend qualifizierte Fachkräfte. »Solange Bund, Länder und Kommunen nicht dauerhaft zusammenarbeiten dürfen, werden all diese Probleme nicht gelöst.« Bis dahin übernimmt Dr. Schlecht.

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