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Aus: Ausgabe vom 23.01.2026, Seite 11 / Feuilleton
Alltag

Menschliches Verhalten: Nicht ohne meine Zwiebel

Von Marc Hieronimus
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Entdecke die Möglichkeiten unter der Schale: Zwiebelkuchen, Stifado, Zwiebelsuppe

Aus dem Internet weiß man, dass heute manches öffentlich getan wird, was früher aus gewissen Gründen strikt zu Hause erledigt wurde. Da gab es zum Beispiel schon vor einiger Zeit das Foto von der Frau, die in der New Yorker U-Bahn Zwiebeln schneidet. Gut, die Stadt ist groß und speziell, da mag es das geben. Dann hat Kazim Akboga in der Neufassung seines Facebook-Überraschungshits »Is mir egal« das Thema Sonderverhalten für einen Werbefilm der Berliner Verkehrsbetriebe aufgegriffen. Dem BVB-Angestellten, also hier ihm selbst, ist alles Mögliche egal: Punks, Grufties, Mann macht Umzug, Mann auf Mann und eben auch Zwiebeln schneiden.

Seit dem zumindest in Teilen ironischen Video – Mann auf Pferd, Roboter mit Senf – sind weitere zehn Jahre des Wandels vergangen, und doch war ich erstaunt, als sich neulich im gut belegten Zug nach Lüttich ein Mann ein Sandwich zusammenstellte, indem er eine gepellte Zwiebel zerkaute und in eine dieser halbrunden Brottaschen spuckte. Noch Grünzeug drauf, schon konnte er »gesunde Vitamine naschen« (Storck 1976). Bald gehört solches Gebaren zum guten Ton: Es fängt an zu regnen, sollen wir nicht die Bahn nehmen? – Nee, geht nicht, ich hab’ meine Zwiebel vergessen!

Vermutlich sind die Menschen »im Grunde gut« (Rutger Bregman) und widmen sich nicht aus Provokation oder Platzhirschtum den olfaktorischen, akustischen und visuellen Ärgernissen wie Bollenschnippeln, Handykrach und Körperpflege in all ihren intimen Facetten, sondern weil sie in fast undurchdringlichen Blasen leben. Spricht man sie (mehrmals, laut) darauf an, entschuldigen sie sich oft für ihre Tat und implizit für das Vergessen, dass es erstens um sie herum noch Mitmenschen gibt, die zweitens nur bedingt ihr Interesse an Nahrungszubereitung oder Nagelreinheit teilen. Entwicklungspsychologisch sind sie damit auf dem Stand des Dreijährigen, der der Tante von »der Tina« aus der Kita erzählt, als teilten alle Menschen seine Weltsicht. Es gibt also die Hoffnung, dass sie da noch rauswachsen.

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